Durchblick im Dunkeln

Die Welt über Nase und Tastsinn: Die blinde Strafverteidigerin Pamela Pabst hilft ihren Mandanten, das eigene Leben neu zu ordnen. Von Benedikt Vallendar

Anwältin Pamela Pabst. Foto: Stefan Nimmesgern
Anwältin Pamela Pabst. Foto: Stefan Nimmesgern

Das Kriminalgericht in Moabit gehöre zu ihren „Lieblingsorten“ in Berlin, sagt Pamela Pabst, während sie sich vorsichtig am Treppengeländer hochtastet. Stufe um Stufe und immer mit einem weißen Stock in der rechten Hand. Eine Assistentin hilft ihr, die schweren Aktenordner zu tragen und achtet darauf, dass sie nicht stolpert. Allein wäre es zu gefährlich, mit so vielen Unterlagen über den glatten Marmor zu stolzieren. Gerade jetzt, wo es geschneit hat und nicht immer gestreut wird. Darauf könne man sich in Berlin „nie verlassen“, sagt Pabst, die weiß, wovon sie spricht. Das Kriminalgericht in Moabit ist seit einigen Jahren ihr Arbeitsplatz. Mit einem roten Ausweis geht die 35-Jährige freundlich grüßend am Pförtner vorbei.

Pamela Pabst und ihre Begleiterin, eine gelernte Rechtsanwalts- und Notargehilfin, betreten das imposante Foyer in der Turmstraße 91, unweit der gleichnamigen U-Bahnstation und nehmen die Treppenstufen in den ersten Stock, deren Form und Lage die Anwältin mittlerweile auswendig kennt. Die altehrwürdige Innengestaltung des Gebäudes mit seinen Pilastern, Skulpturen und Deckenornamenten, noch vor dem ersten Weltkrieg errichtet, kann sie nur erahnen. Denn Pamela Pabst, gebürtige Berlinerin, kam blind auf die Welt. Die Welt nehme sie vor allem über die Nase und den Tastsinn wahr, sagt sie. „Ich mag den Geruch, den Sandstein und die ganze Atmosphäre hier“, schwärmt Pamela Pabst über das Kriminalgericht, das weit über Moabit hinaus bekannt ist und schon in zahlreichen Spielfilmen als Kulisse gedient hat. Der letzte „prominente“ Angeklagte in Moabit war der frühere Stasi-Minister Erich Mielke, der 1995 nach sechs Jahren aus der Haft entlassen wurde. Damals besuchte Pamela Pabst gerade die Obertertia eines Berliner Gymnasiums und dürfte den Prozess gegen Mielke wohl nur im Fernsehen verfolgt haben. Erst später, als Oberstufenschülerin, hat sie das Gerichtsgebäude zum ersten Mal betreten und es wie „Liebe auf den ersten Blick“ empfunden. Rund 60 000 Strafsachen werden jährlich in Moabit von 350 Staatsanwälten und 270 Richtern bearbeitet. Das Moabiter Kriminalgericht ist die Zentrale der Berliner Strafgerichtsbarkeit. Ein Ort, an dem menschliche Dramen aufgearbeitet und Gerechtigkeit im Namen des Volkes gesprochen wird.

Schon als Schülerin träumte Pabst davon, in Moabit zu arbeiten. Der Traum ging in Erfüllung, nach einem harten, teilweise entbehrungsreichen Weg, von der Grundschule, über Praktika in einer Anwaltskanzlei bis zum Abitur. In der Schulzeit wurde Pamela Pabst oft ausgegrenzt, sagt sie, wohl auch, weil Mitschüler sie als Prellbock für eigene, pubertätsbedingte Probleme missbraucht haben. Die Schulzeit sei für sie der reinste „Horror“ gewesen, sagt Pabst rückblickend. Zuvor war sie auf einer Grundschule speziell für blinde Kinder gewesen und bekam dort jeden Tag Teewurststullen mit lauwarmem Hagebuttentee vorgesetzt. Bis heute könne sie den strengen Geruch von Teewurst nicht ausstehen, sagt sie.

Als Pamela Pabst 1999 das Zeugnis der allgemeinen Hochschulreife in Händen hielt, sei ihr ein echter Stein vom Herzen gefallen, sagt sie. Nur wenige, wie ihre Eltern und der ehemalige, inzwischen verstorbene Schulleiter hätten sie auf ihrem Weg unterstützt. In den 1990er Jahren war Inklusion in Berlin an allgemein bildenden Schulen noch ein Fremdwort, was im Schulalltag zu zahlreichen Reibungspunkten geführt habe, sagt Pabst. Den Schulen fehlte oft die technische Ausstattung, um Menschen mit körperlichen Einschränkungen gerecht zu werden; teilweise waren auch die Lehrer mit der Situation überfordert. Doch Pamela biss sich durch, war eine gute Schülerin und schrieb sich nach dem Abitur für Jura ein. Jeden Tag fuhr die Studentin, die damals noch bei ihren Eltern wohnte, mit der U-2 zum Fachbereich Rechtswissenschaften nach Dahlem, um Vorlesungen, Übungen und Seminare zu besuchen. Abends wurde mit Hilfe einer Vorleserin gelernt, am Wochenende erholte sie sich, indem sie an einem mittlerweile 700-seitigen Krimimanuskript schrieb. „Es geht darin um einen Anwalt, der ein Doppelleben führt“, sagt Pabst lächelnd, mehr wolle sie noch nicht verraten.

