Kremsmünster

Ein geheimnisvoller Gral

Um den Tassilo-Liutpirc-Kelch aus dem Stift Kremsmünster ranken sich viele Legenden – jetzt gibt es neue Forschungsergebnisse

Tassilo-Liutpirc-Kelch
Liturgisches Gefäß aus dem Mittelalter: Abt Ambros Ebhart (li,) und P. Altman Pötsch mit dem Tassilo-Kelch. Stift Kremsmünster Foto: Stift Kremsmünster

Aus dem Dunkel des nahezu vollständigen Verlusts der Schriftkultur nach dem Untergang des Weströmischen Reiches blitzen die wenigen erhaltenen Artefakte umso heller hervor. Wo aber erklärende Inschriften fehlen, lässt das löchrige Gewebe der Überlieferung viel Raum für Interpretation und Mutmaßung. Bei der Zuordnung der Kunstwerke zu den Zeitläufen kommt daher den seltenen Urkunden und Chroniken ein Kronzeugencharakter zu, obwohl diese unvollständig, tendenziös oder auch dreiste Fälschungen sein können.

Eine Innschrift verkündet: „Tassilo, der starke Herzog und Liutpirc, von königlicher Abstammung“

Im Bereich der frühmittelalterlichen Goldschmiedekunst stellt der seit über 1 200 Jahren im Stift Kremsmünster verwahrte Tassilo-Kelch eine Ausnahme dar. Selbstbewusst verkündet eine Inschrift am Fuß des Kelches das Stifterpaar „Tassilo, der starke Herzog und Liutpirc, von königlicher Abstammung“. Doch wofür war dieser Kelch ursprünglich gedacht? Wo wurde er hergestellt und wie kam er nach Kremsmünster? Mithilfe modernster naturwissenschaftlicher Methoden konnte ein fünfjähriges Forschungsprojekt des Archäologischen Museums Frankfurt, des Stiftes Kremsmünster und des Römisch-Germanischen Zentralmuseums in Mainz einige dieser Fragen klären.

Mitteleuropa in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts. Im von den Pyrenäen bis zur Weser reichenden Frankenreich haben Emporkömmlinge die königliche Dynastie der Merowinger nun auch offiziell abgelöst. Hausmeier, also bloße Verwalter des Königsgutes, waren die Karolinger ursprünglich nur gewesen. Sukzessive haben sie mehr und mehr Machtbefugnisse an sich gezogen, dann sich die Kontrolle über die Regierungsgeschäfte unter den Nagel gerissen und die eigentlichen Könige zu Schattenregenten degradiert.

Immer wieder hatten die Franken versucht, nach Osten auszugreifen; auf das bairische Stammesherzogtum etwa, welches am Lech begann und bis in die pannonische Tiefebene reichte. Gescheitert waren sie bislang an den heidnisch gebliebenen Sachsen und am Reich der Langobarden in Oberitalien. Im Zuge des Niedergangs der merowingischen Königsmacht war es den Bajuwaren aber gelungen, wieder größere Autonomie zu erlangen; die Agilolfinger-Herzöge regierten nahezu wie Könige, würdig, sich mit dem langobardischen Königshaus zu verschwägern. Mit der Machtergreifung der Karolinger im Frankenreich aber fand diese Königsherrlichkeit ein jähes Ende.

Einen letzten, dafür aber umso glanzvolleren Höhepunkt der Hofkultur des bairischen Stammesherzogtums setzte die Herrschaft Tassilos III. Er wurde um das Jahr 741 als Sohn Herzog Odilos geboren, womöglich in Regensburg, wo die Agilolfinger ihre Herzogspfalz in den Mauern des alten Legionskastells eingerichtet hatten. Über seine Mutter Hiltrud, eine Tochter Karl Martells, war Tassilo ein Cousin seines nachmaligen Erzfeinds Karl, den man später „den Großen“ nennen sollte.

Im Jahr 757 übernahm Tassilo III. die Alleinregierung und gründete Klöster

Lange bevor es aber zum finalen Showdown zwischen dem Franken und dem Baiern kam, begehrte bereits ein anderer Karolinger Tassilos Erbe, als dieser noch keine sieben Jahre alt war. Nach dem Tod seines Vaters wurde der kleine Prinz von Grifo entführt, Hiltruds jüngerem Halbbruder. Erst dank kräftiger Hilfe durch die karolingische Verwandtschaft gelang es, den Thronräuber aus Baiern zu vertreiben; Tassilo III. wurde als Herzog eingesetzt. Im Jahr 757 übernahm der Baier die Alleinregierung, gründete Klöster, hielt in enger Abstimmung mit dem Heiligen Virgil von Salzburg bairische Synoden ab und erließ eines der frühesten Schulgesetze.

