Die etwas andere Monarchie

Im Königreich Bhutan sind TV und Internet erlaubt, Plastiktüten aber verboten.

Junge Frauen in Bhutans Hauptstadt Thimphu
Die Bhutaner gelten als eines der glücklichsten Völker der Welt. In dem kleinen Land im Himalaya, versteckt zwischen Indien und China, geht es nicht nur um Wirtschaftswachstum. Fortschritt wird mit dem einzigartigen Bruttoglücksprodukt erfasst. Foto: Doreen Fiedler/dpa Foto: dpa

Macht zu haben, muss schön sein. Ob Könige, Emire oder Premiers – sie alle halten an der Macht fest. Verzichten nur ungern auf Throne oder Ministersessel. Doch es gibt Ausnahmen. In Bhutan zum Beispiel. Dort hatte König Jigme Singye Wangchuck 2006 das Zepter zugunsten seines Sohnes Jigme Khesar aus der Hand gegeben. Mehr noch: Er hatte die absolute Monarchie abgeschafft, Parteien zugelassen; 2008 fanden erste freie Wahlen statt; auch wurde eine neue Verfassung verabschiedet: Bhutan ist nun eine konstitutionelle Monarchie. Das alles ohne Druck aus dem Volk! Im Gegenteil: Die Menschen konnten es nicht fassen, was da geschah. Warum das alles, fragte sich das Volk?

Der König reiste durchs Land, um mit den Bürgern ins Gespräch zu kommen – bis in die entlegensten Winkel. Seit Dezember 2006 regiert des vierten Drachenkönigs ältester Spross das Land. Doch auch nach dem Führungswechsel haben sich die Ziele nicht geändert: Schutz der Umwelt, Bildung, Gesundheitsversorgung. Ausbau der Infrastruktur, Telekommunikation. Dabei wurde erstaunlich viel erreicht in sehr kurzer Zeit. Man bedenke: Bis 1962 führte keine befestigte Straße ins Land; es gab weder eine eigene Währung noch Briefmarken; keine Telefone; Rundfunk; Zeitungen. Anderswo selbstverständlich.

Zur nächsten Grundschule und zurück sechs Stunden zu Fuß

Und heute, in Bhutan? Zum Jahresende wird es, so prognostiziert es das zuständige Ministerium, 720 000 Mobilfunkteilnehmer geben – was fast der Bevölkerungszahl Bhutans entspricht. Bhutans Nationalsprache ist Dzongkha (Sprache der Burg). So ziemlich alle Jugendlichen und viele der heute 30- bis 50-Jährigen sprechen auch Englisch. Lange vor Öffnung des Landes schickten alle, die es sich leisten konnten, ihre Sprösslinge an Schulen – auch katholische – in Nordindien: Kurseong, Kalimpong, Siliguri. Daran hat sich wenig geändert; nur ist der Strom der im Ausland Studierenden und Auszubildenden inzwischen weitaus größer und reicht meist bis nach Malaysia, Singapur, Thailand, USA, England.

Zudem: Auch der „kleine Mann“ hat inzwischen die Chance, im Ausland zu lernen. Viele kehren zurück, andere erliegen den Verlockungen von Big Apple, London oder Auckland. Das Gros der Bhutaner lebt auf dem Land und noch nicht jeder Weiler ist ans Straßennetz angebunden. Zur nächsten Grundschule zu gelangen gestaltet sich für manches Kind schwierig. Wie für Nima Tshering. Sein Heimatdorf Bemphu gilt als eines der unzugänglichsten. Der junge Nima musste täglich mehrere Stunden zur „Bitekha Primary“ laufen: drei hin, drei retour. Sechs Tage die Woche, fünf Jahre lang. In Regen und Hitze; durch Schlamm; in der Dunkelheit. Die Angst, einem Bären zu begegnen, war allgegenwärtig. Blutegel, die sich an seinen Beinen festsaugten, normal. Seine Ausdauer und Lernwille haben sich ausgezahlt: Cambridge und Harvard folgten.

Bhutan führt als letztes Land Fernsehen und Internet ein

Heute engagiert sich der junge Mann im ganzen Land für die einfachen Menschen. Ist einmal Hilfe ganz akut von Nöten, setzt sich der König, K5, auch persönlich ein. Nima Tshering selbst ist ihm sehr dankbar: „Unser König hat kostenlose Bildung zur obersten Priorität erklärt. Dafür danke ich ihm.“ Land der Verbote: Bis zum Ende des 20. Jahrhunderts war das kleine Königreich weithin unbekannt. Dann die Schlagzeile: Bhutan führt als letztes Land Fernsehen ein. Und das Internet.

