Ein Held und neue Hoffnung

Das Unglück von Notre-Dame: Was geschah und wie es nun weitergehen könnte. Von Jean-Marie Dumont

Pater Jean-Marc Fournier, der Geistliche der Pariser Feuerwehr
Pater Jean-Marc Fournier, der Geistliche der Pariser Feuerwehr, hat die Kirchenschätze rechtzeitig vor den Flammen retten können. Foto: KPO

Um 18.20 Uhr gab es in der Kathedrale einen ersten Alarm, aber kein Feuer wurde gefunden. Um 18.43 Uhr gab es einen zweiten Alarm, und da wurde das Feuer in dem Dachstuhl festgestellt. Zwischendurch haben die Leute, die zur Messe [um 18.15 Uhr] hereingekommen waren, die Kirche verlassen müssen.“ So sachlich und nüchtern hat der Staatsanwalt der Republik, Rémi Heitz, am Dienstag, 16. April, die ersten Minuten des Brandes, der am Abend des 15. Aprils in der Kathedrale Notre-Dame de Paris angefangen hat, beschrieben.

Ein Teilnehmer der hl. Messe sagte gegenüber „Aleteia“: „Als der Priester seine Predigt begann, hörte man eine Art Alarm mit einer Sirene und einem sehr lauten Klang.“ Die Wächter seien gekommen und hätten gegen 18.35 Uhr gebeten, das Gebäude zu verlassen. Dann durften nur die Personen, die für die Messe gekommen waren, wieder hineingehen. „Auch die Predigt wurde fortgesetzt, aber nicht lang. Man befahl uns, hinauszugehen. Wir wussten nicht, warum. Als ich draußen war, hob ich meinen Kopf, und sah den Rauch. Schrecklich! Da hatten wir ungefähr 18.50 Uhr.“ Nach dem ersten Rauch konnte man schon sehr bald riesige orangefarbige, rote Flammen sehen, die aus dem berühmten mittelalterlichen Dachstuhl kamen. Eine Stunde später stürzte der Spitzturm ein.

„Die Feuerwehr kämpft noch, um die zwei großen Türme von Notre-Dame de Paris zu retten“, twitterte der Erzbischof von Paris, Michel Aupetit. Und weiter: „Der Dachstuhl, das Dach und der Spitzturm sind vernichtet worden. Wir müssen beten. Wenn sie wollen“, schreibt er zu den Priestern, „können Sie die Glocken läuten lassen, um zum Gebet einzuladen.“

Es wurde gebetet. In der Umgebung der Kathedrale und an verschiedenen Stellen der Hauptstadt beteten viele Menschen. Und auch wenn der Zugang zu der Ile de la Cité, wo sich die Kathedrale befindet, von der Polizei gesperrt wurde, es versammelten sich dort an verschiedenen Stellen (Brücke de la Tournelle, Ile Saint Louis, Place Saint Michel) Beter und Schaulustige, um den Kampf der Feuerwehr verfolgen zu können. Gruppen beteten den Rosenkranz oder sangen das „Ave Maria“, andere schauten einfach das Drama an und kommentierten es mit ihren Freunden. Autos waren dort keine, weil der Verkehr gestoppt worden war, was zu einer sehr bewegenden Stimmung führte.

Schnell verbreiteten sich gute Nachrichten

Nach und nach verbreiteten sich am Abend und in der Nacht gute Nachrichten. Gegen 23.00 Uhr erklärte Général Jean-Claude Gallet, der die Pariser Feuerwehr leitet: „Man kann feststellen, dass die zwei Türme, und die ganze Struktur von Notre-Dame gerettet worden sind.“ Um 23.20 Uhr erfuhr man, dass Pater Jean-Marc Fournier, welcher der Geistliche der Pariser Feuerwehr ist, in die Kathedrale mit einigen Feuerwehrmännern hineingetreten war und dabei die Eucharistie, die heilige Reliquie der Dornenkrone und des Kreuzes Jesu, die regelmäßig in der Kathedrale verehrt werden, gerettet hatte. Die Flammen haben auch den Kirchenschatz nicht erreicht.

„Es scheint, dass die Türme der Kathedrale gerettet worden sind“, twitterte nun auch Erzbischof Aupetit, der zum Platz Saint Michel kam, um mit den anderen zu beten. Die vierhundert Feuerwehrleute bekämpften weiter unermüdlich die Flammen. Bis zur Phase der Abkühlung.

