Ein offenes Land, freie Menschen

Am 9. Oktober 1989 wird in Leipzig über den Erfolg der Friedlichen Revolution entschieden. Die Demonstranten stehen einem Heer von Bewaffneten und Stasi-Leuten gegenüber. Von Josefine Janert

Und „drüben“ angekommen: Für Bewohner der DDR eine völlig neue Erfahrung. Foto: Janert
Und „drüben“ angekommen: Für Bewohner der DDR eine völlig neue Erfahrung. Foto: Janert

Leipzig ist die zweitgrößte Stadt der DDR, aber Leipzig ist im Herbst 1989 auch eine Ruine. Es riecht nach Moder, nach Verfall. Bei mehreren Häusern könnte man meinen, dass sie buchstäblich über einem zusammenbrechen. Die Fassaden bröckeln, die Bausubstanz ist marode. Die offiziellen Parolen zum 40. Jahrestag der DDR künden derweil vom siegreichen Sozialismus.

Leipzig ist im Herbst 1989 auch Mittelpunkt der Hoffnung. Einer anfangs noch recht vagen Hoffnung. Seit dem Sommer finden an den Montagabenden regelmäßig Demonstrationen statt. Sie beginnen mit einem Gottesdienst in der evangelischen Nikolaikirche. Anschließend laufen Unzufriedene und Ausreisewillige einmal rund um die Innenstadt. Vorbei am Hauptbahnhof, vorbei auch an der Runden Ecke. Das Eckgebäude am Dittrichring beherbergt die Bezirkszentrale der Staatssicherheit. Die Demonstranten fordern „Ein offenes Land mit freien Menschen“, wie es auf einem der Transparente heißt. Ein Heer von Stasi-Männern beobachtet sie, versucht, sie einzuschüchtern und zurückzudrängen. Am 4. September beteiligen sich etwa 1 200 Menschen an der Demo.

Studenten ist es bei Strafe der Exmatrikulation verboten, an den Demonstrationen teilzunehmen. Viele von ihnen möchten zumindest, dass über die Forderungen der Demonstranten öffentlich diskutiert wird, aber die Furcht sitzt tief. Sie sind in der DDR aufgewachsen und erzogen worden. Die Parolen über die Wehrhaftigkeit des Staates haben sich ihnen eingeprägt, auch wenn sie sich bisweilen über sie lustig machten. Oft haben sie Repressionen gegen die eigene Familie gelehrt, dass es besser ist, den Mund zu halten. Wer die Augen offen hält, weiß, was einem in der DDR zustoßen kann, wenn man seine Meinung sagt.

Am Nachmittag des 9. Oktober, einem Montag, liegt die Angst wie eine Decke über Leipzig. Wie wird der Staat auf die Demo reagieren? In Peking ließ die Kommunistische Partei im Juni 1989 friedliche Demonstranten ermorden, die Reformen eingefordert hatten. Die DDR-Medien lobten sie für ihren konsequenten Einsatz gegen die „Provokateure“.

Wird es auch in Leipzig eine chinesische Lösung geben? Die Ereignisse der vergangenen Tage legen diesen Schluss nahe. Am 6. Oktober, einen Tag vor dem 40. Jahrestag der DDR, zeigt das Fernsehen, wie Mitglieder der FDJ, der Jugendorganisation, durch Ostberlin demonstrieren. Mit Fackeln in den Händen. Das Fernsehen behauptet, dass die Jugendlichen der DDR und der SED ihre Treue bekunden. Die Gerüchteküche weiß später, dass viele, die an der Tribüne vorbeilaufen, vor allem dem sowjetischen Reformer Michail Gorbatschow zugejubelt haben. Er ist auf Staatsbesuch in der DDR. Das Westfernsehen zeigt Bilder aus Dresden. Durch die Stadt fahren Züge, die die Botschaftsbesetzer von Prag in den Westen bringen. Tausende Dresdner versuchen, auf die Züge aufzusteigen. Die Staatsmacht hält sie davon ab. Mit Gewalt.

7. Oktober in Ostberlin: Horden von Polizisten und Stasi-Männern bevölkern den Alexanderplatz. Junge Männer mit Transparenten, die verhaftet werden. Sie wehren sich. Gedränge, aber keine Ohnmacht mehr. Am selben Abend kommt es auch in anderen Stadtteilen zu Ausschreitungen und Verhaftungen. Die DDR-Führung lässt sich derweil im Palast der Republik bei den Feiern zum 40. Jahrestag hochleben.