Wie üblich in Bhutan wird ein historisches Datum genutzt, um etwas zu gründen oder einzuweihen: Geburtstag eines Monarchen, Nationalfeiertag, Krönungstag. Es war anlässlich seines 25. Jahrestages auf dem Thron, als Jigme Singye Wangchuck (K4) von einer überdachten Tribüne aus zur versammelten Menschenmenge sprach: „Ich hoffe der Beginn des Zeitalters von Fernsehen und Internet wird viel Gutes für die Menschen Bhutans und seiner Regierung bringen. Ich freue mich wirklich sehr darüber. Und auch ihr mögt diesen Neuerungen nur Gutes wünschen.“

Nur Gutes hat es den Bhutanern nicht gebracht – verständlich. Aber gerade die Verbreitung und vor allem Anwendung des Internets hat einen beinahe unglaublich schnellen Siegeszug gemacht, der selbst westliche „Beobachter“ nur staunen lässt. Nicht nur sämtliche Ministerien und Distriktverwaltungen glänzen mit einer eigenen Webpräsenz, auch eine Vielzahl von Vereinen, Organisationen und Firmen tun es. Die angebotenen Informationen sind von teils immensem Umfang und detailliert: Stellenausschreibungen, Ergebnisse von Bewerbungsgesprächen – alles einsehbar. Auch die Bezüge von Staatsbediensteten – vom Premier bis zum Lageristen im Verkehrsministerium. Newsletter und Jahresberichte werden auch veröffentlicht: Die Webseite der „Bhutan Toilet Organisation“ ist informativer und umfangreicher als die der Regierungen von Kiribati, Nauru oder Tuvalu. Und inhaltlich aktueller!

Fast zeitgleich mit der „Zulassung“ von TV und Internet wurde ein Verbot von Plastiktüten erklärt. Das zeigte nur spärliche Beachtung. Neu aufgelegt wurde es 2005 und 2009; zuletzt in verschärfter Form und dem Angebot von Alternativen im April 2019. Weitaus strikter wird das wohl umstrittenste in Bhutan erlassene Verbot umgesetzt. Nein, es gibt noch kein generelles Rauchverbot, wie in einigen internationalen Medien reißerisch verbreitet wurde: Das Gesetz beschränkt sich auf Anbau und Verkauf von Tabak. Reist man ins Land, kann er für den persönlichen Bedarf mitgeführt werden. Es gab bereits Prozesse – wegen Schmuggel oder Hinterziehung der Einfuhrsteuer. Auch deshalb wurde das Gesetz reformiert – mit höheren Freimengen und milderen Strafen. Während der „Tobacco Ban“ die Mediziner auf seiner Seite weiß, sind es beim Verbot zu Fischen und Bäume ohne Genehmigung zu fällen die Umweltschützer, die applaudieren.

Bhutan absorbiert als erstes Land mehr Kohlenstoffdioxid als es ausstößt

Bhutan ist ein gebirgiges Land: Zu jeder Zeit sollen mindestens 60 Prozent seiner Fläche bewaldet sein. So steht es in der Verfassung. Brandrodungen werden bestraft! Die „Nationale Waldinventur“ 2017 ergab, dass es per dato gar 71 Prozent sind. Insgesamt sprechen wir von 800 Millionen Bäumen. Genau in jenem Jahr konnte Bhutan stolz verkünden, das erste Land mit negativer CO2-Bilanz zu sein: Das, was oberflächlich unerfreulich klingt, entpuppt sich beim genaueren Hinsehen als Erfolg. Es bedeutet: Bhutan absorbiert als erstes Land mehr Kohlenstoffdioxid als es ausstößt. So löblich dieses Gesetz ist – die Sache hat einen Haken und schafft auf der anderen Seite der Medaille auch Verlierer: Bhutans Bauern. In den geschützten Nadel- und Regenwäldern leben und vermehren sich ungestört wilde Tiere: Hirsche, Büffel, Nashörner, Elefanten, Bären, Tiger, Wildschweine. Die einen reißen Schafe und Ziegen, gar Rinder. Die anderen fressen Felder kahl oder zertrampeln sie.

Das zwingt die einen, wie Rab Bahudhur im Distrikt Samdrup Jongkhar, seine eigenen Reisfelder aufzugeben, um sich anderswo, als Pächter, für seine Familie ein karges Auskommen zu sichern. Wenn die Regierung, wie bereits vielerorts praktiziert, Elektrozäune finanziert, würde er zurückkehren. Anders reagierte Biobauer Ap Karchung (75), der über viele Jahre hinweg eine mannshohe Natursteinmauer um seine Felder aufgeschichtet hat: Die wird es auch seinen Enkeln ermöglichen, ohne Verluste die breite Palette an gesunden Lebensmitteln anzubauen, so wie es der alte Karchung lange tat: Orangen, Passionsfrüchte, Kardamon, Zitronen, Ananas, Mais, Kartoffeln, Rettich, Bohnen, Koriander, Tomaten. Und das, ohne das die bhutanische Küche keine solche wäre: teuflisch scharfe Chilischoten!