„Ein echter Lebensretter“

Bayern von seiner katholischsten Seite: Die Fürstliche Notstandsküche in Regensburg feiert 100. Geburtstag. Von Regina Einig

Gute Botschafter für die Kirche: Prinzessin Elisabeth, Fürstin Gloria und Fürst Albert II. von Thurn und Taxis.s: Rainer Fleischmann Foto: Foto
Gute Botschafter für die Kirche: Prinzessin Elisabeth, Fürstin Gloria und Fürst Albert II. von Thurn und Taxis.s: Rainer... Foto: Foto

Zwei Milchkaffee kosten am Regensburger Hauptbahnhof 2, 80 Euro. Für dieselbe Summe zaubert Helmut Seitz vierhundert Meter Luftlinie weiter ein leckeres Drei-Gänge-Menü aus Suppe, warmem Hauptgericht und Nachspeise – zubereitet aus regionalen Produkten. Der Chefkoch der Fürstlichen Notstandsküche leitet keinen Gastronomiebetrieb, sondern einen familiären Ort der Begegnung. Gespeist wird nicht in der Kantine, sondern in stilvollem Ambiente: dem barocken Mönchsrefektorium des ehemaligen Klosters St. Emmeram im Herzen der Donaustadt. Seit 1919 greift das Fürstliche Haus Thurn und Taxis der Bevölkerung mit kostenfreien warmen Mahlzeiten unter die Arme. Das päpstliche Ideal einer Kirche, die an die Ränder geht, wird hier täglich verwirklicht: Mittags können 200 bis 300 Bedürftige, die einen Berechtigungsschein der Caritas haben, in der Notstandsküche essen und sich von den Widrigkeiten des Lebens erholen. Altersarmut, Arbeitslosigkeit und die Launen des Schicksals bringen jeden Tag Menschen aus unterschiedlichen Nationen und Religionen zusammen. Auch zwei Regensburger Kindergärten und ein Kinderheim werden mitverpflegt. Das alles geschieht ohne viel Aufhebens mit nobler Selbstverständlichkeit.

Dem Haus Thurn und Taxis liegt das katholisch-oberpfälzische Lebensgefühl im Blut. Fürst Albert II. unterstreicht beim Festakt zum 100. Geburtstag der Notstandsküche, seine Familie wolle die christliche Lehre der Nächstenliebe durch praktische Tätigkeit weitergeben. Es zähle auch die Gemeinschaft und die Gemütlichkeit, nicht nur die warme Mahlzeit. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder krönt seine „royale Woche“ nach der Begegnung mit Prinz Charles am Vortag nun mit seinem Besuch bei Fürstin Gloria und richtet Grüße des Hauses Windsor aus. „Ein echter Lebensretter“ sei die Notstandsküche, so Söder und lobt die Begeisterung, mit der sich Fürstin Gloria engagiert. Der lutherisch-evangelische Landesvater fühlt sich im katholischen Haus Thurn und Taxis sichtlich wohl.

Prälat Imkamp erinnert an die Sakramente

Volkstümlich und fromm geht es den ganzen Tag über in St. Emmeram zu. In der bis auf den letzten Platz besetzten Basilika wird ein Dankamt gefeiert. Fahnen der Marianischen Frauenkongregation und des Kolpingvereins werden in den Chorraum getragen. Bärenfellbemützte Angehörige des Königlich-Bayerischen zweiten Cheveaulegerregiments und Studenten der Katholischen Verbindung Rupertia Regensburg ziehen in Uniform mit Vertretern des Adels, der Politik und zahlreichen Regensburgern ein. „Wir feiern heute eine Nachhaltigkeitsgarantie“, stellt der Apostolische Protonotar Prälat Wilhelm Imkamp, Leiter der fürstlichen Hofbibliothek, in seiner Predigt fest. 1919 habe Fürst Albert I. die Not der Menschen gesehen. Das Haus Thurn und Taxis habe im neunzehnten Jahrhundert schwere finanzielle Verluste erlitten, aber dennoch großzügig geholfen – auch während des Ersten Weltkriegs. Vier Jahre lang pflegte Fürstin Margarete, eine gelernte Krankenschwester, in dem von ihrem Gatten eingerichteten Lazarett in Ostheim Kranke.