In Italien pflegte er die traditionell guten Beziehungen zu den Langobarden, heiratete mit Liutpirc eine Tochter von König Desiderius und verbündete sich in Rom mit dem Papst, der auch den neugeborenen Baiernprinzen Theodo taufte. Mit der Eroberung des heutigen Kärnten weitete Tassilo seinen Machtbereich deutlich nach Osten aus, so dass er ein wichtiger Bündnispartner wurde für Karl, den späteren Großen; zumindest solange dieser sich noch mit seinem Bruder um die Vorherrschaft im Frankenreich stritt.

In den 770er Jahren änderten sich die Machtverhältnisse. Karl hatte sich bei den Franken durchgesetzt, das Langobardenreich erobert und seine Macht in allen Reichsteilen gesichert; nur noch Herzog Tassilo stand ihm im Weg. 787 forderte er den Baiern auf, sich förmlich zu unterwerfen. Dieser aber weigerte sich und bat Papst Hadrian I. um Vermittlung, nichts ahnend, dass sich der Pontifex längst auf die Seite des Franken geschlagen hatte. Als die bajuwarischen Verteidiger dem fränkischen Aggressor unterlagen, musste Tassilo nachgeben. Doch die Unterwerfung war Karl noch nicht genug. Er lud seinen besiegten Konkurrenten nach Ingelheim vor, ließ ihn unter hanebüchenen Vorwürfen zum Tode verurteilen, um ihn zu lebenslanger Klosterhaft zu begnadigen. Auch Tassilos Frau und seine Kinder wurden in Klosterzellen gesperrt. 797 ließ Karl den Agilolfinger ein letztes Mal öffentlich vorführen, um ihm den Verzicht auf seine Ansprüche abzupressen; für sich und seine Nachkommen. Tassilo III. starb an einem 11. Dezember, wo und in welchem Jahr ist nicht geklärt.

Das finale Todesurteil über den letzten Agilolfingerherzog aber fällten die eifrigen Geschichtsschreiber Karls „des Großen“, die den Bajuwaren zum eidbrüchigen und fahnenflüchtigen Volksverräter stilisierten, der mit den Awaren paktierte. Vom wahren Tassilo, seiner ebenfalls in Klosterhaft verstorbenen Liutpirc und dem Glanz ihres Hofes kündet nur noch der geheimnisvolle Gral von Kremsmünster mit seinen Ranken- und Rautenmotiven, seinen silbernen Heiligen- und Evangelistenmedaillons.

Der Kelch wurde als liturgisches Gefäß entworfen

Einer interdisziplinären Forschergruppe um Universitäts-Professor Egon Wamers, den mittlerweile emeritierten Direktor des Archäologischen Museums in Frankfurt, ist es nun gelungen, mit einigen Legenden um den Kelch aufzuräumen, der sich – von wenigen Reparaturen abgesehen – noch immer in seinem Originalzustand präsentiert. Nicht in Irland, im Karolingerreich oder in Oberitalien ist er entstanden, sondern in Baiern; wahrscheinlich im Salzburger Raum. Auch ist er nicht etwa als Hochzeitskelch des Brautpaars, sondern als liturgisches Gefäß entworfen worden; vermutlich unter dem Einfluss des Heiligen Virgil. Mit der Gründung des Stifts Kremsmünster im Jahr 777 steht er wohl nicht in Verbindung. Eher dürfte er von Getreuen Tassilos dorthin gebracht worden sein, um ihn vor der Zerstörung durch karolingische Kunsthäscher zu bewahren.

Der Verlag Schnell und Steiner hat über den Tassilo-Liutpirc-Kelch einen exzellenten Bildband herausgebracht. Auf 496 Seiten werden nicht nur die Forschungsergebnisse dargelegt, sondern auch geschichtliche, kirchen- und kunsthistorische Zusammenhänge erläutert. Das eigentliche Wunder dieses Buches aber sind die Fotos von Volker Iserhardt. Dank ihrer kann man die detailreichen Schönheiten des Kelchs so genießen, als hielte man ihn selbst in der Hand. Ein Muss für jeden Liebhaber kirchlicher Kunst.

Egon Wamers (Hg.): Der Tassilo-Liutpirc-Kelch aus dem Stift Kremsmünster: Geschichte – Archäologie – Kunst. Schnell und Steiner, ISBN 978-3-7954-3187-7, 496 Seiten, EUR 50, 00