Eher Opportunist als Kommunist

Vor 27 Jahren wurde er gestürzt: Ausgerechnet die Lehre von Marx und Engels bot dem früheren SED-Generalsekretär Erich Honecker die Chance, seinen proletarischen Wurzeln zu entfliehen. Von Benedikt Vallendar

Honecker-Koffer für das Haus der Geschichte
Zerschlagene Träume: Der Original-Haftbefehl vor einem Foto Honeckers. Foto: Fotos: dpa
Honecker-Koffer für das Haus der Geschichte
Zerschlagene Träume: Der Original-Haftbefehl vor einem Foto Honeckers. Foto: Fotos: dpa

Am Ende hat ihn keiner mehr für voll genommen“, sagte nach der Wende Bärbel Bohley über Erich Honecker. Die 2010 verstorbene Malerin und DDR-Bürgerrechtlerin hatte wesentlichen Anteil am raschen Zusammenbruch des SED-Regimes gehabt. Mit Gleichgesinnten gründete sie im Spätsommer 1989 das „Neue Forum“, eine Plattform der Opposition, die letztendlich zum Sturz Honeckers von allen politischen Ämtern führte. Binnen weniger Tage war der Staatsratsvorsitzende der DDR tief gefallen. Am 18. Oktober 1989 hatten ihn seine Genossen aller Ämter enthoben, bevor sie selbst von den revolutionären Ereignissen überrollt wurden. Mehr als zweihunderttausend DDR-Bürger waren dem „Neuen Forum“ beigetreten, um der SED die Stirn zu bieten. Honecker musste sich ein Jahr später wegen der Mauertoten vor einem gesamtdeutschen Gericht verantworten und wanderte in Untersuchungshaft. Allein seine schwere Krebserkrankung bewahrte Erich Honecker vor einer Verurteilung, bis er 1994 in Chile starb.

Vielen ist Honecker nur als Stalinist und „Deutschlands letzter Diktator“ (so das Originalzitat in einer ARD-Dokumentation) ein Begriff. Indes die Zeit vor seiner SED-Karriere lange Zeit als Terra incognita galt. Das Erstaunliche: In jungen Jahren war der gebürtige Saarländer keinesfalls der verknöcherte alte Mann, dessen Konterfei im beigen Kommunionsanzug fast zwei Jahrzehnte lang die Amtsstuben der DDR zierte. Bereits als Schüler suchte Honecker Bühnen, auf denen er sich als Macher, Redner und Agitator profilieren konnte.

Dass seine politische Heimat der Kommunismus wurde, dürfte reiner Zufall, sprich: seinem Elternhaus geschuldet gewesen sein. Denn für Ideologie interessierte sich Honecker nur scheinbar. Solange man nur irgendwo mitmischen konnte, als Klassensprecher, Mannschaftskapitän oder eben Parteiredner. Honeckers Vater, ein kleiner Angestellter, fütterte seinen Sohn schon früh mit dem weltanschaulichen Geplänkel aus dem Hause Marx und Engels, dessen Botschaft ihn dennoch mehr zum Opportunisten und weniger zum hundertprozentigen Kommunisten werden ließ.

Was allein schon Honeckers gute Zusammenarbeit mit dem NS-Regime während seiner zehnjährigen Haftzeit in Brandenburg bewies. Getreu dem Goetheschen Wort „Grau ist alle Theorie, drüber reden bringt nur die halbe Lust“ interessierte sich Honecker als Kind vor allem für die bunten Nachmittagsangebote, mit denen die Kommunisten in der Weimarer Republik vielerorts auf Wählerfang gingen. Alte Fotos, die der Berliner Historiker Martin Sabrow in seinem jüngsten Werk über die Jugendjahre Erich Honeckers zusammengetragen hat, zeigen ihn als Zehnjährigen auf Spielnachmittagen der kommunistischen Kindergruppe seines Heimatortes Wiebelskirchen und später als Standartenführer. Nebenbei spielte Honecker als Trommler im Spielmannszug des Roten Frontkämpferbundes Wiebelskirchen.

Schon früh liebte er schwülstige Reden, mit denen sich der Jungfunktionär vor allem bei Frauen interessant machen konnte. Honecker galt als Womanizer, der es nie lange bei einem Mädchen aushielt. Auch in seiner dritten Ehe, geschlossen 1953 mit der späteren Volksbildungsministerin Margot Honecker, lag vieles im Argen. Und als Ermittler nach der Wende die Jagdresidenzen Honeckers unter die Lupe nahmen, stießen sie auf Unmengen frivolen Materials auf Celluloid, das sich der geschasste SED-Chef im Westen besorgt hatte. Die Filmchen passten ins Gesamtbild. Denn nicht nur privat, auch als Politiker wähnte sich Honecker in einer Traumwelt, aus der er im Oktober 1989 jäh herausgerissen wurde und nach Moskau fliehen musste. Schon als Jugendlicher träumte Honecker von einer klassenlosen Gesellschaft, wohl ohne je ernsthaft die Schriften Karl Marx gelesen zu haben. Sein „begrenztes Intellekt“ hätte dafür wohl auch kaum ausgereicht, meinte der spätere DDR-Verteidigungsminister Rainer Eppelmann.

Und so paradox es klingt: Ausgerechnet die kommunistische Lehre von der klassenlosen Gesellschaft verhalf Honecker, den abgebrochenen Dachdeckerlehrling, zum gesellschaftlichen Aufstieg, der ihn bis an die Spitze der sozialistischen Ständegesellschaft katapultierte. Der von der SED verordnete „Klassenkampf“ korrelierte dabei mit Insignien, die eher in die Frühe Neuzeit und weniger in die Moderne gepasst hätten. Orden, Aufmärsche und das bunte Sammelsurium aus Titeln und Ämtern, die das politische Leben in der DDR prägten, suggerierten gesellschaftlichen Fortschritt, und wirkten doch wie Relikte von vor der Französischen Revolution. Auch das mondäne Leben, das Honecker und seine Genossen aus dem SED-Politbüro in der Waldsiedlung Wandlitz, zwanzig Kilometer nördlich von Berlin führte, stand nur stellvertretend für all die Perversionen, die der „real existierende DDR-Sozialismus“ in vierzig Jahren hervor gebracht hatte.