Würzburg

Die Verehrung des Jesuskind

Die Verehrung des Jesuskind begann früh und schmückt bis heute Europas Kulturlandschaft.

Prager Jesuskind
Prag: Kleiner Jesus, große Wirkung. Foto: René Fluger

Ein König, der nicht in einem Palast zur Welt kommt, sondern in einem Viehstall – und die ersten, die dem Herrscher huldigen, sind nicht etwa Fürsten und Adelige, sondern die Ärmsten der Armen: Hirten, die auf dem freien Felde davon Kunde erhalten. Der Mensch gewordene Gott betritt diese Welt nicht als starker Krieger, sondern als verletzliches, schutzbedürftiges, kleines Kind.

Die Weihnachtsgeschichte erzählt so gleichnishaft und so unmittelbar anrührend von der Liebe Gottes zu den Menschen, dass es kaum Wunder nimmt, wenn sie in der Volksfrömmigkeit das Ostermysterium in seiner Bedeutung zurückdrängt. Zunächst wurde die Verehrung des Christuskindes vor allem in Klöstern besonders gepflegt. Die Heiligen Bernhard von Clairvaux, Franz von Assisi und Antonius von Padua gelten als große Verehrer der Kindheit Jesu.

Christkindlwiegen gelten als Vorläufer der Krippen

Klösterliche Mysterienspiele des Mittelalters schmückten phantasievoll die Not der Herbergssuche aus, die klirrende Nachtkälte, die Ärmlichkeit der Hirten oder ihre freudige Erregung, wenn sie um Käse, Eier und Schmalz laufen, um dem neugeborenen Heiland Geschenke darzubringen. Aus dem 12. Jahrhundert ist aus dem Chorherrnstift Reichersberg erstmalig der Brauch des „Kindlwiegens“ bezeugt.

Dazu wurde im Chorraum eine Wiege aufgestellt, in der eine Puppe zum Stundengebet von den Ordensleuten geschaukelt werden konnte. Um 1400 hielt ein Salzburger Mönch sogar das dazu gesungene Lied fest: „Und so man das Kind wiegt über das „Resonet in laudibus“, hebt unser Frau an zu singen in einer Person: Joseph, liever neve min.“ – Ein Mönch sang demnach über der Melodie des lateinischen Chorals das heute noch gepflegte Weihnachtslied „Joseph, lieber Joseph mein, hilf mir wiegen mein Kindelein“.

Derartige Christkindlwiegen gelten daher als Vorläufer der späteren Weihnachtskrippen. Jungen Novizinnen schenkte man als „Trösterlein“ in der Einsamkeit ihrer Klosterzelle ein Abbild des in „Fascien“, in Binden, gewickelten Kindes. Aus den Nonnenklöstern heraus eroberten diese Fatschenkindl – oft kostbar bekleidet und mit Klosterarbeiten bestickt – auch die Herrgottswinkel in den weltlichen Wohnstuben; zu herzig und süßlieb waren diese Andachtsbilder anzusehen. Gefertigt waren sie aus Holz, bisweilen Elfenbein, oft mit einem Wachsüberzug modelliert, dessen warme Transparenz menschlicher Haut nahekommt.

Wunder im Schrank

Einige dieser Kindlfiguren errangen regionale Popularität oder standen gar im Geruch des Wunderwirkens, wie etwa das lebensgroße, mit silbernen Bändern „gefatschte“, also umwickelte Augustiner-Christkindl in München, zu dem sich nächtens ein Frater der Augustinerbarfüßer schlich, um es einmal ganz allein für sich in seinen Armen zu wiegen. In seiner Aufregung aber ließ er es fallen und das Köpflein sprang entzwei.

Der verzweifelte Mönch verbarg die Scherben in einem Schrank. Unerbittlich aber rückte der Heilige Abend näher und näher, so dass der Barfüßer seinen Fehlgriff schließlich dem Prior beichten musste. Als die Beiden jedoch den Schrank öffneten, hatte sich das Gesicht auf wundersame Weise wieder zusammengefügt. Bis heute zeugt von dem im Jahre 1624 geschehenen Malheur nur noch ein Riss an der Wange des frühbarocken Kindls, das nach der Aufhebung des Barfüßerklosters eine neue Heimat im Bürgersaal der Marianischen Männerkongregation gefunden hat.