„Der Dachstuhl ist völlig zerstört, der Spitzturm ist auch verschwunden, und zwei Gewölbe sind eingestürzt“, erklärte am Dienstag André Finot, der für die Kommunikation der Kathedrale verantwortlich ist. Aber die Fensterrose der Nord-Fassade ist unbeschädigt, wie die zwei anderen. Diese aus dem 13. Jahrhundert stammenden Fensterrosen sind in perfektem Zustand, was für uns eine sehr gute Nachricht ist.“ Was die Ursache des Brandes betrifft, behauptete er, dass es noch nicht möglich sei, zu wissen, was genau passiert sei. „Seit vier oder fünf Jahren hat der Staat viel getan und viel Geld gegeben, um überall Brand-Detektoren zu installieren, eine Security-Abteilung zu schaffen, das Gebäude 24 Stunden am Tag zu überwachen. Kontrollrunden werden jeden Tag gemacht. Man kann immer mehr machen. Aber es ist schon gut, alles das zu tun.“ Wie dem auch sei. Eine Untersuchung für „ungewollte Zerstörung durch einen Brand“ wird durchgeführt und mehrere Angestellte von Unternehmen, die an der Renovierung der Kathedrale teilnehmen, sind angehört worden. Die Untersuchung wird vermutlich lange dauern. Eine der wahrscheinlichsten Ursachen für den Brand könnte ein „warmer Punkt“ sein, das heißt, eine Stelle, wo die Temperatur wegen der Benutzung eines Instrumentes wie beispielsweise eines Schweißbrenners gestiegen ist, und der nur Stunden später zum Feuer wird.

Eine Renovierung des Spitzturms hatte angefangen und ein riesiges Gerüst war aufgebaut worden. Einige Tage früher waren sechzehn aus dem 19. Jahrhundert stammende Kupfer-Statuen – die zwölf Aposteln und die vier Evangelisten – mit einem Kran von dem Spitzturm entfernt und nach Périgueux zur Renovierung getragen worden. Unwahrscheinlich dagegen erscheint in Frankreich die Hypothese einer absichtlichen Brandstiftung. „Nichts bestätigt die Hypothese einer absichtlichen Handlung“, hat der Staatsanwalt der Republik Rémi Heitz erklärt.

Überall in Frankreich und in der Welt hat die Katastrophe eine unglaubliche Welle der Rührung, des Mitleids und der Solidarität ausgelöst. „Touristen, Schaulustige, Journalisten, Politiker, Geistliche, Künstler… Eine geheimnisvolle Kommunion schien plötzlich in dem französischen Volk zu herrschen, das der Welt diese letzten Monaten seine Teilungen und Brüche gezeigt hat“, erklärte der Pariser Pfarrer Pater Guillaume de Menthiere, der in der Kathedrale von Paris jeden Fastensonntag dieses Jahres gepredigt hat. Die Einheit, die an demselben Abend der französische Präsident Macron bei einer geplanten Rede (sie wurde verschoben) vermutlich nicht wiederhergestellt hätte, sie wurde ausgerechnet durch die Katastrophe von Notre-Dame bewirkt. „War es nicht erneut Sie, die unserem lieben und alten Land den Schwung der Hoffnung gab?“ Kardinal Robert Sarah twitterte: „Wie kann man nicht von der Rührung, der Dignität, der Einheit einer Nation rund um ihre Kathedrale berührt sein.“

500 Millionen Euro für Wiederaufbau zugesagt

In einem an den Erzbischof von Paris gerichteten Brief begrüßte Papst Franziskus das „architektonische Juwel eines kollektiven Gedächtnis“ und wünschte die „Mobilisierung von allen“ für den Wiederaufbau der Kathedrale. Schon in der Nacht der Katastrophe hatten der französische Unternehmer François-Henri Pinault (Artemis) und sein Vater der Milliardär François Pinault, angekündigt, sie würden 100 Millionen Euro für den Wiederaufbau geben. Einige Stunden später kamen die Familien Arnault (LVMH, 200 Millionen), Bettencourt (L?Oréal, 200 Millionen), die Gruppe Total (100 Millionen) hinzu, sodass bereits einen Tag nach dem Drama mehr als 500 Millionen Euro für die Renovierung der Kathedrale versprochen worden waren. Auch ein Zeichen.

Nun ist es wichtig, dass der Wiederaufbau und die Renovierung der Kathedrale Notre-Dame von Paris dank dieser unerwarteten Welle von Sympathie und Großzügigkeit schnell anfangen kann. Und auch die Gebete nicht aufhören.