Die Kultur des Lebens fördern

Von weihnachtlicher Romantik sei in Bethlehem wenig zu spüren, meint der evangelische Pfarrer Mitri Raheb. Von Johannes Zang

Ein Selfie vor Krippe und Christbaum: Auf dem Pullover der Frau steht „Love“. Foto: dpa
Ein Selfie vor Krippe und Christbaum: Auf dem Pullover der Frau steht „Love“. Foto: dpa

Mitri Raheb (53) ist Palästinenser und Pfarrer der evangelisch-lutherischen Weihnachtskirche in Bethlehem. Unweit der Geburtsbasilika geboren, hat er Theologie in Hermannsburg und Marburg studiert. 1995 hat der Vater zweier erwachsener Töchter das Internationale Begegnungszentrum Bethlehem und 2006 das Diyar-Consortium samt Fachhochschule Dar Al Kalima für Kunst, Musik, Medien und Kommunikation gegründet. Daneben finden neben politischer Bildung auch Ausstellungen, Kurse, Konzerte, Theateraufführungen, Frauensport, Seniorenarbeit und Konferenzen statt. Der auf deutschen Kirchentagen gefragte Redner hat mehrere Bücher veröffentlicht, darunter „Christ und Palästinenser“ (AphorismA) sowie „Glaube unter imperialer Macht“ (Gütersloher Verlagshaus). Der mit dem Aachener Friedenspreis sowie dem Deutschen Medienpreis ausgezeichnete Pastor ist Seelsorger für etwa 200 palästinensische Lutheraner.

Menschen in Deutschland haben eine romantische Vorstellung: eine kleine friedvolle Stadt und natürlich der Stall. Wie ist Bethlehem tatsächlich?

Die kleine Stadt ist mehr als Stern und Stall, sie ist zuerst einmal eine Stadt in den Besetzten Palästinensischen Gebieten. Sie hat 30 000 Einwohner, Christen und Muslime, und grenzt an Beit Jala und Beit Sahour; zusammen leben hier insgesamt 50 000 Menschen. Bethlehem ist in puncto israelischem Mauer- und Siedlungsbau am zweitstärksten betroffen, insgesamt 22 Siedlungen nehmen Bethlehemer Land weg, das ist Landraub. Die Mauer, die 3,5 Milliarden Dollar kostet, umzingelt Bethlehem wie eine Zange. Ein Blick auf die Landkarte macht klar: Die Palästinenser sind auf der Verliererseite.

Wie kann sich Bethlehem in Zukunft ausdehnen?

Die Mauer ist bis zum letzten Haus Bethlehems gebaut. Das heißt: Die Stadt kann nicht wachsen. Das ist ein krimineller Akt. Bethlehem, die Wiege der Christenheit, ist zu einem großen Gefängnis geworden.

Kann man angesichts dessen Romantik spüren?

Nein. Die Stadt hat natürlich einen Weihnachtsbaum aufgestellt, der als einer der schönsten der Welt bezeichnet wurde. Es gibt jeden Tag Konzerte und ein Weihnachtstheaterstück für Kinder. Wir versuchen, so gut es geht, etwas zu gestalten.

Seit Anfang Oktober sind etwa 20 Israelis und über 100 Palästinenser getötet worden. Wegen dieser Gewaltwelle, so meldeten die Medien, wolle Bethlehem alle Festlichkeiten absagen...

Es gab eine Debatte darüber. Dann hat man beschlossen: Wir müssen feiern, gerade und trotz der Lage. Die Besatzung darf uns das Feiern nicht verlernen.

Zu den Christen: Sie haben, erstmals in der Stadtgeschichte, mit Vera Baboun eine Frau als Bürgermeisterin. Allerdings stellen die Christen längst nicht mehr die Mehrheit in Bethlehem. Die kolportierten Zahlen schwanken zwischen 15 und 35 Prozent. Wie hoch ist der Christenanteil tatsächlich?

Ich gehe von einem Drittel aus. Heutzutage redet man wieder viel mehr von Auswanderung aufgrund der Perspektivlosigkeit auf politischer Ebene. Und die wirtschaftliche Lage, sprich der Tourismus, hat sich seit dem Gaza-Krieg 2014 nicht richtig erholt. Das merken die Hotels und Restaurants, das merken alle. Die Arbeitslosigkeit in Bethlehem liegt bei 24 Prozent, bei Universitätsabsolventen bei 45 Prozent. Jeder Zweite, der die Uni verlässt, hat keine Arbeit. Die jüngsten Studien besagen, dass Palästina in den nächsten zehn Jahren eine Million neuer Arbeitsplätze schaffen müsste – was überhaupt nicht zu schaffen ist, schon gar nicht unter Besatzung. Das ist demographisch nicht zu bewerkstelligen. Außerdem haben wir keinen Zugang zum C-Gebiet des West-Jordanlandes.

Welche Rolle spielen die Christen, kaum zwei Prozent der palästinensischen Gesamtbevölkerung, palästinaweit?

