Jerusalem

Die Pontius-Pilatus-Theorie

Ist der römische Präfekt für den Bau einer der Hauptstraßen Jerusalems verantwortlich?

Hauptstraßen Jerusalems
Ende der Prachtstraße: Diese Treppe führt zu den Huldah-Toren, dem einst südlichen Eingang zum Tempelberg. Foto: wiki

Was ist Wahrheit?“, diese Frage ist in der christlichen Tradition durch die johanneische Passionsüberlieferungen eng verbunden mit dem römischen Präfekten Pontius Pilatus. In der koptischen und auch in der äthiopisch-orthodoxen Kirche gilt er als Heiliger. Nicht nur habe er, wie im Neuen Testament erzählt wird, Jesus eigentlich verschonen wollen und ihn nur aufgrund der vehementen Forderung des Hohen Rates und des Volkes kreuzigen lassen, sondern die Legendenbildung machte aus ihm zuerst einen heimlichen, dann einen öffentlich bekennenden Christen und schließlich sogar einen Märtyrer.

Während er in der rabbinischen Überlieferung nicht genannt wird, beschreiben ihn zeitgenössische, antike jüdische Quellen hingegen als einen brutalen Judenfeind, der – nach den Worten des jüdischen Philosophen Philo von Alexandrien – „von Natur aus unbeugsam, eigenwillig und unnachgiebig“ war. Der israelische Archäologe Nahshon Szanton wirft nun jedoch mit einer Studie, die er mit drei weiteren Co-Autoren in diesem Monat veröffentlicht hat, ein neues Licht auf das Verhältnis von Pontius Pilatus zum Judentum.

Eines der grandiosesten frührömischen Monumente Jerusalems

Seit dem 19. Jahrhundert wurden in Jerusalem immer wieder Abschnitte einer Prachtstraße für Pilger ausgegraben, die vom südlichen Stadttor hinauf zum Tempelberg führte. In der frühen römischen Zeit, bis zur Zerstörung Jerusalems und des Zweiten Tempels im Jahre 70 n. Chr., war diese gestufte Straße eine pulsierende Allee von 600 Metern Länge und etwa acht Metern Breite, gesäumt von Geschäften, Tavernen und monumentalen Elementen, wie zum Beispiel einem Podium für öffentliche Reden. Sie wird von Nahshon Szanton und seinen Kollegen neben dem Herodianischen Tempels als eine der „der grandiosesten frührömischen Monumente Jerusalems“ beschrieben. Sie verläuft heute zum größten Teil unter der mehrheitlich palästinensischen Ost-Jerusalemer Nachbarschaft Silwan und ihre Ausgrabung, die durch die mit der jüdischen Siedlerbewegung verbundenen Davidsstadt-Stiftung, „Elad“ zusammen mit der israelische Altertümerbehörde durchgeführt wird, ist politisch höchst umstritten.

Die israelischen Archäologen um Nahshon Szanton haben nun die bei den verschiedenen Ausgrabungen gefundenen Münzen gesichtet und kommen zu dem Ergebnis, „es ist wahrscheinlich, dass Pilatus für den Bau einer der Hauptstraßen Jerusalems verantwortlich ist“. Insgesamt wurden 101 Münzen gefunden, die durch diese Prachtstraße versiegelt worden waren. Genau wie heute fielen Münzen in der Antike häufig aus den Taschen der Menschen und wurden so unter später gebauten Strukturen begraben.

 

Die jüngste gefundene Münze wird auf das Jahr 30 oder 31 n. Chr. datiert. Pontius Pilatus Amtszeit begann vermutlich im Jahre 26 und endete im Frühjahr 37 n. Chr. Er war der letzte römische Präfekt, der Münzen prägen ließ, bevor Herodes Agrippa I. König von Judäa und Samaria wurde und ab 41. n. Chr. in großer Zahl neue Münzen prägen ließ, von denen bisher bei Ausgrabungen über 1 000 Stücke gefunden wurden. Solche Münzen wurden auch bei den Ausgrabungen der Prachtstraße für Pilger gefunden – allerdings nur über dem Steinpflaster, in den Zerstörungsschichten und verkohlten Trümmern, die die Straße bedeckten, als Jerusalem während des Jüdischen Krieges von den erobernden römischen Legionen 70 n. Chr. niedergebrannt wurde.

