Die Liebe zu Köln überlebt ein Trauma

Ein kanadischer Student wurde in der Domstadt schwer verletzt, heute wirbt er für die Stadt. Von Constantin Graf von Hoensbroech

Carl Martin Schrader beim Training. Foto: Hoensbroech
Carl Martin Schrader beim Training. Foto: Hoensbroech

Köln (DT) Carl Martin Schrader streift das T-Shirt mit den Domtürmen über und setzt die Kappe mit der Aufschrift „1. FC Köln“ sowie dem Logo des Vereins, den springenden Geißbock, auf. Nach einigen Dehnübungen läuft er langsam los in seiner kanadischen Heimat. „Das wird heute ein heißer Tag“, sagt Carl und schiebt sich die Kappe ein bisschen tiefer ins Gesicht. Nach etwa fünf Kilometern schwingt sich der athletische junge Mann auf sein Rennrad, tauscht die Kappe gegen einen Helm, behält das T-Shirt aber an. „Ich muss ja Werbung machen“, scherzt er und zeigt auf seinen Rücken. „Cologne“ ist dort in großformatigen Lettern zu lesen. Regeneration, also nur leichtes Training, steht an diesem Tag auf Carls Trainingsprogramm. Schließlich liegt der letzte Triathlon gerade einmal drei Tage zurück. Mittlerweile hat der 26 Jahre alte Kanadier schon drei Triathlons und einen Marathon absolviert. Eine Leistung, die ihm vor drei Jahren kein Mensch zugetraut hätte.

Rückblende. Anfang Februar 2008, ein milder Winterabend in der schneebedeckten Kölner Innenstadt. Es ist der Tag, an dem Carl nicht mehr in das Studentenwohnheim im Stadtteil Lindenthal, in dem er und andere internationale Austauschstudenten untergebracht sind, zurückkehrt. Auf dem Weg dorthin nähert sich Carl einer großen Kreuzung. Die Fußgängerampel zeigt „grün“. Er läuft los, um die andere Straßenseite zu erreichen. Dabei übersieht er, dass die Fußgängerampel in der Straßenmitte bereits „rot“ zeigt, die hintere aber weiterhin „grün“. Ein Teil des Autoverkehrs hat bereits freie Fahrt. Eine junge Frau kann nicht mehr ausweichen, ihr Golf prallt so heftig auf Carl, dass dieser etwa 20 Meter weit geschleudert wird.

Viele Wochen liegt Carl im Koma auf der Intensivstation der Kölner Universitätsklinik, seine Überlebenschance liegt im einstelligen Prozentbereich. Doch Carl kämpft sich ins Leben zurück. Es ist ein Wunder, sagen später die behandelnden Ärzte. Carls Freunde bilden in dieser Zeit das „Team Carlnada“ und starten so beim Kölner Unilauf. Schritt für Schritt gewinnt Carl seine geistigen und körperlichen Fähigkeiten zurück. Als er transportfähig ist, wird er in seine Heimat zurückgeflogen. Bevor sich die Türen des Krankenwagens schließen, flüstert der immer noch paralysierte und bettlägrige Kanadier: „Danke, Köln.“

Das gilt nach wie vor, so Carl in seinem gebrochenem Deutsch. „Ich will unbedingt wieder nach Köln, Düsseldorf und Bonn“, sagt er der verschwitzte strahlende junge Mann, als er von der Fahrradtour aus dem Sunshine Valley mitten in British Columbia zurückkommt. Die sieben Monate im Rheinland seien für ihn eine wunderbare Zeit gewesen. Dieser Teil Deutschlands werde immer einen besonderen Platz in seinem Herzen haben. Trotz des schrecklichen Unfalls, an den er sich nicht mehr erinnern kann. Wohl aber an viele Behandlungen, Therapien, liebevolle Zuwendungen und Hilfen. „Diese Kölner Erfahrungen will ich beruflich nutzen.“ Carl lässt sich ausbilden im Bereich Rehabilitation, um traumatisierten Menschen zu helfen, ihre geistigen und körperlichen Kompetenzen wiederzufinden und zu stärken. Auf die Frage, welche Erinnerung ihn am meisten mit Köln verbindet, antwortet er ohne Zögern nur mit einem Wort: „Dom!“