Ein Aufschrei gegen das Morden

Christliche und muslimische Intellektuelle aus Syrien publizieren einen gemeinsamen Appell – Ein Flüchtlingsdrama bahnt sich an

Syriens Christen beten um Frieden und ein Ende der Gewalt – wie hier in der syrisch-orthodoxen Maryaniyeh-Kirche in Damaskus. Foto: dpa
Syriens Christen beten um Frieden und ein Ende der Gewalt – wie hier in der syrisch-orthodoxen Maryaniyeh-Kirche in Dama... Foto: dpa

Kairo/New York (DT/poi/dpa/kap) Christliche und islamische Theologen und Intellektuelle aus Syrien haben in Kairo einen gemeinsamen „Schrei des Schmerzes und der Agonie“ wegen der Situation in ihrer Heimat formuliert und das Morden, die Gewalt, die Verletzung von Würde und Eigentum des syrischen Volkes verurteilt. „Unser Schrei richtet sich gegen die brutale Vernichtung unseres kulturellen und menschlichen Erbes“, heißt es wörtlich in der gemeinsamen Erklärung. Die Theologen und Intellektuellen – unter ihnen der syrisch-orthodoxe Metropolit von Aleppo, Mar Gregorios Yohanna Ibrahim – waren auf Einladung des Nahost-Rates der in New York beheimateten internationalen Organisation „Religions for Peace“ am Dienstag und Mittwoch in der ägyptischen Hauptstadt zusammengekommen.

In einem Sieben-Punkte-Programm fordern die Theologen und Intellektuellen das Ende allen Mordens in Syrien. Die Armee müsse in ihre Kasernen zurückkehren, alle bewaffneten Aktionen der Oppositionsgruppen seien zu stoppen. Alle politischen Gefangenen, Gewissensgefangenen, Kriegsgefangenen und entführte Personen seien sofort freizulassen. Das Verlangen des Volkes nach Freiheit, Demokratie, Gerechtigkeit, Gleichheit und das Recht auf friedliche Demonstrationen müsse respektiert werden. Staaten und internationale Organisationen müssten rasch humanitäre Hilfe leisten, die Krankenhäuser der Nachbarländer sollten Verwundete aufnehmen. „Religions for Peace“ sollte nach Ansicht der Theologen und Intellektuellen ein Komitee bilden, das jene Faktoren unter die Lupe nimmt, die die nationale Einheit Syriens und die Koexistenz unter den verschiedenen Gruppen der syrischen Gesellschaft bedrohen. Zugleich sollte das Komitee auch Brücken der Kooperation und Kommunikation mit internationalen Organisationen bauen, um die Verwirklichung der wichtigsten Punkte der „Roadmap“ zur Wiederherstellung des Friedens zu erreichen. Die christlichen und islamischen Theologen und Intellektuellen sprechen sich dafür aus, mit neuer Kraft eine Botschaft des Friedens zu verbreiten, die auf nationale Versöhnung abzielt, den Hass überwindet, die nationale Einheit erhält und die Koexistenz unter allen Bürgern Syriens betont. Gläubige Menschen in aller Welt sollten um die Wiederherstellung von Sicherheit, Frieden und Prosperität in Syrien beten.

Die Vereinten Nationen schlagen Alarm wegen der immer kritischeren Lage von Flüchtlingen in Syrien. „Wenn die Kämpfe weitergehen, wird die Zahl der Flüchtlinge unsere Möglichkeiten überschreiten“, so der stellvertretende UN-Generalsekretär Jan Eliasson am Donnerstag im UN-Sicherheitsrat in New York. „Inzwischen brauchen schon 2,5 Millionen Menschen in Syrien unsere Hilfe. Damit hat sich die Zahl seit März verdoppelt.“ Mehr als 1,2 Millionen Menschen hätten in öffentlichen Gebäuden wie Schulen und Moscheen Zuflucht gesucht. „229 000 Menschen sind außerhalb Syriens als Flüchtlinge registriert und die Zahl steigt schnell“, sagte UN-Flüchtlingskommissar António Guterres. „Flüchtling zu werden ist für viele die einzige Möglichkeit, zu überleben.“

„Allein in den letzten drei Tagen sind 12 000 unserer syrischen Brüder in unser Land gekommen“, sagte der jordanische Außenminister Nasser Dschudeh. Das übersteige bald die Möglichkeiten seines Landes. „Bitte helfen Sie uns zu helfen.“ Sein türkischer Kollege Ahmet Davutoglu sagte, innerhalb von nur 30 Stunden hätten mehr als 5 000 Flüchtlinge sein Land erreicht. Auch er bat um Hilfe, zeigte sich aber zugleich enttäuscht vom Sicherheitsrat: „Ich bin davon ausgegangen, dass die große Not den Rat zur Einigkeit drängt. Ich wurde enttäuscht.“ Russland und China haben bislang drei Syrienresolutionen gegen die Mehrheit des Sicherheitsrates blockiert. Frankreich und Großbritannien hatten die Weltgemeinschaft zuvor zu Spenden für Syrien aufgerufen.

Deutschland will sich während seines Vorsitzes im UN-Sicherheitsrat im nächsten Monat um eine weitere Isolierung Syriens bemühen. Dies kündigte Außenminister Guido Westerwelle (FDP) nach Angaben des Auswärtigen Amtes am Freitag bei einem Besuch in Hongkong an. Westerwelle sprach von einer „Blockade“ im Sicherheitsrat. Zugleich verwies der Minister darauf, dass eine „fortschreitende Isolation des Assad-Regimes“ auch bei der Konferenz der blockfreien Staaten im Iran deutlich geworden sei. Deutschland übernimmt an diesem Samstag für einen Monat den Vorsitz im UN-Sicherheitsrat. Die Bundesrepublik ist dort noch bis zum Ende des Jahres eines der zehn nicht-ständigen Mitglieder. Neben Russland und China sind auch noch die USA, Frankreich und Großbritannien ständig dabei.

CSI-Österreich (Christen in Not) stellte am Donnerstag 10 000 Dollar für verfolgte Christen in Syrien zur Verfügung. CSI-Generalsekretär Elmar Kuhn meinte, die Tragödie der irakischen christlichen Flüchtlinge zeige, dass es kaum einen Weg zurück gibt, wenn Christen das eigene Land einmal verlassen haben. So sei der Süden des Irak heute frei von Christen. Kuhn sagte: „Wollen wir den Christen Syriens eine Zukunft in ihrer Heimat ermöglichen, müssen wir jetzt helfen. Solange Christen in Syrien leben, überleben die christliche Präsenz und die religiöse Vielfalt Syriens. Das ist die beste Hilfe für einen Wiederaufbau Syriens nach dem Bürgerkrieg.“ Die Alternative sei ein salafitischer, streng islamischer Satellitenstaat von Saudi-Arabiens Gnaden.

Der maronitische Patriarch Bechara Boutros al-Rai sieht die Krise im Libanon durch die Sabotage „unsichtbarer Hände“ verursacht. Angesichts der Zerrissenheit der arabischen Welt seien die Christen im Libanon ein unverzichtbarer Faktor.