Die besetzte Kirche von Dereneu

Europa oder Russland? In Moldawien, dem orthodoxesten Land der Welt, geht es hitzig zu. Von Martin Leidenfrost

Umstritten: Der rumänische Pope Florin.Leidenfrost Foto: Foto:
Umstritten: Der rumänische Pope Florin.Leidenfrost Foto: Foto:

Moldawien ist ethnisch eine der buntscheckigsten Ecken Europas, in religiöser Hinsicht ist es aber außerordentlich homogen. Folgende fünf Volksgruppen dominieren das zweitärmste Land Europas: rumänischsprachige Moldauer, Ukrainer, Russen, turksprachige Gagausen und Bulgaren. Alle fünf Volksgruppen sind traditionell christlich-orthodox.

Moldawien ist – vielleicht mit Griechenland – das orthodoxeste Land der Welt. Die Orthodoxie wird hochgehalten, in der späten Sowjetära schützten sie sogar KP-Apparatschiks wie der spätere Präsident Wladimir Woronin. Der amtierende Präsident Igor Dodon ist zwar Sozialist, gab 2018 aber einen herzlichen Gastgeber für den konservativ-christlichen „World Congress of Families“ ab.

Geopolitisch ist das Wein- und Obst-Ländchen zwischen proeuropäischer und prorussischer Ausrichtung gespalten, beide Lager sind in etwa gleich groß. Eine laute Minderheit fordert den Anschluss an Rumänien, eine größere Minderheit will in Moskaus „Eurasische Wirtschaftsunion“. Die einzige Bruchlinie zieht sich daher quer durch die Orthodoxie und ist geopolitischer Natur: Die Mehrheit der moldawischen Pfarreien sind auch nach dem Zerfall der Sowjetunion dem Moskauer Patriarchat treu geblieben, der „Metropolie von Kischinau und der ganzen Moldau“. Eine Minderheit ist zur wiedererrichteten „Metropolie von Bessarabien“ gewechselt, zum Bukarester Patriarchat.

Der Brennpunkt des russisch-rumänischen Konflikts ist seit mehr als einem Jahr das kleine mittelmoldawische Dorf Dereneu. Eine ethnische Dimension hat der Konflikt nicht, alle 600 Einwohner sind rumänischsprachige Moldauer. Florin Marin, der Pope von Dereneu, war der erste rumänische Geistliche, der 1991 nach Moldawien ging. Ab 2001 renovierte er in Dereneu die Kirche und baute zwei große Wohnhäuser dazu. Als 2018 ruchbar wurde, dass Pope Florin 2017 seine Pfarrei vom Moskauer zum Bukarester Patriarchat überschrieben hatte, besetzten Moskautreue die Dorfkirche – und gaben sie bis heute nicht mehr frei.

Wer katholisch ist, hat einen komplizierten Lebenslauf

Im brütend heißen Frühling 2018 empfing der rumänische Pope mehrere Journalisten täglich, sogar aus Frankreich rückte einer an. In der kleinen modernen Hauskapelle, in der er nun die Messe lesen musste, sagte Florin: „Im August 2017 sind wir in die Mutterkirche zurückgekehrt. Alle Gläubigen haben für die Metropolie Bessarabiens gestimmt.“ – „Alle?“ – „95 Prozent. Am 7. März kam eine russische Horde von Vandalen und brach mit einer Flex die Kirchentür auf. Am 18. März marschierten wir im Schnee, angeführt von der Bürgermeisterin, die Polizei ließ uns aber nicht in die Kirche.“ 300 Gläubige hätten mit ihm die Osternacht auf dem engen Platz zwischen Kirche und Kapelle gefeiert, „zu ihnen kamen nur fünfzehn“. Die Moskautreuen, das waren 2018 einige nette Mütterchen mit Kopftuch, die in der Kirche Schichten schoben, und einige raue Kerle. Da der Sohn des Popen lauschend um die Ecke lugte, zogen die Moskauer den Reporter zur Bukarest abgewandten Außenwand der Kirche. Florin Marin hatte schon nicht mit Anwürfen gespart, hatte den Popen der Besetzer „beweisbar einen Psychiatriepatienten“ genannt, doch die Anschuldigungen der drei, vier moskautreuen Kerle sprengten in Form und Inhalt jede Vorstellungskraft.

Sie sagten: „Um Bukarest oder Moskau geht es nicht, wir sind gegen ihn.“ Der rumänische Pope sei „ein Spekulant“, „ein Zigeuner“, „ein Teufel“, er gehe „zu einer Hexe“, habe das Bezahlen einer Autoreparatur versprochen und gebrochen, habe zum Stehlen einer Hausikone anstiften wollen, besitze für Sex mit Prostituierten eine Wohnung in Kischinau, und er habe „ein Mädchen vergewaltigt, das Mädchen starb dabei“. Sie sagten: „Er gehört an den Eiern aufgehängt.“ Sie warfen Florin auch vor, er würde Armen das Begräbnis verweigern. Das Armenbegräbnis jenes heißen Sonntags führte tatsächlich ein anderer Pope durch.

