Caicó

Ein mystischer Brunnen

Das brasilianische Caicó hat in der heiligen Anna eine mächtige Patronen. Die Verehrung der Menschen fällt entsprechend innbrünstig aus. Zuweilen so sehr, dass Schutzmaßnahmen nötig werden.

Eine Statue der heiligen Anna
Im Juli wieder in der Diözese Caicó unterwegs: Die hl. Anna. Foto: IN

Sant'Ana ist die Avó (Oma) von Jesus, weil sie ja die Mutter von Maria ist – und ihr Fest ist fast schöner als Weihnachten“, weiß die 7-jährige Maju da Silva in Caicó zu berichten. Der Gedenktag der heiligen Anna ist hier ein Hochfest, dauert solange wie ihre Novene in der örtlichen Kathedrale – neun Tage also. Dabei entzücken die Erstklässlerin weniger die religiösen als mehr die profanen Teile des Festes mit Kirmes-Park, Feirinhas (Marktständen), Konzerten und Paraden. Es gibt auch Bälle für die Erwachsenen. Jetzt im Juli – zum Fest der heiligen Anna, Schutzpatronin des Seridó – ist es in dem subtropischen Innenland des Bundesstaates Rio Grande do Norte noch bedeutend angenehmer als zu der Zeit des Christfestes im Dezember. Dann – von Oktober bis Ende Januar – zeigt in diesem semiariden Steppenklima das Thermometer tagsüber regelmässig bis zu 36 Grad Celsius an.

Die Volksfrömmigkeit ist immer noch vital

Die Bevölkerung – 90 Prozent ist hier im Hinterland katholisch – verehrt die heilige Anna, weil der Legende nach die Gründung der Stadt mit heute 70.000 Einwohnern auf ein Versprechen an sie zurückzuführen ist. Ein früher portugiesischer Siedler bat einst die heilige Anna während einer verheerenden Dürre, ihm eine Wasserquelle zu zeigen. Wundersamerweise fand er eine, die ,Poço de Santana‘ – die bis heute nicht versiegt ist. So konnte er das Leben seiner Familie und seiner gesamten Viehherde retten. So eine ,Seca Grande‘, eine große Trockenheit – niemand erwähnt sie, ohne sich zu bekreuzigen – ist für die Einheimischen bis heute ein Trauma. In unregelmäßigen Abständen suchen solche Trockenzeiten das Inland der Nordoststaaten heim. Der mystische Brunnen der Santa'Ana war lange Zeit die wichtigste Wasserversorgungsquelle für die wachsende Stadt Caicó.

Die hier verehrte Statue ist seit über 200 Jahren in der Stadt und sie zeigt Anna – wie auch in europäischen Darstellungen oft zu sehen – wie sie ihre kleine Tochter Maria das Lesen lehrt. In frühchristlichen Zeiten hatte Anna noch kaum Beachtung erhalten. Die Mutter Marias aus den Legenden – mit dem biblisch nicht bezeugten Namen Anna – kam mit den Kreuzfahrern nach Europa und rückte erst mit den Diskussionen um die Unbefleckte Empfängnis Mariens im Spätmittelalter ins Blickfeld. In ganz Europa entwickelte sich daraufhin eine Faszination für die Verwandtschaftsverhältnisse in der Heiligen Familie.

1481 hatte Papst Sixtus IV. den Sankt Anna-Gedenktag in den römischen Kalender aufgenommen. Ein eigener Anna-Kult entstand: Vielerorts bildeten sich Laien-Bruderschaften zur Huldigung der Großmutter von Jesus und die Mitglieder hielten eigene Andachten, veranstalteten Wallfahrten und Prozessionen. Zu diesem Zeitpunkt, gerade als ihre Verehrung einen Höhepunkt erfuhr, landete die Sant'Ana auf den Karavellen der portugiesischen Konquistadoren in der Neuen Welt, zusammen mit den Dominikanern, Franziskanern und Jesuiten, die sie begleiteten.