Imkamp ermutigt die Gläubigen, genau auf Jesu Worte zu hören und Qualitätszeit mit dem Herrn zu verbringen, auch wenn die Kirche derzeit kritischen Stimmen ausgesetzt sei. „Das Nachhaltigste, was es gibt, sind die Sakramente.“ Glaube sei immer nachhaltig: „Es geht um die Dauerhaftigkeit der Beziehung zu Gott. Nur wer eine Beziehung zu Gott hat, kann im Letzten eine Beziehung zum Menschen haben. Menschenrechte wurzeln in Gott oder sie wurzeln überhaupt nicht.“ Bei Blasmusik, Knödeln, Braten. Fleischpflanzerln und Würsteln wird mittags im Kreuzgang getafelt und geplaudert. Ein Glanzlicht setzt der Kindergarten St. Emmeram mit seinem Dankesständchen. Mit ihren weißen Kochmützen, Holzlöffeln und Schürzen sind die fröhlichen Kleinen eine Augenweide. „Wir spüren die Großherzigkeit. Es ist für uns ein Glück, dass wir das Essen von der Notstandsküche beziehen können“, erklärt die Kindergartenleiterin Maria Grabmann.

Baronin Adelheid von Gemmingen, Diözesanleiterin des Malteser-Hilfsdienstes der Diözese Regensburg, unterstützt das Engagement des Hauses Thurn und Taxis für Notleidende. „Das entspricht der Mission der Malteser“, äußert sie im Gespräch mit dieser Zeitung. Die Notstandsküche dürfe man sich aus der Moderne nicht wegdenken, nur weil die meisten Auto und Fernseher besäßen. „Es gibt auch heute noch Menschen, denen es richtig schlecht geht. Unsere Erfahrung bei den Maltesern zeigt: Zuerst wird am Essen gespart.“ Dass Kinder aus finanziell schlechter gestellten Familien in der Notstandsküche eine warme Mahlzeit am Tag erhalten, entlastet Gäste wie Sandra von einigen Alltagssorgen. Die alleinerziehende Mutter genießt das Fest. Seit Jahren kommt sie mit ihren Kindern zum Mittagessen ins ehemalige Mönchsrefektorium. Zwei Töchter hat sie zum Fest mitgebracht, dreizehn und achtzehn Jahre alt. Einmal habe sie versucht, auf eigenen Beinen zu stehen, doch seit September 2018 gehört sie wieder zu den regelmäßigen Gästen der Notstandsküche. „Es sind so viele Menschen da, die sich ihr Essen selbst nicht leisten können, wir sind alle eins. Das sollte öfter und überall so sein. Vor Gott sind wir alle gleich. Vom Herzen her geht es mir gut“, erklärt die junge Frau, die von sich sagt, dass sie „absolut“ an Gott glaubt: „Ich lasse mich von Christus leiten.“ Sie findet es „toll, dass die Fürstin zum Fest alle eingeladen hat. Man soll nicht an zwei- oder dreihundert Euro festmachen, wie wertvoll ein Mensch ist. Sie vermittelt uns, dass wir trotzdem wertvoll sind.“

Warmes Mittagessen und ein gutes Miteinander

Eine Ausstellung im Kreuzgang von St. Emmeram zeigt Gesichter der Bedürftigen, denen in der Notstandsküche die Last des Lebens erleichtert wurde: blasse, verhärmte, engagierte und entspannte Mienen sind zu sehen. Das menschlich anrührendste Dokument ist eine kalligraphisch prächtig gestaltete Weihnachtskarte Heimatvertriebener, die dem Fürstenhaus in rot-schwarzen Lettern zum Weihnachtsfest 1946 in bewegenden Worten für die erhaltene Hilfe danken. Bei Bier und Wein werden Anekdoten ausgetauscht. Von den Weihnachtsfeiern, bei denen die Kinder der Fürstenfamilie auf Wunsch der Fürstin Klavier spielten und vorsangen. „Wenn ich heute zurückblicke, war das eine wirklich gute Idee meiner Mutter. Allein hätten wir uns gar nicht getraut, dort reinzugehen. So hatten wir eine Verknüpfung. Es ist toll, zu sehen, wieviele Menschen mit unserem Haus verbunden sind“, erinnert sich Prinzessin Elisabeth und lässt schmunzelnd durchblicken, dass sich der fürstliche Nachwuchs seinerzeit nicht widerspruchslos in die mütterlichen Pläne fügte.

Stadträtin Dagmar Schmidl lobt die sozialen Kontakte, die in der Notstandsküche entstehen. „Hier werden die Menschen nicht nur durch ein warmes Mittagessen vom Fürstenhaus aufgefangen, sondern durch das gute Miteinander.“ Das Fürstenhaus gibt aus Sicht der CSU-Politikerin ein Beispiel für glaubwürdigen Katholizismus in Zeiten der Glaubenskrise und negativer Schlagzeilen: „Die fürstliche Familie ist ein guter Botschafter für die Kirche.“

„Qualitätszeit mit dem Herrn“: Prälat Wilhelm Imkamp zelebrierte die Dankmesse. Foto: Rainer Fleischmann (Rainer Fleischmann)
Gelebte Nächstenliebe: Warme Mahlzeiten in stilvollem Ambiente. Foto: Rainer Fleischmann (Rainer Fleischmann)