Die Literaten des Herrn

Im deutschsprachigen Raum gibt es unter katholischen Kommunikations-Profis mindestens drei ausgewiesene Schriftsteller: Ein Gruppenbild mit Werken.

Katholische Schriftsteller
Wie es der Zufall will, gibt es im deutschsprachigen Raum unter den kirchlichen PR-Profis drei ausgewiesene Schriftsteller. Foto: Jan Woitas (dpa-Zentralbild)

Gute Kommunikation war immer schon wichtig, im Medien-Zeitalter ist sie ein Muss. Die katholische Kirche, traditionsgemäß mit einem guten Draht nach oben versehen, ist auch irdisch kommunikationstechnisch bestens vernetzt. In Deutschland verfügen inzwischen alle Bistümer und Erzbistümer über Pressestellen, ebenso die Deutsche Bischofskonferenz. Die kirchlichen Medien-Jobs sind vielschichtig. Öffentlichkeitsrelevante Themen müssen nach außen kommuniziert werden. Wie es der Zufall will, gibt es im deutschsprachigen Raum unter den kirchlichen PR-Profis drei ausgewiesene Schriftsteller.

Krimi-Fan: Harry Luck.H. Steffens Foto: Foto:

Zu den gewieftesten katholischen Medienfachleuten zählt sicherlich Harry Luck. Seine ersten journalistischen Schritte machte der 1972 geborene Journalist beim Remscheider General-Anzeiger. Später arbeitete er für den Deutschen Depeschendienst und bei Focus-Online als stellvertretender Nachrichtenchef. Im Juni 2012 war für Luck ein Tapetenwechsel angesagt. Seither leitet er den Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Erzbistums Bamberg. 2016 wurde er an der Otto-Friedrich-Universität in Bamberg Lehrbeauftragter. Bis hier hin könnte man sagen, business as usual. Aber auf den zweiten Blick entdeckt man eine Besonderheit. Harry Luck ist nämlich nicht „nur“ Pressesprecher. Er schreibt Krimis. Und das nicht zu knapp! Sein erster, „Isarbulle“, erschien 2003. Weitaus gefährlicher geht es im Bibel-Thriller „Versuchung“ zu: der Multimedia-Konzern SkyCorp beherrscht die digitale Welt. Als die junge Journalistin Eva Röller beginnt, unangenehme Fragen zu stellen, überschlagen sich die Ereignisse. Alles wird hinterfragt, die Macht der Medien, die globalisierte Welt, der Zufall, das Abenteuer.

Spannende Unterhaltung und ein Schuss Humor

Ab 2016 wird das Oeuvre des Autors aus dem Bergischen Land Bambergig. „…solange ich hier Dienst tue, werde ich keinen Schluck aus so einem neumodischen Vollidiotomaten trinken“. Wer so spricht, kann nur Hinz oder Kunz heißen oder? Irrtum, „Mein Name ist Müller“, sagt Horst Müller, Kommissar aus Bamberg, altmodisch bis zum Abwinken und auch sonst ein Unikum. Zur Hand geht ihm seine junge, dynamische Kollegin Johanna Paulina Kowalska – ihren Vornamen hat ihre aus Krakau stammende Mutter, Fan von Johannes Paul II., ihr verpasst. Mit „Bamberger Seidla“ ist inzwischen die vierte Folge des Franken-Krimis erschienen. Wie immer hat Autor Luck penibel recherchiert. Das Resultat kann sich sehen lassen. Bernhard Brink, Altmeister des deutschen Schlagers, urteilt: „Spannende Unterhaltung und ein Schuss Humor. Hitverdächtig und mörderisch gut.“

Subtil: Markus Günther.P. Badde Foto: Foto:

Ebenfalls zur Riege der Pressesprecher, die mehr als die Prosa der Alltagsinformationen beherrschen, gehört der mit etlichen Preisen ausgezeichnete Markus Günther. Für seinen Essay „Du musst kämpfen“ erhielt er im vorigen Jahr aus den Händen der Bundesfamilienministerin Franziska Giffey den mit 10 000 Euro dotierten Preis der „Deutschen Palliativstiftung und der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin“. Der promovierte Historiker arbeitete für die FAZ und die Los Angeles Times. Als Mitglied im Pressekorps des Weißen Hauses veröffentlichte Günther 2007 die erste deutschsprachige Obama-Biographie. Nach 25 erfolgreichen Jahren als Chronist unserer Zeit, unter anderem als Chefredakteur die „Augsburger Allgemeine“, ist er seit dem 1. Februar 2019 Kommunikationschef des Erzbistums Köln. Der 1965 in Bottrop geborene dreifache Familienvater betont die Notwendigkeit einer Sprache, „die die Menschen von heute verstehen, mit der wir aber zugleich uns selbst und unserem Auftrag als Kirche treu bleiben“.