Nach acht Semestern schaffte die junge Frau das Staatsexamen und arbeitet heute als erste von Geburt an blinde Strafverteidigerin der Bundesrepublik. Ihre Examensnoten hätten auch wohl für das Richteramt gereicht, allein wegen ihrer Sehbehinderung wurde sie dafür nicht zugelassen. Nach einer Entscheidung des Bundesgerichtshofs müssen Strafrichter den Angeklagten „in die Augen“ schauen können. Daher musste Pamela Pabst die beruflichen Weichen anders stellen und ist Anwältin geworden. Wie so viele, die Jura studiert haben und sich auf dem immer begrenzter werdenden Juristenarbeitsmarkt durchschlagen müssen. Jedes Jahr kommen in der Bundesrepublik knapp 3 000 neue Voll-Juristen hinzu, mehr als 161 000 sind es heute, doppelt so viele wie 1996. Auf 499 potenzielle Mandanten kam 2013 im Durchschnitt ein Rechtsanwalt. Zum Vergleich: 1950 waren es noch mehr als 5 000, hat Spiegel-Online recherchiert.

Doch von solchen Zahlenspielen lässt sich Pamela Pabst nicht kleinkriegen. Sie liebt ihren Beruf, hat einen Freund, der auch Anwalt ist und ihr bei vielem unterstützend zur Hand geht. „Das Besondere an meinem Beruf ist, dass ich an der Lebenswelt anderer Menschen teilnehmen und ihnen manchmal auch Orientierung in schwierigen Phasen geben kann“, sagt die Juristin, die in einem christlich geprägten Umfeld aufgewachsen ist. Die Mutter war Hausfrau, ihr Vater, ein gelernter Dekorateur, ist vor wenigen Jahren in den Ruhestand gegangen. Er unterstützt seine Tochter, wo immer es geht, hat ihr auch dabei geholfen, die Kanzlei in der Dachgeschosswohnung des Elternhauses einzurichten. Der familiäre Background habe ihr Kraft gegeben, auch mit schwierigen Situationen im Leben zurecht zu kommen, sagt Pamela Pabst. Denn unter ihren Mandanten sind nicht bloß kleine Fische, Kleinkriminelle, sondern auch richtig „schwere Jungs“, Drogendealer, Mörder und Vergewaltiger. Denen müsse ein Anwalt, zumal eine Frau, schon mit einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein und Rückgrat gegenübersitzen, sagt sie. In der Justizvollzugsanstalt Berlin-Tegel, dem größten Männergefängnis Westeuropas im Norden der Hauptstadt, im berüchtigten Haus II, hält Pabst regelmäßig Sprechstunden ab.

In zehn Minuten beginnt heute die Verhandlung gegen einen ihrer Mandanten; einen notorischen Einbrecher und Autoknacker, gebürtiger Usbeke, der mit bimmelnden Ketten um die Knöchel und Handschellen von Justizwachtmeistern vorgeführt wird. Aus einer unterirdischen Zelle haben sie ihn, von Zeugen und Besuchern ungesehen, durch zahllose Gänge aus den Katakomben des Gerichtsgebäudes direkt in den Verhandlungssaal gebracht. Sicher ist sicher, dachte sich das Gericht. Es ist kein Geheimnis, dass osteuropäische Mafiagruppen auch in Berlin ihren dunklen Geschäften nachgehen und vor kaum etwas zurückschrecken. „Die sollen gar nicht erst Gelegenheit bekommen, jemanden aus ihren Reihen mit Gewalt zu befreien“, sagt Pabst. Der Usbeke ist in Moabit kein Unbekannter und hat schon mehrere Jahre wegen anderer Delikte gesessen. Kürzlich hat die Staatsanwaltschaft erneut Anklage gegen ihn erhoben, weil die Polizei auf sichergestellter Hehlerware seine DNA nachweisen konnte. Angeblich hat er kein Geld für einen Anwalt. Daher wurde ihm Pamela Pabst als Pflichtverteidigerin zugeteilt. Der Richter schüttelt den Kopf, als er das Vorstrafenregister des 32-Jährigen liest. Es hat alles nichts genutzt. Am Ende bekommt er acht Monate aufgebrummt, vier weniger, als die Staatsanwaltschaft gefordert hatte. Pamela Pabst ist zufrieden. Nur der Usbeke lässt sich nichts anmerken und verharrt mit aufgesetztem Pokergesicht hinter seiner Verteidigerin, die ihn nicht sehen kann. In einem Jahr wird er in seine Heimat abgeschoben werden. „Und nie wieder nach Deutschland zurückkehren dürfen“, sagt Pamela Pabst, während ihre Assistentin auf dem Smartphone schon die nächsten Mandantenanfragen bearbeitet.