In keinem europäischen Land wird man weniger Katholiken finden. Nur etwas mehr als ein Promille der drei Millionen Moldawier sind römisch-katholisch, die Hälfte lebt in der Hauptstadt Kischinau. Dennoch bildet die kleine katholische Kathedrale, hinter dem Präsidentenpalast gelegen, eine sehr moldawische Oase.

Die Messen, die vorwiegend auf Russisch und Rumänisch gelesen werden, sind ziemlich voll. Es ministrieren nur Jungen, doch stehen da noch zwei entzückende slawische Feen, ganz in Weiß, mit Kerze.

Das Gloria, angestimmt auf Latein und gesungen auf Russisch, hebt das Gemüt. Wer in Moldawien katholisch ist, muss einen wahnsinnig komplizierten Lebenslauf haben. Das zeigt sich beim werktäglichen Rosenkranz: Je nachdem, wer von den Betenden später kommt oder früher weg muss, beten sie ein Gesätz auf Rumänisch, das nächste auf Russisch, wechseln auf Polnisch oder Ukrainisch, um wieder auf Russisch oder Rumänisch abzuschließen. Im Vorgarten der Kirche steht ein metallenes Denkmal, Johannes Paul II. auf einer Parkbank, verschmitzt lächelnd. Man kann sich zu ihm auf die Bank setzen. Moldawische Katholiken tun das.

Im kalt verregneten Frühling von 2019 noch einmal nach Dereneu. Der Damm des Fischteichs ist soeben unter dem Druck der Regengüsse gebrochen, tausende Fische treiben im angeschwollenen Bach davon. Da wir in Moldawien sind, wird daraus ein spontanes Volksfest: Halbnackte Burschen stehen im braunen reißenden Bach und ziehen Fische mit bloßen Händen heraus. An der Schotterstraße haben Altbauern ihren Pferdekarren abgestellt und kraulen sich fachmännisch das Kinn. Das Gras am Bach ist hoch und nass, auf einer Erhöhung tänzeln zwei Jungmütter mit ihren Säuglingen und besoffene Burschen. Ein Lagerfeuer lodert. Und durch das Gras stapft ein Barde mit Mikrofon und tragbarer Verstärkerbox und schmachtet volkstümliche Schnulzen auf Rumänisch.

Wieder Frühling, wieder Sonntag, nur der steile Anstieg zur Kirche ist 2019 verschlammt. Wie hat Dereneu den Konflikt um die besetzte Kirche gelöst? Ein moskautreuer Jungbauer stapft in Gummistiefeln vorbei und sagt zahnlos grinsend: „Florin ist immer noch da, Soros zahlt alles. Gehen Sie und Sie werden es selbst sehen!“

Zu sehen ist, dass die Konfliktparteien aufgerüstet haben. Die Moskauer etwa haben Kameras montiert und eine Wächterkabine aufgestellt, seither läuft die Besetzung auch ohne Besetzer. Vom Versuch, die Bukarester mit einem Zaun zwischen Kirche und Kapelle zu isolieren, sind die eingesetzten Stangen geblieben. Es gibt oft Rangeleien, die Polizei greift genervt ein. Pope Florin ist in Kischinau, morgen ist wieder Gerichtstag.

Zugegen sind zwei seiner Unterstützer, die auch in seinen Häusern hier wohnen: ein freiwilliger Wachmann, bezahlt von milden Gaben der Bukarester, und eine Frau mit traditionellem Kopftuch. Die Frau erzählt: „Mein Exmann, der mich jeden Tag schlug, ist einer von denen. Er darf sich mir nicht mehr nähern, aber ich habe Angst vor ihm.“ Der Wachmann fügt hinzu: „Er fiel in der Nacht mit dem Messer über mich her.“

Die beiden haben jeden Grund, das Moskauer Patriarchat abzulehnen, umso auffälliger ist die tiefe Verunsicherung, die im zweiten Jahr des Kirchenkriegs aus ihnen spricht. Aus welchen Quellen Florins Bautätigkeit finanziert wird, vermögen sie nicht zu sagen. Die Behauptung der Moskauer, Dereneu würde wohl wie Rumänien zum neuen Kalender wechseln, würde also Weihnachten am 24. Dezember feiern müssen – sie ist gesickert. Zwar ruft der Wachmann aus: „Er hat in der Predigt versprochen, dass wir nicht wechseln!“ Überzeugung ist in ihren Augen aber nicht zu sehen.

Gewiss, gegen die irrwitzigen Vorwürfe der Moskauer nehmen sie ihren Popen in Schutz. Doch dann sagt die Frau, die nie in Rumänien war: „Die Rumänen mögen uns nicht.“ – „Väterchen Florin mag euch aber schon, oder?“ Die Frau wiegt den Kopf. Auf die Frage nach dem Messbesuch sagt sie: „30 bei ihnen, 30 bis 40 bei uns.“ Auch wenn solche Zahlen nicht wörtlich zu nehmen sind, bedeutet das eine massive Kirchenflucht, besonders aus dem Lager des Bukarester Patriarchats.

Nun dunkelt es in Dereneu, und der Regen setzt wieder ein. Die Frau sagt: „Das ist eine Strafe Gottes. Er sieht, wie wir uns hier aufführen.“