Entwicklungsstaaten brauchen bessere sanitäre Infrastruktur

Das zeigen auch die Cholera-Fälle in Haiti – Gestern war Welttoilettentag. Von Reinhard Nixdorf

Hier müssen sich in einer Armensiedlung im südafrikanischen Kapstadt die Bewohner eine öffentliche Toilette teilen, die im Freien steht. Wer seine Notdurft verrichtet, wirft sich ein Tuch über – weltweit brauchen Menschen bessere sanitäre Standards. Foto: dpa
Hier müssen sich in einer Armensiedlung im südafrikanischen Kapstadt die Bewohner eine öffentliche Toilette teilen, die ... Foto: dpa

Würzburg (DT) Diese Bilder wird man wahrscheinlich sein Leben lang nicht vergessen: Bis auf die Knochen abgemagerte Menschen, spindeldürre Kinder, die am Tropf hängen, viele davon liegen halbnackt auf einer Liege, unter dem Gesäß ein Loch im Holzbrett und unter dem Loch ein Eimer. Es sind Cholera-Kranke auf Haiti, die man aus Angst vor Ansteckungen in Zelten neben den Krankenhäusern untergebracht hat. Nach jüngsten Zahlen des haitianischen Gesundheitsministeriums haben sich annähernd 17 000 Menschen infiziert, insgesamt gibt es mehr als 1 000 Todesopfer landesweit zu beklagen. Die Dunkelziffer wird allerdings viermal so hoch geschätzt. Ärzte vermuten, dass in abgelegenen Dörfern viele Tote aus Angst vor Ansteckung einfach verscharrt werden.

Cholera entsteht durch verunreinigtes Trinkwasser, in dem sich die Krankheitserreger, die Choleravibrionen, vermehren. Wird das verschmutzte Wasser vom Menschen aufgenommen, kann die Krankheit zwei bis fünf Tage, unter Umständen aber auch einige Stunden nach der Infektion mit heftigem Durchfall und Erbrechen ausbrechen. Bis zu fünfzehn Liter Flüssigkeit können Cholerakranke am Tag verlieren. Sie trocknen innerlich aus. Ihr Flüssigkeitsverlust muss intravenös durch Infusionen ersetzt werden.

Auf Haiti werfen viele Menschen UNO-Soldaten vor, die Krankheit eingeschleppt zu haben, was die UNO zurückweist. Doch ein Ausbruch von Seuchen wurde seit dem Erdbeben vor acht Monaten längst befürchtet. Dabei droht die Gefahr weniger von den Zeltlagern in der Hauptstadt Port au Prince, sondern von den Elendsvierteln, in denen simpelste Hygienevoraussetzungen fehlen. Hier, wo sich Berge von Abfall türmen und Wasserläufe überfüllt mit Unrat sind, tummelt sich Ungeziefer und gedeihen Bakterien. Selbst der Bau von Latrinen ist umstritten. Ein paar Quadratmeter groß sind die Hütten, in denen Menschen ihre Notdurft verrichten sollen. Doch in die Slums, die selbst Nichtregierungsorganisationen zu unbetretbaren Gebieten erklären, gelangt so gut wie keine Hilfe.

Drastisch wird damit auf Haiti ein weltweites Problem sichtbar. 2,6 Milliarden Menschen leben immer noch ohne Zugang zu einer sauberen Toilette. Sie können ihre Notdurft nur auf offenem Feld, um Häuser und Siedlungen herum verrichten. Auf diese Weise geraten Krankheitserreger in Gewässer, ins Trinkwasser und in die Nahrungskette. Die Folgen sind prekär: Über sechstausend Kinder sterben täglich an vermeidbaren Durchfallerkrankungen wie der Cholera, mehr als an Malaria, Aids und Masern zusammen.

Mit dem Welttoilettentag am 19. November weist die World Toilet Organisation (WTO) auf diesen Missstand hin, den man in Europa kaum kennt. Er gefährdet eines der Millenniumsziele, wonach bis 2015 der Anteil der Menschen ohne Zugang auf Trinkwasser und grundlegenden Sanitäranlagen halbiert und die Kindersterblichkeit um zwei Drittel gesenkt werden soll. Eine der Maßnahmen ist der einfache Aufbau von Toiletten in öffentlichen Einrichtungen. So sammelt die WTO Spenden für Toiletten in indischen Schulen.

Wie wichtig der Aufbau von Schultoiletten ist, zeigen Informationen der seit 2005 bestehenden German Toilet Organisation (GTO) zum Zusammenhang von Krankheit, Armut, Unwissen und einer mangelnden Sanitärversorgung. Danach gehen jährlich etwa vierhundertfünfzig Millionen Schultage durch wasserbedingte Krankheiten verloren. Eine Studie in Bangladesch zeige, dass nach der Einführung von Schultoiletten elf Prozent mehr Mädchen im Menstruationsalter weiterhin die Schule besuchen. Eine ausreichende Sanitärversorgung fördere also die soziale und wirtschaftliche Entwicklung. Denn die Folgekosten aufgrund von Untätigkeit durch Krankheit seien hoch. Eine gesündere Gesellschaft mit niedrigerem Krankenstand erwirtschafte ein höheres Nationaleinkommen. Weltweit aber könne das europäische Modell, bei dem die Fäkalien mit dem wertvollen Lebensmittel Trinkwasser weggespült werden, kein Vorbild sein. Doch gebe es viele Möglichkeiten, Wasserressourcen zu schonen und dabei sogar Biogas und Dünger zu produzieren – und das ohne großen technischen Aufwand. Auf 9,5 Milliarden Dollar werden die Kosten geschätzt, um die Zahl der Menschen, die ohne sanitäre Grundversorgung leben, bis 2015 zu halbieren. Das ist lediglich ein Prozent der jährlich weltweit getätigten Militärausgaben.

Auf Haiti ist derzeit Soforthilfe gegen die Cholera in Form von Impfstoffen und Infusionsbehältern dringlich. Experten gehen davon aus, dass die Seuche noch etliche Jahre präsent bleiben wird und befürchten allein in den kommenden sechs bis zwölf Monaten zweihunderttausend Fälle. Längerfristig aber lässt sich der Kampf gegen die Seuche nur durch den Aus- und Wiederaufbau der Kanalisation gewinnen und dadurch, dass alle Menschen auf Haiti einen Zugang zu sauberen Sanitäranlagen erhalten. Das könnte auch der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung des bettelarmen Landes nützen.