Eine Sprache der Musik

Der jährlich stattfindende „Yiddish Summer Weimar" wurzelt in einer über tausendjährigen Tradition. Von Benedikt Vallendar

Freude am Musizieren auf dem jiddischen Festival in Weimar. Foto: Felikss Livschits
Freude am Musizieren auf dem jiddischen Festival in Weimar. Foto: Felikss Livschits

„Jiddisch“ hat nur indirekt mit dem Judentum zu tun, auch wenn Außenstehende beides schnell in einen Topf werfen. Auf die Abgrenzung zwischen jüdisch und jiddisch legen die Organisatoren des Yiddish Summer Festival in Weimar als „nicht religiöse Veranstaltung“ daher großen Wert. Das noch bis zum 12. August laufende Festival mit über hundert Workshops und Events möchte ein Ort sein, an dem Ausdrucksformen jiddischer Kultur eine Bühne haben, wobei die Musik nur eine, wenn auch wichtige, von vielen ist.

Entwickelt hat sich das Jiddische im Hochmittelalter als Alltagssprache der aschkenasischen Juden, eine sogenannte „Nahsprache“, die im Deutschen zahlreiche lexikalische Spuren hinterlassen hat. Die aschkenasischen Juden bilden von jeher die größte Gruppe innerhalb des Judentums. Ihre Sprache, das Jiddische, spielte lange Zeit eine wichtige Rolle, obgleich sie auch schon vor dem Holocaust fast nur noch in Osteuropa und teilweise in den USA, vor allem in bestimmten Vierteln New Yorks gesprochen wurde. Da es viele unterschiedliche jüdische Gruppen, etwa Aschkenasim, Sefardim und Mizrachim gibt, wäre es falsch, das Jiddische als verbindendes Element zu bezeichnen, was jedoch in den Medien und auch in der Literatur immer wieder vorkommt.

Schon die Proben in der Weimarer Musikschule zeigen, wie facettenreich jiddische Kultur ist: Dort wird getanzt, gelacht, gesungen und barfuß über die Bühne gelaufen. In fast allen Genres hat jiddische Musik Spuren hinterlassen, sagen Experten, selbst im Punkrock, dessen bekanntestes Gesicht in der Bundesrepublik wohl die „Toten Hosen“ sind. Nicht wenige Künstler haben sich von jiddischen Ausdrucksformen inspirieren lassen, etwa Barbara Streisand oder Woody Allen. Dass jiddische Kunstperformance auch die Kulturlandschaft der Bundesrepublik geprägt hat, zeigt sich an höchst erfolgreichen Fernsehserien wie „Dalli Dalli“ mit dem legendären Moderator Hans Rosenthal. Selbstironie und die Fähigkeit, über sich selbst zu lachen, scheint etwas zutiefst Jiddisches zu sein. Unvergessen bleibt der Unterhaltungswert des Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki, der fließend jiddisch sprach und nicht nur von Hape Kerkeling karikiert worden ist.

Jiddischer Kultur wohnt eine gewisse Leichtigkeit inne, die auf dem Weimarer Festival vielerorts spürbar ist, vor allem im Konzerthaus Mon ami, wo Menschen, ob alt oder jung, ob Jude oder Nichtjude das Miteinander unter dem Dach von Tanz, Musik und anderen Darbietungsformen genießen. In Weimar, Stadt der weltberühmten Bauhausarchitektur, zeigt sich: Jiddisch bedeutet, Gefühlen freien Lauf zu lassen, ohne aufdringlich zu wirken, im Geigenspiel, im Gespräch und bei gutem Essen.

Dass sich in Weimar mit dem Hotel „Elefant“ auch Adolf Hitlers Lieblingsabsteige befand und im nahe gelegenen KZ Buchenwald Juden ihr Leben ließen, schwingt als Teil der Erinnerungskultur immer mit und wird thematisiert, wo es sich anbietet, etwa bei „Liedern des Holocaust“, mit denen sich Teile des Festivals seit geraumer Zeit beschäftigen. „Wir sind ein Festival, das gerade die weltweit erste Konferenz zu historisch informierter Aufführungspraxis jiddischer Musik durchgeführt hat, was zeigt, dass uns Geschichte wichtig ist“, sagt Andreas Schmitges, einer der Mitorganisatoren. Gleichwohl es auch Stimmen gibt, die vor allem die vielen Toten lieber ruhen lassen möchten. „Das Leben geht weiter“, sagen auch Bürger jüdischen Glaubens, die das Gewesene zwar nicht vergessen, aber auch gern in die Zukunft blicken. Genau dafür sind sie in den neuen Bundesländern am rechten Ort, wo der Wandel stetig voranschreitet, was sich nicht nur in sanierten Straßen und schmucken Stadtvierteln, sondern auch in der Kulturszene zeigt, in der das Jiddische mittlerweile einen festen Platz hat. Seit sechzehn Jahren hat sich das Festival einen Ruf weit über Thüringen hinaus erarbeitet. „Amerikaner, Neuseeländer und Balten gehören zu unseren Stammgästen“, sagt eine Mitarbeiterin der Presseabteilung, was auch die Sprachenvielfalt in den Veranstaltungsräumen belegt: Neben Englisch, Deutsch und Jiddisch hört man dort Russisch, Estnisch und manchmal Hebräisch, die Amtssprache Israels.