Wenn die Schulmedizin keinen Rat mehr weiß

In einer Seitenkapelle der altehrwürdigen Marienkirche auf dem römischen Kapitolshügel wird der „beste Arzt“ der Ewigen Stadt verehrt; das „Santo Bambino di Aracoeli“, dem zahllose Wunderheilungen zugesprochen werden. Der „Bambinello“ wird vor allem dann gerufen, wenn die Schulmedizin keinen Rat mehr weiß.

Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts machte der Santo Bambino auch „Hausbesuche“, nachdem es ihm gelungen war, ein Mitglied der Fürstenfamilie Torlonia vor dem sicher geglaubten Tod zu erretten. Tag und Nacht stand eine Droschke bereit, um das Christkind an das Bett eines Kranken zu bringen. Die hölzerne Standfigur des „Bambino Gesu“ ist bekrönt mit einer goldenen Königskrone und mit Goldstoff umhüllt. Reiche Gönner behängten sie mit juwelenbesetzten Dankesgaben, die der wohl aus dem 15. Jahrhundert stammenden Statue zum Verhängnis wurden.

Am 1. Februar 1994 schlichen sich zwei als Arbeiter verkleidete Diebe in das benachbarte Franziskanerkloster, in dem gerade Renovierungsarbeiten vorgenommen wurden und raubten den Santo Bambino. Die Empörung der Römer war groß. Lösegeldzahlungen wurden angeboten, doch selbst die öffentliche Bitte der Insassen des Regina-Coeli-Gefängnisses um eine Herausgabe verhallten bei ihren „Kollegen“ ungehört. Seitdem ersetzt eine Kopie das Christuskind von Aracoeli.

Prager Jesuskind kam 1555 aus Spanien

Die vermutlich berühmteste Darstellung des kleinen Jesus aber ist das Prager Jesulein. Die irdischen Prunkgewänder, in die es gehüllt ist, lassen die Lieblichkeit des von einer Kaiserkrone überhöhten Gesichtchens fast in den Hintergrund treten. In der linken Hand hält es den von einem Kreuz überhöhten Erdapfel als Zeichen der Weltherrschaft Christi; die Rechte hat es zum Segensgruß erhoben. Der Legende nach stammt es aus dem Besitz der Theresa von Ávila.

Von der großen Heiligen ist bekannt, dass sie auf ihren Reisen stets eine kleine Statue des „Nino Jesús“ bei sich getragen habe. Gesichert ist, dass die über einem Holzkern gearbeitete Wachsfigur im Jahre 1555 aus Spanien nach Prag gelangte; als Teil der Brautaussteuer von María Manriquez de Lara, die den Böhmischen Obristkanzler Vratislav von Pernstein heiratete.

1628 stiftete deren Tochter den Familienschatz dem Karmelitenkloster auf der Prager Kleinseite – nicht ohne Hintergrund, denn in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges rangen Katholiken wie Protestanten um die Seelen der Gläubigen; dabei konnte ein solches Jesulein ein starker Helfer sein.

Jesulein mit Kleiderschrank

So gelangte die knapp 50 cm hohe Figur in ein Gotteshaus, das ursprünglich als Dreifaltigkeitskirche von inzwischen aus Prag vertriebenen Lutheranern gebaut worden war, nun das Patrozinium U.L. Frau vom Siege trug und damit an den Sieg der Katholischen Liga in der Schlacht am Weissen Berg erinnerte. Als sich das Kriegsglück 1631 wendete, besetzten Sachsen die böhmische Hauptstadt, hackten dem Christkind beide Händchen ab und warfen es hinter den Altar, wo es von einem Karmeliterpater geborgen wurde.

Die große Zeit des Prager Jesulein begann nach dem Westfälischen Frieden. Zahlreiche Wunder und Gebetserhörungen wurden ihm zugeschrieben und sein Ruhm drang bis nach Asien, Afrika und in die Neue Welt. Die Habsburgerkaiser, in Personalunion auch Könige von Böhmen, stifteten königliche Gewänder – allen voran Maria Theresia, die rund zwanzig Kleidungsstücke eigenhändig bestickte; darunter eines mit Diamanten, Perlen und Granaten besetzt – so dass das Jesulein zehnmal im Jahr, dem liturgischen Anlass gemäß, die Kleider wechseln kann.

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