Die israelischen Archäologen sind sich sicher, dass die Prachtstraße für Pilger daher vor 40 n. Chr. fertiggebaut wurde, denn ansonsten hätten aus ihrer Sicht von Herodes Agrippa I. geprägte Münzen gefunden werden müssen. „Daher scheint das Fehlen von Münzen, die von Agrippa I. und den ihm folgenden Prokuratoren ausgegeben wurden, in den Fundamenten und Füllungen unter der Straße nicht zufällig zu sein.“ Und sie sind der Meinung, dass es nicht vorstellbar ist, dass ein solches Bauprojekt ohne die Erlaubnis des römischen Präfekten in Jerusalem, Pontius Pilatus, stattgefunden haben könne. Sowohl methodisch als auch aus historischer Perspektive ist diese Deutung umstritten.

Pontius Pilatus trat auch als Bauherr auf

Im Gespräch mit der „Tagespost“ erklärt der Kurator für die Levante am Bibel+Orient-Museum in Fribourg, Florian Lippke: „Die Grundlage der vorgeschlagenen Datierung ist das Fehlen zeitlich jüngerer Münzen. Die ,Absenz‘ eines Belegs ist aber nicht gleichzusetzen mit dem Datierungsbeweis.“ Und fügt dem noch kritisch hinzu: „Das Nicht-Auffinden kann häufig auch Zufall sein. Aus diesem Grund ist die Argumentationsform ,Nicht-Existenz von Einzelbelegen = Nichtexistenz im gesamten Befund‘ im archäologischen Sektor methodisch verpönt.“

In der vorherigen Forschung wurde zur Datierung der Prachtstraße neben den Münzfunden daher auch auf den Bericht des antiken, jüdischen Geschichtsschreibers Flavius, der 37. n. Chr. geboren wurde, verwiesen. Er berichtet, dass Herodes Agrippa I. die Straßen Jerusalems mit weißen Steinen pflastern ließ. Umstritten ist aber nicht nur die Datierung der israelischen Archäologen um Nahshon Szanton, sondern auch die historische Einordnung. „Kein Statthalter – und Pontius Pilatus war kein Statthalter, sondern nur der Vertreter des Statthalters von Syrien, zu dessen Provinz auch Iudaea gehörte – hat in die baulichen Strukturen einer Stadt eingegriffen“, stellt Professor Werner Eck gegenüber der „Tagespost“ klar. Er war bis 2007 Professor für Alte Geschichte an der Universität zu Köln und erhielt unter anderen Auszeichnungen 2000 den Max-Planck-Forschungspreis für Geisteswissenschaften aufgrund seiner Forschungen zur Geschichte der römischen Kaiserzeit. Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist die Administration der römischen Provinzen, speziell auch von Judäa. Es sei unstrittig, dass Pontius Pilatus auch als Bauherr auftrat. Er restaurierte einen der Leuchttürme am Hafen von Caesarea und ließ ein Aquädukt, der Wasser nach Jerusalem führte, bauen.

Straßenbau war selbstverantworlich und bedurfte keiner Erlaubnis

Aber Professor Werner Eck verweist darauf, dass alle Städte im römischen Herrschaftsbereich selbstverantwortlich Baumaßnahmen durchführen konnten, ohne einer Erlaubnis zu bedürfen; und er stellt klar: „Dass Pilatus als Bauherr hinter der Straße steht, dafür bräuchte man mehr als eine – mögliche – Datierung der Straße in seine Zeit. Dass er die Straße in Auftrag gegeben hat, kann man aufgrund all dessen, was wir für das römische Reich und die Tätigkeit seiner Administratoren wissen, ausschließen.“ Aus seiner Sicht ist eine andere Deutung wahrscheinlicher: „Entweder hat schon Herodes für diese Straße gesorgt (man könnte dabei an den Transport der ungeheuren Steinmassen zum Ausbau des Tempels denken) oder die Jerusalemer ,Stadtregierung‘ hat, um die Massen der Pilger zu bewältigen, die Straße später anlegen oder vielleicht auch nur ausbauen lassen.“

Es ist eine faszinierende Idee, dass der Präfekt Pontius Pilatus, der im Apostolischen Glaubensbekenntnis erwähnt wird, unter dem Jesus gelitten hat, eine Prachtstraße für Pilger auf dem Weg zum Tempel baute. Dies würde eine neue Dimension zu seinem komplexen Bild in der jüdischen und christlichen Geschichtsschreibung und Legendenbildung hinzufügen. Die von den israelischen Archäologen vorgelegte Deutung bleibt jedoch umstritten.