Günthers Romandebüt "Weiß" erscheint 2017

Sein Romandebüt „Weiß“ erschien 2017. Es ist die virtuose Enttarnung des Alltags. Emotionen sind für die paragraphentreue Staatsanwältin Hannah das Terrain ihres Mannes, der als Architekt seine künstlerischen Fantasien auslebt. Ihr gemeinsames Haus hat er minimalistisch, in allen Schattierungen der Farbe Weiß, eingerichtet. Die Farbe verschattet sich, als Hannah aufgrund einer nebensächlich erscheinenden Beobachtung in wahnhafte Eifersuchtsanwandlungen verfällt. Die Fassade trauter Bürgerlichkeit zerbröckelt. Präzise und einfühlsam gelingt Günther die detaillierte Beschreibung selbstzerstörerischer Gedankengänge bis in die fatalsten Abgründe der Seele. Was ist Wirklichkeit? Was Einbildung? Bei guter Literatur bleibt das Ende offen, damit der Leser seinen eigenen Interpretationsspielraum ausschöpfen kann. Markus Günther ist mit „Weiß“ dieses Meisterstück gelungen.

Giuseppe Gracia 2017
Mutig: Giuseppe Gracia. Foto: Archiv

Ebenfalls zu den Meistern seines Fachs gehört Giuseppe Gracia. Der 1967 in St. Gallen geborene Sohn eines Sizilianers und einer Spanierin besitzt eine feines Gespür für kritische Entwicklungen. Die NZZ schrieb über ihn: „Er mag die Auseinandersetzung mit anderen Haltungen.“ Seit 2011 ist Gracia Beauftragter für Medien und Kommunikation im katholischen Bistum Chur. „Für mich“, sagt er, „gibt die Kirche dem Glauben weltweit eine Heimat und den Schwachen eine Stimme“. Dieser Prämisse fühlt sich der zweifache Familienvater verpflichtet. In seinem Roman „Der Abschied“ beschreibt er die Gefahr der Islamisierung und den Verfall der Meinungsfreiheit. Auch wenn das St. Galler Tagblatt urteilt: „So weit ist es noch nicht, auf jeden Fall nicht in der Schweiz, in der über kontroverse Themen durchaus unverblümt gestritten wird.“ In Deutschland sieht es womöglich anders aus. So darf man Gracia dankbar sein, dass er in seinem 2018 erschienenen Plädoyer „Das therapeutische Kalifat“ verdeutlicht, dass eine funktionierende Demokratie von Gedankenfreiheit lebt und nicht von einer von oben verordneten „political correctness“.

Gracias Plädoyer ist besonders brisant, wenn man bedenkt, wie unliebsame Meinungen mit der Moralkeule aus dem öffentlichen Diskurs geprügelt werden. Gracia, unter anderem auch als Kolumnist für das Portal „Achse des Guten“ und der Schweizer Zeitung „Blick“ tätig, schreibt mutig gegen jede Form des Gesinnungsabsolutismus: „Statt Bereitschaft für die Wahrheit dominiert ein öffentliches Gefühls-Management. Statt Reife zum Konflikt zelebriert man Überempfindlichkeit und larmoyante Rechthaberei. Statt der Machtkritik der Medien herrscht Regierungspropaganda.“ Die gegenwärtige Entwicklung bestätigt die Notwendigkeit eines solchen christlichen Bekennermutes.

Die drei schreiben Bücher, die einen Sinn haben

Es ist auf unterschiedliche Weise ein Vergnügen, die Bücher von Luck, Günther und Gracia zu lesen. Keine nobelpreisverdächtige Kost, Gottlob! Die Autoren haben sich nicht den Regeln der Kitsch-Literatur unterworfen. Stattdessen kann man neu entdecken, wie es ist, wenn Bücher einen Sinn haben. Hier erweist sich Sprache nicht als System prekärer Verhaltensregeln, sondern ist Ausdruck von Seele und Geist. Allen drei Autoren ist ein hohes literarisches Knowhow zu eigen, sie durchdringen den Erlebnisstoff des Lebens. Und des Glaubens.

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