Paris

Die Liegenden von Paris

In der Kathedrale Saint-Denis befindet sich die Grablege fast aller französischen Könige – die revolutionären Verwüstungen haben die Toten ganz gut überstanden.

Statue von Louis von Evreux in der Basilika von Saint-Denis
Frommer Schlaf. In der Kathedrale Saint Denis kommt man mit der katholischen Geschichte in Berührung. Foto: Adobe Stock

Notre-Dame, Louvre, Champs-Elysées, Eiffelturm – vier Ausrufezeichen, die für Paris stehen, die Stadt der Liebenden. Um allerdings „die Liegenden“ von Paris zu besuchen, muß man das Stadtzentrum verlassen und sich in die „Banlieues“ wagen; in die Trabantensiedlungen, in denen ab den 50er Jahren riesige Schlafburgen für Industriearbeiter entstanden.

Touristen verirren sich selten hier her

Der erste, der es bis dort hinaus geschafft hat, war der Heilige Dionysius. Nach seiner Enthauptung auf dem Montmartre, dem Märtyrerberg, soll der erste Bischof von Paris die knapp acht Kilometer zu Fuß gelaufen sein, den eigenen Kopf in Händen tragend, ehe er dort niedersank und verstarb. Wer heutzutage zum Sterbeort von St. Denis will, nimmt am besten die Metrolinie 13 bis zur Haltestelle „Basilique de Saint-Denis“. Touristen verirren sich selten hierhin; pro Jahr sind es gerade mal 130 000 – so viele, wie sich vor dem Brand in einer einzigen Woche durch Notre-Dame zwängten.

Kommt man aus dem Untergrund, geht es zunächst durch eine verkehrsberuhigte Zeile mit günstigen Nahversorgern, Kebab-Häusern und Cafes, aus denen ein quirliges Summen dringt, als befände man sich in einem maghrebinischen Souq. Beiderseits wird die Straße umlauert von den bröckelnden Zeugnissen europäischer Architekturgeschichte der letzten Jahrzehnte, gesichtslosen Einfältigkeiten wie sie ebenso in Dortmund-Nordstadt oder München-Neuperlach stehen könnten. Auch in den Pariser Banlieues zerbrachen die städtebaulichen Träume mit dem Niedergang der Industrie in Verwahrlosung; wie viele andere wurde die über 100 000 Einwohner zählende Cité Seine-Saint-Denis zu einem sozialen Problembezirk mit hohem Migrantenanteil.

500 Jahre das höchste Gebäude der Region Paris

Nach wenigen Schritten weitet sich die Place-Victor-Hugo; linkerhand erhebt sich die königliche Basilika von Saint-Denis. Die noch von den Merowingern gegründete Abtei war einst so reich, dass sich mit ihrem Kirchenschatz im Okzident nur San Marco in Venedig messen konnte. Unter ihrem wohl mächtigsten Abt, Suger, der Frankreichs Geschicke für einige Jahre als Regent leitete, schlug hier die Geburtsstunde der europäischen Gotik.

Dank neuer Bauformen und -techniken gelang es in Saint-Denis um 1140, Chorumgang und Kapellenkranz zu einem einheitlichen Raum zusammenzuschließen. Anstatt wie in der Romanik auf soliden Mauern zu ruhen, wurden die Lasten über Strebepfeiler abgeleitet; die Wände konnten durchfenstert, die Räume von Licht durchflutet werden. Auch die noch unter Abt Suger in nur drei Jahren erbaute Westfassade dokumentiert das Spannungsverhältnis zwischen romanischem Rundbogen- und gotischem Spitzbogenstil.

Doch obwohl das Westwerk erst vor wenigen Jahren restauriert wurde, so dass der berühmte Pariser Kalkstein wieder in gelblichem Weiß erstrahlt, wirkt der Großbau gezeichnet, auf eigenartige Weise kastriert. Das Augenfälligste ist, dass die Fassade nur einen Turm hat; der Nordturm fehlt. Doch anders als etwa in Straßburg, wo der Bau des zweiten Turms aus Kostengründen unterblieb, gab es in Saint-Denis einen solchen Turm. Für immerhin 500 Jahre war das wettergegerbte Gemäuer das höchste Gebäude in der Region Paris gewesen, bis es – nach einem Blitzschlag baufällig geworden – 1847 abgetragen wurde. Weniger offensichtlich, doch weit gravierender waren die Schläge, welche die Kirche im 18. Jahrhundert hinnehmen musste.

