Berlin

„Ein unglaublich bunter Mix“

Bernhard Felmberg ist seit 2006 als evangelischer Seelsorger in der Kapelle des Berliner Olympiastadions tätig. Im Interview spricht der 54-Jährige über christliche Nächstenliebe im Stadion, Ökumene in der Kapelle, David und Goliath bei der Predigt und einen besonderen Moment mit Otto Rehagel.

Bernhard Felmberg
Nicht nur in der Stadion-Kapelle am Ball. Seit 2018 leitet Bernhard Felmberg die Zentralabteilung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Foto: Sittig

Herr Felmberg, in Kürze wird Hertha BSC den großen FC Bayern München empfangen. Was werden Sie Ihrer Gemeinde beim Gottesdienst erzählen? Die Geschichte von David und Goliath?

Warum nicht. Wir versuchen bei den Predigten, biblische Inhalte mit einem Bezug zum Sport und der aktuellen Situation zu verknüpfen. Die Geschichte des Außenseiters, der mit viel Mut, Glaube an Gott und einer guten Taktik einen übermächtigen Gegner bezwingt, würde gut zur Partie passen. Zum Glück verlässt sich Hertha BSC nicht nur auf die eigene mentale Stärke, sondern bereitet sich gerade intensiv auf die Rückrunde vor.

Es sind nicht alle Spieler mit ins Trainingslager mitgeflogen, der Kader wird gerade kräftig ausgedünnt. Mit christlicher Nächstenliebe hat das nichts zu tun.

Im Profifußball geht es in erster Linie um Leistung und Erfolg. Wir sind nicht so naiv, nicht zu wissen, wie die Regeln sind im Fußball, die man akzeptieren muss: Dazu gehören auch Veränderungen im Kader eines Bundesligateams. Die Frage ist, wie mit den Spielern umgegangen wird, die gehen müssen. Wenn wir da das Gefühl hätten, es ginge ruppig oder unfair zu, dann könnten wir das ansprechen. Ich hatte aber das Gefühl, man hat sich korrekt verhalten.

Trotzdem gibt es kaum einen Ort, wo die christlichen Grundwerte regelmäßig eine so untergeordnete Rolle spielen wie in einem aufgeheizten Fußballstadion. Es muss für Sie ein innerer Balanceakt sein.

Ich mag die Stimmung in einem Fußballstadion grundsätzlich sehr, aber natürlich werden auch Grenzen überschritten, beispielsweise beim Stadtderby zwischen dem 1. FC Union und Hertha BSC, wo sich einige Fans mit Pyrotechnik beschossen. Das ist für viele Mitglieder der Vereine eine schwierige Situation und darüber sprechen wir auch. Wir haben dies im Gottesdienst nach diesem Spiel zum Thema gemacht, was erlaubt ist und was nicht. Was dient dem Fußball, wie sollte das Miteinander der Menschen aussehen.

Wie oft gibt es Andachten im Stadion und welche Rolle spielt die Ökumene in einer gemeinsamen Kapelle?

Man kann Gottesdienste anmelden. Zum festen Programm gehört die rund 25-minütige Andacht vor den 17 Bundesliga-Heimspielen pro Saison, die mein katholischer Kollege und ich ökumenisch abhalten, wenn wir beide können. Immer klappt das leider nicht, wir machen das ehrenamtlich. Vor dem Anpfiff stehen wir beide im Spielertunnel und geben jedem Spieler die Hand. An den Spieltagen ist die Bude voll, wir müssen meistens Stühle dazustellen.

Also auch eine gute Bühne für die Kirche.

Ja, in jedem Fall. Wir können die Kirche hier an einem besonderen Ort vertreten und eine ganz andere Zielgruppe ansprechen. Viele der jährlich rund 200 000 Besucher haben eine Begegnung mit einem geistlichen Raum, den sie sonst nicht gehabt hätten. Es besuchen uns viele Gruppen aus Berlin und Brandenburg, aber auch von sehr viel weiter her – die Reaktion ist meistens Erstaunen, dass wir hier eine Kapelle haben.

Kann jeder am Gottesdienst teilnehmen?

