Die Kittelschürzenfrauen sind fort

Wie sich der Prenzlauer Berg in Berlin verändert: ein bundesrepublikanischer Stellvertreterkampf um Lebensstile

Berlin (DT) Dass sich der Prenzlauer Berg, der vor der Wende auf dem Gebiet der DDR-Hauptstadt Ost-Berlin lag, verändert hat, merkt man schon an seinem Geruch. In den siebziger Jahren, etwa in der Winsstraße, lag ständig Kohlendunst über den ofenbeheizten Altbauten. Die Hausflure rochen feucht und kühl, auch im Sommer, wenn das Thermometer draußen über 20 Grad stieg. Der Putz bröckelte von den Häuserwänden. Mancherorts prangten noch die Einschusslöcher des letzten Krieges. Alte Frauen gingen in Kittelschürzen in die Kaufhalle, wie der Supermarkt im DDR-Deutsch hieß, und kauften für wenige Pfennige Brot und Vollmilch. Es gab nur wenig Kneipen und kaum Touristen.

Die Ostboheme, die Künstler und Publizisten, hausten Tür an Tür mit Fabrikarbeitern, und kämpften ebenso wie diese mit der Kommunalen Wohnungsverwaltung (KWV) der DDR um die Reparatur ihrer undichten Rohre, Fenster, Dächer – was auch immer. Es dauerte oft Wochen, bis ein Handwerker auftauchte. Gegen halb sechs Uhr morgens waren die Straßenbahnen voll, da war Rushhour, denn um sechs begann in den Betrieben die erste Schicht. Der Arbeiter aß Vollkornbrot mit Kochkäse oder Schmalzfleisch, wenn er von dort zurückkehrte, und trank Pilsner aus braunen Pfandflaschen. Die Toilette war eine halbe Treppe tiefer und im Winter eiskalt. Im Hinterhof stand eine Mülltonne mit der Aufschrift „Brot“. Lebensmittel waren so billig, dass die Leute sie in sorglosen Mengen einkauften. In fast jedem Haus wohnte ein alter Mann, der herummeckerte, wenn jemand am Sonntagnachmittag zu laut war oder die Kinder da spielten, wo sie nicht sollten. Aber viele dieser Menschen lebten gern in der Winsstraße, weil sie eben mittendrin lag in der Stadt und in der Nähe der Freunde. In der Wohnung hing ein Waschbecken in der Küche. Darin wusch der Mieter alles – seine Hände, das Gesicht, den Körper, das Geschirr, die Wäsche. Nachdem dann bei jungen Paaren das erste Kind geboren war – erst dann – kapitulierten sie und zogen in einen der Plattenbaubezirke, in eine Wohnung mit Zentralheizung und fließend warmem Wasser in Küche und Bad.

Heute, jetzt Teil des wiedervereinigten Deutschlands, riecht der Prenzlauer Berg nach hübsch saniertem und umweltfreundlich beheiztem Altbau. Er duftet auch nach den vielen Bioläden und dem Kaffee, der vielerorts „to go“ ausgeschenkt wird – als Cappuccino und Latte Macchiato und zu Preisen, die sich mit denen in London und Stockholm messen lassen können. In der Sprache der Tourismusmanager, der Zugezogenen und der Menschen, die wenig über ihn wissen, heißt der Prenzlauer Berg „Prenzlberg“ und „Szenebezirk“, weil es hier inzwischen jede Menge Restaurants und mehrere Kinos und Theater gibt. Der Prenzlauer Berg kommt in wohl jedem Berlin-Reiseführer vor, und zwar an vorderster Stelle. Ein Besuch wird dringend empfohlen, denn hier, so liest man, erlebe der Mensch das wahre Berlin, den kultigen Osten und so viel Kreativität und Unangepasstheit auf so wenigen Quadratmetern wie nirgendwo sonst in Deutschland. Der Bezirk ist Projektionsfläche für jene, die sich ein Leben jenseits der Bürgerlichkeit ausmalen – oder wenigstens Zaungäste sein möchten, wenn andere aus tatsächlichen oder vermeintlichen Normen ausbrechen.

In Wirklichkeit kann sich der arme Poet die Miete nicht leisten

In Wirklichkeit kann sich der arme Poet die Miete am Helmholtz- oder am Kollwitzplatz kaum noch leisten. Die Arbeiter sind fortgezogen und auch keine Arbeiter mehr, weil ihre Fabriken nach der Wende der Marktwirtschaft nicht standhielten. Auch die Kittelschürzen-Frauen und die Mecker-Männer sind verschwunden, im Altenheim oder tot. Studenten, Ein-Euro-Jobber und das akademische Prekariat, die gering verdienenden Sprachlehrer, Publizisten, wissenschaftlichen Hilfskräfte, Fotografen und Künstler, denen Berlin seine Ausstrahlung zu verdanken hat, leben, wenn sie überhaupt noch im Prenzlauer Berg wohnen, in den Hinterhöfen oder den wenigen, noch unsanierten Mietshäusern an den großen, lauten Ausfallstraßen. Vorbei sind die Zeiten, da man im Prenzlauer Berg eine Billigwohnung mietete, 150 Mark im Monat, Ofenheizung, dunkel, mit einer Nachbarin, die – natürlich in Kittelschürze – morgens den Müll runterbrachte, wenn man gerade von der Party zurückkehrte.