Täglich wurden circa ein Dutzend Särge aufgebrochen

Die Statuen der Portale, die frühesten gotischen Säulenfiguren überhaupt, hatte noch das Ancien Régime herausgerissen. Die Revolution begnügte sich nicht mit steinernen Körpern, sie wütete gegen die Leiber der dort beigesetzten Monarchen Frankreichs. Seit dem Ende des 10. Jahrhunderts, genauer seit Hugo Capet, war Saint-Denis die Grablege fast aller französischen Könige.

Die revolutionäre Republik brauchte Kanonen. Um an das für deren Guss benötigte Blei zu gelangen, beschloss der Nationalkonvent am 31. Juli 1793 die Zerstörung der Grabmäler und Mausoleen der „vormaligen Könige“. Sechs Tage später rückten die Bautrupps mit Spitzhacken an, um die Statuen und Epitaphien zu demontieren, dann rückte man den Toten zu Leibe. Unter den wachsamen Augen zweier Kommissare, von denen einer für Goldschmiedearbeiten, der andere für die Sicherstellung kriegswichtiger Rohstoffe zuständig war, wurden die Gräber geöffnet; eines der ersten war das der Eltern von Karl dem Großen.

Täglich wurden circa ein Dutzend Särge aufgebrochen, an zwei Tagen waren es sogar weit über zwanzig. Die Körper waren zum Teil verwest, zum Teil fast ganz zu Staub zerfallen. Dagobert I. aus dem Geschlecht der Merowinger war darunter, der die von der Heiligen Genoveva zur Kirche erweiterte Märtyrerkapelle des Heiligen Dionysius üppig dotiert hatte und daher als zweiter Stifter des seit 625 nachgewiesenen Klosters Saint-Denis galt.

Nordturm wird mit Werkzeugen des Mittelalters entstehen

Der zum Katholizismus konvertierte Heinrich IV., dem Paris eine Messe wert gewesen war, war so gut erhalten, dass seine Gesichtszüge noch gut erkennbar waren; den ebenfalls einbalsamierten Sonnenkönig hatte lediglich der Wundbrand verfinstert. Merowinger, Karolinger, Kapetinger, Valois, Bourbonen – die Totengräber waren von Schaulustigen umlagert und sie wurden ihrem Publikum gerecht. Feixend warfen sie sich die sterblichen Überreste zu: „Achtung! Hier kommt der Kopf des Tyrannen!“, was von den Zuschauern johlend quittiert wurde, die sich so manches königliche Souvenir ergattern konnten. Insgesamt 170 Personen wurden exhumiert; darunter 46 Könige, 32 Königinnen, 63 Prinzen königlichen Geblüts, zehn hohe, weltliche Würdenträger und zwei Dutzend Äbte von Saint-Denis.

Nach Revolution und napoleonischer Herrschaft kehrten die Bourbonen auf den Thron zurück und mit ihnen die „Liegenden von Saint-Denis“, die wenigen der Zerstörung entgangenen Grabfiguren. Verlorenes wurde ergänzt und die Hochgräber rekonstruiert, so dass die Königsstatuen wieder im Chor der ehemaligen Abteikirche ruhen – liegend, auf Wappen, Kissen oder ein Haustier gestützt und froh ihrer Auferstehung harrend. Die Gräber ihrer Besitzer aber blieben leer; sie ruhen in Gemeinschaftsgrablegen, denn eine genaue Zuordnung der während der Revolution in Gruben verscharrten Gebeine war unmöglich gewesen.

Die einzige Ausnahme sind die Grabstätten von Ludwig XVI. und Marie Antoinette, die wie St. Denis enthauptet wurden. Ihre andernorts beerdigten Leichen konnten identifiziert und 1815 nach Saint-Denis überführt werden. 2004 wurde auch das Herz ihres unglücklichen, nur zehn Jahre alt gewordenen Sohnes hier bestattet, das die Wirren der Zeiten überstand.

Im kommenden Jahr soll auch der Nordturm wieder erstehen – jahrzehntelang hatten die kommunistischen Bürgermeister dafür gekämpft. Anders aber als bei Notre-Dame will man sich hier Zeit lassen und nur mit den Werkzeugen des Mittelalters bauen.

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