Ja. Es kann jeder kommen und es ist auch ein unglaublich bunter Mix vertreten, es kommen genauso Leute aus der Ostkurve, wie Präsidiumsmitglieder und Gästefans. Es ist der Ort im Stadion, an dem sich alle begegnen, so wie es unser christlicher Ansatz ist. Dass wir an so einem sensiblen Bereich unmittelbar am Spielertunnel an den Spieltagen geöffnet haben, ist übrigens einmalig in der Bundesliga.

Und dann stellen Sie sich im Hertha-Trikot vor die Fans und heizen kräftig ein?

Nein. Nie im Trikot, sondern im Talar, und ich trage auch keinen Hertha-Schal darüber. Wir wollen uns nicht anbiedern und der Unterschied zwischen Verein und Kirche soll auch deutlich sichtbar bleiben. Aber wir bringen die Fans schon in Stimmung, keine Sorge, wir entlassen sie mit gut geölten Stimmen ins Stadion.

Kommen viele Spieler zu Ihnen und war Jürgen Klinsmann eigentlich schon da?

Es kommen regelmäßig Spieler her, manche auch häufiger. Arne Friedrich war beispielsweise oft hier, auch Salomon Kalou und Fabian Lustenberger, er hat sogar sein Kind hier taufen lassen. Aber wenn wir sprechen, dann passiert das in der Regel privat und nicht in der Kapelle. Jürgen Klinsmann war schon da, wie eigentlich alle Trainer bisher. Mit Otto Rehagel gab es übrigens gleich bei der Begrüßung eine sehr schöne Situation.

Erzählen Sie.

Er sah die ganzen Bibelverse an den Wänden und sagte, ich kann auch einen. Dann sagte er Psalm 23 auswendig auf – der Herr ist mein Hirte und so weiter. Als er fertig war, lachte er uns an, gab allen die Hand und ging wieder raus.

Wie viele Schals und Fußballschuhe haben Sie im Lauf der inzwischen 14 Jahre schon gesegnet?

Noch nichts dergleichen, ich als evangelischer Pfarrer segne ohnehin nur Menschen, keine Gegenstände. Wir segnen demzufolge auch nicht die Hertha, sondern die Menschen im Club, weil jeder Gottes Segen braucht. Einer unserer Ansätze bei der Seelsorge der Spieler ist es, ihnen deutlich zu machen, der Wert, den du als Mensch hast, ist nicht abhängig vom sportlichen Erfolg. Also reduziere dich nicht darauf.

Da geht es auch um die richtige Einordnung des Fußballs, der unglaublich überhöht und gemessen an den globalen Problemen eine Petitesse ist. Spielt auch das eine Rolle in Ihren Predigten?

Wir predigen nicht über die Berechtigung der Höhe der Spielergehälter oder solche Dinge. Wir wissen, in welcher Sphäre wir uns hier bewegen, das wäre scheinheilig. Genauso, wie die Präsenz hier auf der großen Bühne zu nutzen und auf der anderen Seite ständig den moralischen Zeigefinger zu heben. Das ist auch nicht notwendig, wir merken, wie die Fans sich von selber schwertun mit vielen Begleiterscheinungen des Fußballgeschäftes. Ich denke aber, als Vertreter der Kirche sollten wir uns dann einschalten, wenn Anstand und Moral auf der Strecke bleiben.

Wie sind Sie eigentlich zum Fußball und auf die Idee gekommen, eine Kapelle in einem Stadion zu installieren?

Inspiriert hat mich die Kapelle der Schalke-Arena; ich dachte, es muss doch auch im Olympiastadion funktionieren, dass die Besucher eine Berührung mit Gottes Wort haben. Fußballfan bin ich schon lange. Ich bin in Berlin-West groß geworden, habe selber beim Wilmersdorf SC gespielt und war schon früh Hertha-Fan. Jetzt bei meinem Herzensverein so nah dran zu sein, ist für mich großes Kino.

Was sind Sie dann mehr: Hertha-Fan oder Pfarrer?

Ich bin Pfarrer durch und durch, aber mein Herz schlägt für Hertha. Ich wünsche wirklich allen Gegnern ein gutes Spiel, aber natürlich hoffe ich, dass mein Club gewinnt.

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