Die Nerven liegen blank

Polnische Zeitungen hetzen gegen die deutsche Mannschaft

Warschau (DT) Der Respekt der Polen vor Deutschland ist immer noch groß: Die deutsche Wirtschaft, das deutsche Sozialsystem, der deutsche Papst werden mit Wertschätzung und Anerkennung betrachtet. Vor der deutschen Fußballnationalmannschaft geht man jedoch nicht vor Ehrfurcht in die Knie. Warum auch? Die deutschen Fußballer werden hier nicht als Argentinien-Bezwinger oder spielerisch glänzende WM-Dritte 2006 betrachtet, sondern als sehr glückliche 1:0 Gewinner einer Hinrunden-Schlacht. Und lag nicht auch das verregnete 1:0 der Deutschen bei der Weltmeisterschaft 1974 auf der Waagschale? Zeit also, um endlich einmal das Glück und die Gerechtigkeit auf Seiten der eigenen Mannschaft in Empfang zu nehmen. Und was böte sich besser an, als das kommende EM Vorrunden-Spiel in Klagenfurt.

„Diesmal ist Polen dran“, sagt denn auch Pater Roman, der Deutschland-Experte der Franziskaner in Niepokalanow und betont mit einem Lächeln, dass die besten deutschen Spieler (Klose, Podolski) eigentlich ins polnische Team gehören. Soviel Optimismus ist nicht leicht von der Hand zu weisen, immerhin hat Polen unter dem niederländischen Trainer Leo Benhakker in den vergangenen zwei Jahren eine äußerst erfolgreiche EM-Qualifikation absolviert, wieso auch andere polnische Fußball-Fans für das heutige Spiel auf die Farben Rot-Weiß setzen.

Für zusätzliche Motivation hat jüngst ein deutscher Spot im Internet gesorgt, der die deutschen Fans daran erinnert, bei der Anreise nach Österreich und in die Schweiz das eigene Fahrzeug nicht unbeaufsichtigt zu lassen. Eine humorvolle Anspielung auf polnische Autodiebe, über die in Polen, als die Existenz des Spots bekannt wurde, allerdings niemand lachen konnte. Im Gegenteil: In allen Medien reagierte man mit Wut und Empörung auf diese „typisch deutsche Überheblichkeit“, die erneut beweise, dass „die Deutschen uns einfach nicht mögen“ (Sendung „Fakty“ auf TVN).

Solidarisch mit Deutschland und der deutschen Mannschaft reagierte man in Polen jedoch auf die Veröffentlichungen zweier bemerkenswerterweise vom Springer-Verlag in Polen herausgegebener Tageszeitungen: „Fakt“ und „Super Express“, die in völlig überzogener Weise auf den Ressentiment-Zug aufspringen wollten. Zunächst zeigte „Fakt“ eine Collage, auf der Ballack mit Wilhelminischer Pickelhaube vor Polens Nationaltrainer kniet, während der mit einem Schwert zum tödlichen Schlag ausholt. Dann stieß „Super Express“ zu: Mit einer Fotomontage, die den polnischen Nationaltrainer zeigt, wie er die abgeschlagenen Köpfe des deutschen Mannschaftskapitäns Michael Ballack und des Bundestrainers Joachim Löw in den Händen hält. Verbunden mit der Aufforderung: „Le daj nam ich glowy“ – „Leo, bring uns ihre Köpfe!“ Nicht nur Beenhakker distanzierte sich von dieser „kranken“ Berichterstattung, auch der polnische Botschafter entschuldigte sich bei der deutschen Regierung über diese martialischen Misstöne. Während andere deutsch-polnische Sachverständige bei Springers Sprachrohr in Deutschland, der „BILD“-Zeitung, für Frieden und Versöhnung zwischen den Ländern plädierten, was ohne den Springer-Verlag nach Einschätzung mancher Polen eigentliche keine schwierige Sache wäre.

Nun – für den Warschauer Geschäftsmann Jerzy Wierszbicki, der seinen Balkon rechtzeitig mit der polnischen Flagge geschmückt hat, ist das alles kein Grund zur Aufregung. Humor hin, Köpfe her. Für ihn steht fest, wie man sich auf die ununterbrochene Siegesserie des deutschen Teams auf dem Rasen am besten revanchieren kann. Nämlich: „Mit einem polnischer Sieg.“ Doch bescheiden fügt er hinzu. „Er muss nicht hoch ausfallen. Ein 1:0 für Polen genügt.“ Man darf gespannt sein, wer zuletzt lacht.