Es gibt 120 000 palästinensische Christen in Israel, 50 000 im West-Jordanland und 1 212 im Gaza-Streifen. Ein Drittel der Krankenversorgung im West-Jordanland und Gaza-Streifen wird von kirchlichen Institutionen geleistet, 45 Prozent aller Nichtregierungsorganisationen werden von Christen geleitet. In zehn palästinensischen Städten ist der Bürgermeister ein Christ und in der aktuellen palästinensischen Regierung stellen die Christen zwei Minister (Finanzen und Tourismus). Dagegen hat es seit 1948 keinen einzigen christlichen Minister in Israel gegeben. Die Christen spielen eine viel größere Rolle als es der Prozentsatz besagt.

Kontrollpunkte, Mauerbau, Landenteignung, Zerstörung von Olivenbäumen, das System der Passierscheine, Zerstückelung in A-, B- und C-Gebiet: Ist Bethlehem hoffnungslos verloren?

Wenn die Besatzung weitergeht, sieht es sehr schlecht für Bethlehem aus. Die Lebensqualität wird sinken. Im Schatten der Mauer zu leben ist nicht einfach. Wenn eine Stadt nicht wachsen und keine neuen Wohngebiete erschließen kann, wird die Arbeitslosigkeit wachsen und damit soziale Probleme und Kriminalität. Das ist keine Katastrophe, die vom Himmel fällt, sondern ist von der israelischen Besatzung vorprogrammiert und wird von der internationalen Gemeinschaft gefördert, die zuschaut und Israel weiterhin militärisch und politisch unterstützt.

Der israelisch-jüdische Historiker Moshe Zimmermann behauptet, Israel habe mehr Angst vor dem Frieden als vor dem Status Quo...

Das ist richtig. Israel lebt eigentlich vom Konflikt. Der wichtigste wirtschaftliche Zweig in Israel sind Exporte von Sicherheitsprodukten. Israel ist der sechstgrößte militärische Exporteur der Welt. All diese Produkte werden live an palästinensischen Menschen getestet. Zum Zweiten ist die israelische Gesellschaft pluralistisch, aber auch polarisiert – was sie zusammenhält ist ein Außen-Feind. Drittens: Israel lebt davon, dass es sich als das Opfer schlechthin darstellt und ein Monopol über das Opfersein beansprucht.

In Ihrem Buch „Glaube unter imperialer Macht“ skizzieren Sie eine Theologie der Hoffnung. Wie sieht die aus?

Die Theologie der Hoffnung ist nicht eine Theologie der Optimisten nach dem Motto „Morgen wird alles besser“. Wir wissen leider, dass es morgen nur schlechter wird. Die Lage der Palästinenser wird schwieriger und schwieriger werden. Hoffnung ist, wenn morgen die Welt untergeht, heute in den Garten und die Gesellschaft zu gehen und Olivenbäume zu pflanzen. Hoffnung ist nicht etwas, das wir sehen, sondern das, was wir tun. Trotz der Besatzung eine Kultur des Lebens zu fördern und zu entwickeln, das wollen wir. Die Kulturfrage ist eine der wichtigsten Fragen überhaupt.

Was ist die Hauptforderung Ihres Buches?

Die Bibel durch die Augen der Palästinenser zu lesen, das heißt: Durch die Augen der Schwachen in einer total hoffnungslosen Lage.

Mit Ihren zahlreichen Angeboten für Alt und Jung, für Christen und Muslime, seien es Kurse, Studiengänge oder Konzerte, erreichen Sie Hunderte, wenn nicht Tausende von Menschen in Bethlehem und flößen ihnen womöglich Hoffnung ein. Wie lautet dabei Ihr Motto?

Heimat schaffen, Tag für Tag. Ein Land aufbauen, Stein für Stein. Eine Gesellschaft stärken, Person für Person und Institutionen schaffen, die Leben in Fülle spenden. Denn der politische Plan der Besatzungsmacht besteht darin, dass wir kein Leben in Fülle haben sollen.

Was ist Ihr Weihnachtswunsch?

Ich habe keine Weihnachtswünsche, das habe ich verlernt. Ich frage dagegen: Was ist unsere Rolle in dieser Situation? Was können wir tun? Dass wir ein Stückchen Hoffnung, ein Stückchen Frieden, ein Stückchen Gerechtigkeit herbeiführen können. Ich wünsche mir, dass wir mehr tun können für die Menschen hier vor Ort.

Was können Christen in Deutschland tun?

Man muss die einseitige Israel-Politik der deutschen Regierung überdenken, die einseitige Israel-Theologie verändern und hier vor Ort Initiativen unterstützen, die Frieden bringen und eine Pilgerreise hierher machen, um das alles zu sehen und den Menschen beizustehen.

Welche Initiativen meinen Sie?

Schulen und Kinderprojekte beispielsweise, wie unsere DIYAR-Akademie für Kinder und Jugendliche.