Ein Weg der Einheit

Maximilian Kolbe: Motor und Patron der Versöhnung in Europa – Eine Statue verdient mehr Aufmerksamkeit. Von Erzbischof Ludwig Schick

Die Statue des Maximilian Kolbe steht bei jeder Bischofskonferenz im Dom zu Fulda. Das Geschenk von Papst Johannes Paul II. ist Zeichen der Versöhnung. Foto: Erzbischof Ludwig Schick
Die Statue des Maximilian Kolbe steht bei jeder Bischofskonferenz im Dom zu Fulda. Das Geschenk von Papst Johannes Paul ... Foto: Erzbischof Ludwig Schick

Am 14. August 2016 jährte sich zum 75. Mal der Todestag von Maximilian Kolbe. Für einen Familienvater, Franciszek Gajowniczek, war er am 31. Juli 1941 freiwillig in den Hungerbunker im KZ Auschwitz gegangen. Für einen entflohenen Häftling sollten auf Anordnung der Lagerkommandantur zehn Gefangene – zur Abschreckung – den Hungertod sterben.

Authentische Berichte bezeugen, dass Maximilian Kolbe seine neun zum Hungertod Mitverurteilten durch Gebete, Gespräche, Gesänge mit ihrem Schicksal und mit Gott versöhnte. Als letzter von allen wurde er selbst durch eine Giftspritze getötet, weil für die nächsten zum Tode Verurteilten im Hungerbunker Platz gemacht werden musste.

Maximilian Kolbe wird als „Märtyrer der Nächstenliebe“ verehrt, aber auch als „Patron der Versöhnung“. Schon bei der ersten Petition, die die polnischen und deutschen Konzilsteilnehmer im Jahr 1963 an Papst Paul VI. für seine Seligsprechung richteten, wird er „Vorbild und Fürsprecher bei Gott für die Versöhnung“ genannt; damit war vor allem die Versöhnung zwischen Deutschland und Polen gemeint.

Diese Aufgabe wird ihm in den folgenden Jahren immer wieder, vor allem von Karol Wojtyla, der damals Erzbischof von Krakau war und zu dessen Diözese auch das Konzentrationslager Auschwitz gehörte, zugesprochen. Karol Wojtyla hatte den innigen Wunsch, dass sich Deutsche und Polen nach den schrecklichen Ereignissen der Nazizeit und des Zweiten Weltkriegs versöhnten, was zugleich die Initialzündung für die Versöhnung von Ost- und Westeuropa sein sollte.

Kolbe als Vermittler zwischen Polen und Deutschland

Auch bei seinem Deutschlandbesuch mit Kardinal Stefan Wyszynski, der ebenfalls der Versöhnung dienen sollte, unterstrich er bei einer Rede an die Priester in Fulda am 21. September 1978 dieses Anliegen und wies auf Maximilian Kolbe als Patron der Versöhnung hin. Wörtlich sagte er: „Der selige Maximilian Kolbe ist durch seine Seligsprechung ein besonderer Schutzheiliger unserer schwierigen Epoche geworden.“

Karol Wojtyla war sich bei seinen Bemühungen bewusst, dass radikale Nächstenliebe, die Maximilian Kolbe auszeichnete und die in der Liebe Christi ihren Grund hatte, nach den schrecklichen Ereignissen in der Geschichte Polens und Deutschlands die unabdingbare Voraussetzung für die Versöhnung ist. Als Karol Wojtyla am 17. Oktober 1978 zum Papst gewählt wurde und den Namen Johannes Paul II. annahm, machte er die Versöhnung Europas, das durch Stacheldraht und Mauern, Kalten Krieg und Aufrüstung in Ost und West getrennt war, zu seinem Hauptanliegen und Maximilian Kolbe zum Motor und Patron dafür. Bei seinem Besuch in Deutschland 1981 brachte er eine Statue des hl. Maximilian Kolbe mit und schenkte sie der Deutschen Bischofskonferenz. Diese Statue trägt im Sockel die Inschrift: „Christi Liebe ist stärker“. Sie sollte Zeichen und Werkzeug der Versöhnung zwischen Deutschland und Polen sein. Seitdem steht bei jeder Bischofskonferenz im September jeden Jahres diese Statue die ganze Woche auf dem Hauptaltar der Kathedrale in Fulda. Die Bischöfe und die Gläubigen, die an den Gottesdiensten teilnehmen, aber auch die, die durch das Fernsehen mit der Bischofskonferenz verbunden sind, sollen diese Statue anschauen, sich von Maximilian Kolbe inspirieren lassen und an der Versöhnung durch Gebet und Handeln weiterarbeiten, die gut vorangekommen, aber nicht vollendet ist.

Im vergangenen Jahr hat die Deutsche und Polnische Bischofskonferenz mit den Kirchen und den Nationen den 50. Jahrestag des Briefwechsels zwischen den deutschen und polnischen Konzilsteilnehmern begangen, in dem der berühmte Satz steht: „Wir gewähren Vergebung und bitten um Vergebung“.

Versöhnung braucht die Liebe Christi

Das Eingeständnis von Schuld und Versagen ist unabdingbare Voraussetzung für Versöhnung, für die übermenschliche Nächstenliebe notwendig ist.

Auch der französische Philosoph Jacques Derrida, der 2004 verstorben ist und der sich als ungläubig bezeichnet hat, der sich mit Versöhnungsprozessen nach gewaltbelasteter Vergangenheit beschäftigt hat, stellt fest, dass Versöhnung nach Verbrechen wie in der Nazizeit durch menschliche Kräfte allein nicht möglich ist. Eine übernatürliche Kraft ist erforderlich. Im Christentum ist sie uns in der Liebe Christi, die in unsere Herzen ausgegossen ist, gegeben. Diese Liebe hat Maximilian Kolbe gelebt und mit seinem freiwilligen Hungertod für einen Mitgefangenen in Auschwitz bewiesen.

Versöhnung ist zwischen Deutschen und Polen in den letzten 50 Jahren gut vorangekommen. Auch zwischen Tschechien und Deutschland, Slowenien, Ungarn, der Ukraine und Russland. Aber vieles ist auf dem Weg der Versöhnung und der Einheit hin noch zu tun. Versöhnung und Friede zwischen Mensch und zwischen Nationen ist ein immerwährender Prozess und nie Ergebnis. Man darf nie anfangen, aufzuhören und nie aufhören, anzufangen! Maximilian Kolbe hat sich als Motor und Patron der Versöhnung in Europa erwiesen, die auch weiterhin nötig und gefordert ist, in Europa und weltweit. Im Blick auf ihn können die bisherigen Ergebnisse der Versöhnung zwischen Deutschen und Polen, den West- und Osteuropäern bewahrt und der Prozess weitergeführt werden.

Die Statue in Fulda wird von vielen inzwischen übersehen. Sinn und Zweck des Geschenkes von Papst Johannes Paul II. und seine Absicht damit werden von vielen nicht mehr gekannt. Es ist wichtig, dies im 75. Todesjahr von Maximilian Kolbe wieder ins Bewusstsein zu bringen, damit Maximilian Kolbe auch in Zukunft Motor und Patron der Versöhnung bleibt.