Damals gab es auch noch die Nachbarin, die schon seit ihrer Jugend in diesem Haus im Prenzlauer Berg lebte und manchmal erzählte, wie es war, als im Frühling 1945 die Russen einmarschierten. Die Frauen hätten gegen sie keine Chance gehabt, sagte die Nachbarin, sie selbst auch nicht. Stets stand sie in der offenen Wohnungstür und knetete ihr Taschentuch, nestelte an ihrer Kittelschürze. Ihre Stimme klang seltsam unbefangen, als redete sie über einen Sonntagsausflug oder über ein neues Kleid. Die Soldaten seien in Gruppen gekommen, sagte die Nachbarin. Darüber habe sie in der DDR mit niemandem sprechen dürfen. Danach in der jungen, größeren Bundesrepublik wählte sie die Linken, manchmal auch die CDU oder die SPD oder die Rechten, die FDP und die Grünen aber nie. Ihr Mann war herzkrank, er schwieg meist. Eines Morgens lag er tot neben ihr im Ehebett.

Als das Haus schließlich saniert wurde, zog die Nachbarin fort und auch das Ehepaar mit dem dicken, weißen Kater, der Mann, der einmal seine Frau geschlagen hatte, sodass sie die Polizei rief, und die beiden Vietnamesen aus dem Erdgeschoss, die irgendwo eine Spätverkaufsstelle betrieben. Neue Namen stehen jetzt auf dem Klingelbrett. Die Fassade leuchtet in Pastelltönen, und der Hof ist so gepflegt wie nie. Reisebusse aus verschiedenen europäischen Ländern gleiten die Prenzlauer Allee entlang wie Expeditionsschiffe auf der Suche nach dem Gelobten Land. Touristen halten Ausschau nach den Gaststätten, die fast jeder Berlin-Reiseführer empfiehlt. Dreißigjährige PR-Beraterinnen im Erziehungsurlaub schieben ihre Kinderwagen über den Bürgersteig. An fast jedem Laternenpfahl hängt Werbung für einen Yogakurs, für Gesangsstunden oder für Englischunterricht bei einem Muttersprachler. Der Prenzlauer Berg ist mittlerweile betört von sich selbst. Seine Bewohner möchten allen zeigen, wie gut es ihnen geht.

Doch es gibt auch die anderen, diejenigen, die überlegen, ob sie nun auch von hier wegziehen. Sie sprechen wehmütig von den Zeiten, da die Kneipen Rollmops und Bouletten mit Brot servierten und noch nicht Wachtel-Popo an Spinatschaum. Dabei spielt keine Rolle, ob sie diese Zeiten noch selbst erlebt haben oder vielleicht heimlich lieber vom Wachtel-Popo kosten als vom Rollmops. Sie hocken auf ihren Sofas von Ikea und meckern über die Touristen und die Zugezogenen, über all' die Reichen, die sich jetzt hier Eigentumswohnungen kaufen, und den Wirt, bei dem neulich wieder irgendein berühmter Schauspieler oder Politiker getafelt hat.

In Wahrheit assimiliert der Berg Neulinge ohne viel Brimborium

Sie ziehen auch über die Ökospießer her, wie sie sie nennen, die aggressiven Radfahrer und die Zwanzigjährigen aus der großen und ständig wachsenden Papa-überweist-mir-tausend-Euro-im-Monat Fraktion, die Markenklamotten tragen und kürzlich ein Praktikum gemacht haben, in New York. „Doch, doch, die sind so – und wir sind anders, waren anders und werden immer anders sein“, lästern die Lästerer und glauben, den alten, den wahren, den authentischen Prenzlauer Berg in ihrem Herzen zu bewahren. Klischees und Feindbilder schmieden zusammen und wärmen in den rauen Zeiten der Globalisierung, da die knusprige Berliner Schrippe in manchem Bäckerladen im Prenzlauer Berg vom süddeutschen Wecken und der Laugenbrezel ergänzt, wenn nicht sogar verdrängt wird.

Die Wahrheit ist, dass der Bezirk, ja die ganze Stadt, Neulinge meist ohne viel Brimborium assimiliert hat, dass sie wirtschaftlich, kulturell, gastronomisch – ja, in fast jeder Hinsicht – unendlich von fast allen profitiert hat, die sich irgendwann einmal in ihrer Geschichte an der Spree niedergelassen haben. Berlin hat ein großes Herz, und der Prenzlauer Berg hat ein besonders großes, deshalb mag man ihm seine Eitelkeit verzeihen. Als im November 1989 auch in diesem Bezirk die Mauer gen Westen geöffnet wurde, standen die Menschen Schlange, neugierig, ungeduldig, Männer in Stone-washed-Jeans, Frauen mit Kinderwagen, Greisinnen, die ihre Kittelschürzen diesmal zu Hause gelassen hatten. Alles war zu Ende, und alles fing gerade erst an.