9. Oktober in Leipzig: Am späten Nachmittag marschieren rund um die Uni Bewaffnete auf. Ein großes Aufgebot. Die Nikolaikirche ist nur einen Steinwurf entfernt. Es heißt, dass sich SED-Mitglieder in den Gottesdienst in der Nikolaikirche setzen sollen. Damit Unzufriedene und Ausreisewillige dort keinen Platz finden. Ein paar zierliche Studentinnen machen sich auf den Weg zur Kirche. Auch auf diesen Frauen liegt jetzt die Hoffnung der Staatsmacht. Vermutlich besuchen sie zum ersten Mal in ihrem Leben einen Gottesdienst.

Die Stadt scheint zu zittern. Kaum einer wünscht sich eine gewaltsame Lösung, auch die SED-Mitglieder nicht. Doch ein paar Stunden lang scheint das große Blutvergießen möglich. Der Stadtfunk überträgt die ruhige Stimme Kurt Masurs. Der Kapellmeister des Leipziger Gewandhauses ist beliebt. Was er sagt, hat Gewicht. Masur liest einen Aufruf von sechs Leipzigern vor, die sich spontan zusammengefunden haben. Neben Masur sind das der Theologe Peter Zimmermann, der Kabarettist Bernd-Lutz Lange und drei Mitglieder der SED-Bezirksleitung. Masur sagt: „Wir sind von der Entwicklung in unserer Stadt betroffen und suchen nach einer Lösung. Wir alle brauchen einen freien Meinungsaustausch über die Weiterführung des Sozialismus in unserem Land. Deshalb versprechen die Genannten heute allen Bürgern, ihre ganze Kraft und Autorität dafür einzusetzen, dass dieser Dialog nicht nur im Bezirk Leipzig, sondern auch mit unserer Regierung geführt wird. Wir bitten Sie dringend um Besonnenheit, damit der friedliche Dialog möglich wird.“

Tatsächlich gewinnt die Vernunft die Oberhand. Die Staatsmacht wagt kein Eingreifen. Kein Volkspolizist, kein Stasi-Mann schießt auf seine Landsleute. Heute wird oft über den 9. November gesprochen, den Tag des Mauerfalls. Doch für viele ist jener 9. Oktober in Leipzig entscheidend für den Erfolg der Friedlichen Revolution. Etwa 70 000 Menschen beteiligen sich an der Demo. Mit brennenden Kerzen in den Händen ziehen sie durch Leipzig. Sie rufen „Wir sind das Volk!“ und fordern Grundrechte, wie sie auch in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte festgeschrieben sind.

Am 16. Oktober sind es noch mehr. Am 23. Oktober werden 300 000 Demonstranten gezählt – und das in einer Stadt, die etwa 530 000 Einwohner hat. Längst ist aus der Demo eine Volksbewegung geworden. Menschen aus Orten rund um Leipzig reisen mit Zügen an. Mütter bringen ihre Kinder mit, alte Leute sagen, dass sie froh sind, das noch erleben zu können. Wildfremde fangen ein Gespräch miteinander an. Vor der Nikolaikirche herrscht Gewühl. Die Stasi-Leute haben sich in der Runden Ecke verbarrikadiert, an der die Demonstranten vorbeilaufen.

Bislang hat es an der Uni nur die staatliche Jugendorganisation FDJ gegeben. Am Nachmittag des 9. November wählen die Studenten eine unabhängige Studentenvertretung. Das Interesse ist riesig. Die Wahl wird in mehrere Hörsäle übertragen. In Ostberlin ist Erich Honecker schon am 18. Oktober zurückgetreten. In den DDR-Medien ist jetzt ständig vom Dialog die Rede, den die SED-Führung mit dem Volk angeblich führt. Doch in diesen Dialog und in den neuen SED-Chef Egon Krenz setzen viele kein Vertrauen mehr.

Kurz darauf kursiert in der Stadt die Information, dass freie Reisen in den Westen ab sofort möglich sind. Unmöglich scheint das, man kann einfach so in den Westen? Doch schon am nächsten Tag, dem 10. November, können die Leipziger auf dem Kurfürstendamm spazieren gehen.