Die Gemeinden, die nach und nach im Hinterland Brasilien entstanden, definierten sich vorwiegend religiös. Heilige wurden in der Volksfrömmigkeit der Menschen im Sertao sehr geschätzt – als Helfer und Vermittler zu Gott. Dies umso mehr, weil von der Geistlichkeit das Bild eines allmächtigen, allwissenden und strafenden Gottes betont wurde. Heilige wie Anna, die als Familienmutter mit Leben der Menschen vertraut sein musste, waren besonders beliebt als Ansprechpartner. Dass diese Geheiligte nur in Apokryphen erwähnt wird, also in Schriften, welche nicht zur Bibel gehören, tat der inbrünstigen Ehrerweisung für sie im Seridó keinen Abbruch. In allen Belange konnte sie angerufen werden: Von Müttern und Hausfrauen, Witwen und Wäscherinnen, auch von Bergleuten, Müllern und Krämern; sie half beim Wiederauffinden verlorener Sachen, heilte Kranke – und sorgte für Regen.

Ein hochemotionaler Moment der Volksfrömmigkeit

Wie überschwänglich die Huldigung ist, zeigt sich alljährlich Ende Juli bei der Ankunft der Pilgergruppe Caravana Ilton Pacheco in Caicó. Die Marschgruppe ist nach einem bereits verstorbenen, unermüdlichen Ana-Pilger benannt. Sie kommt vom Städtchen Currais Novo hundert Kilometer zu Fuß durch die Trockensteppe zum Fest gepilgert – via Acarí und Cruzeta ist sie eine Woche unterwegs und die Pilger ruhen in der Nacht in ihren Hängematten unter Bäumen.

Ihre Heiligenfigur aus der Stadtkirche reist auf einem Fahrzeug mit ihnen. Am Vorabend des Festes erreichen sie singend und betend das Ziel ihrer Reise. Zu ihrer Ankunft kommt ihnen die Ana-mit-Maria-Statue von Caicó entgegen. Umtost von Feuerwerk und Applaus begrüßen sich die Pilgerbilder – und die ankommenden und die wartenden Gläubigen umarmen sich auf der Straße: ein hoch-emotionaler Moment stupender Volksfrömmigkeit. „271 Jahre Tradition und Glauben“, so kündigt der Bischof der Diözese Caicó, Dom Antônio Carlos Cruz Santos das diesjährigen Fest an. Die IPHAN, das Nationale Institut für Historisches und Künstlerisches Erbe, in Brasília bestätigte ihm schon vor einem Jahrzehnt dessen Wert als „Immaterielles Kulturerbe“.

Jeden Spätnachmittag an den Sant'Ana Novenen-Tagen kann er nun seine Hände segnend über weitere Züge von Gläubigen ausbreiten: Nebst den Pilgern zu Fuß von weit her kommen Kinder-Prozessionen, Pfadfinder, Kavallerieverbände, Konvois von ,Motoristas‘ (=Camion- , Omnibus- und Taxifahrer), Frauenkongregationen, Militärpolizei in Formation, Feuerwehren. Die Haupt-Prozession am Offiziellen Gedenktag der so Verehrten, dem 26. Juli, hat der Bischof unter das Motto „Sant'Ana, weise uns den Weg und lasse uns unsere Berufung erkennen“, gestellt.

Ein Glaskasten schützt vor allzu großer Verehrung

Wie jedes Jahr werden die enthusiastischen Teilnehmer und die Wartenden am Straßenrand sich zur ,Beija‘ hinreißen lassen. Dieses Ritual ist schon seit dreihundert Jahren Brauch. Ana-Anhänger drängen sich zur vorbeiziehenden Skulptur, küssen ihre rechte Hand und suchen dann deren Sockel zu berühren, um ihre Zuneigung zu zeigen – oder gar einen Gnadenstrom zu verspüren. Wegen der ungestüm leidenschaftlichen – oder gar handgreiflichen – Verehrung muss das Gnadenbild schon seit etlichen Jahren durch einen Glaskasten geschützt werden. Nach der Prozession versuchen alle eine Blume aus dem damit überreich geschmückten Sockel zu ergattern. Der Volksglaube schreibt diesen Blüten zu Füßen von Sant?Ana eine wundersame Kraft zu. „Ich habe die Rose getrocknet, die mir meine Patin letztes Jahr gab. Sie steht in einer Vase auf meinem Pult zuhause – so fallen mir die Schulaufgaben leicht“, ist Abc-Schützin Maju überzeugt.