Die Hölle im Paradies

Die diesjährige Katholikentagskollekte geht vollständig an die Hilfsorganisation SOLWODI – Solidarität mit Frauen in Not, die sich aktiv gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution engagiert. Ein Podiumsrunde mit Vertretern der katholischen und der evangelischen Kirche informierte über die Thematik und diskutierte kontroverse Lösungsansätze. Von Claudia Kock

Was für einige nach „Paradies“ klingt, ist in Wirklichkeit die Hölle. Foto: dpa
Was für einige nach „Paradies“ klingt, ist in Wirklichkeit die Hölle. Foto: dpa

Als Lea Ackermann, Missionsschwester Unserer Lieben Frau von Afrika, vor 30 Jahren nach Kenia entsandt wurde, entdeckte sie dort ein Paradies: Berge und Palmen, weiße Strände, blauer Himmel, ein kristallklares Meer. Sie sah jedoch auch die Kehrseite: die Armut der Menschen und reiche Touristen, die das Elend schamlos ausnutzten, indem sie Frauen und Mädchen für Sex bezahlten – „billiges Geld für billiges Vergnügen“, so die Ordensfrau auf dem voll besetzten Podium des Katholikentages zum Thema „Das geht uns alle an: Stoppt Menschenhandel“. 1985 gründete sie SOLWODI (Solidarity with Women in Distress) als Hilfsorganisation für Opfer von Zwangsprostitution und Menschenhandel. Als nach dem Mauerfall massenweise Zwangsprostituierte aus Osteuropa nach Deutschland kamen, eröffnete sie auch hier Beratungsstellen. Gegenwärtig hat SOLWODI 16 Beratungsstellen in Deutschland, eine in Rumänien und über 20 in Kenia und Ruanda.

Eine Studie der „National Labour Organisation“ zeigt das erschreckende Ausmaß der Menschenshandelsproblematik auf: Weltweit werden Gewinne von 150 Milliarden Euro jährlich mit Menschenhandel gemacht, davon 100 Milliarden durch Zwangsprostitution. 21 Millionen Menschen jährlich landen in den Fängen von Menschenhändlern, nicht wenige davon in Deutschland.

In einem anderen „Paradies“ sah sich die Berliner Fotografin Bettina Flitner um: Im Stuttgarter Großbordell „Paradise“ fotografierte und befragte sie Prostituierte und Freier. Daraus entstand eine beeindruckende Fotoreportage, die 2013 im „Stern“ erschien. Aus den Worten der Freier wird deutlich, was die Frauen für sie sind: Objekte zur Befriedigung. Die Freier hätten, so Flitner auf dem Podium, „eine ganz merkwürdige Vorstellung davon, wie Menschen überhaupt miteinander umgehen“. Sie plädiere dafür, Prostitution auf lange Sicht abzuschaffen. Dass es sie „schon immer gegeben“ habe, sei für sie kein Argument. Auch in Bezug auf das Schlagen von Kindern habe durch eine entsprechende Gesetzgebung ein Umdenken stattgefunden. Heute sei es gesellschaftlich nicht mehr akzeptiert. Dasselbe wünsche sie sich für die Prostitution.

Auch auf dem tschechisch-deutschen Straßenstrich hat Flitner recherchiert. Zwischen 6 000 und 7 000 Prostituierte stehen hier in „Europas größtem Freiluftbordell“. Viele von ihnen sind Mütter, die keine andere Möglichkeit sehen, ihre Kinder zu ernähren, andere erfahren physischen oder psychischen Druck von Seiten Angehöriger – Väter, Brüder oder Onkel. Mit der Katholikentagskollekte soll gerade mit Blick auf diese Frauen eine Beratungsstelle von SOLWODI in Regensburg eingerichtet werden.

Oft kommen Menschenhändler mit geringen Strafen davon, was den Opferschutz erschwert. Lea Ackermann berichtet von ihrem „jüngsten Erlebnis, das mir den Kragen platzen ließ“: Eine 15-Jährige wurde von der Polizei zu SOLWODI gebracht. Mit 13 Jahren war sie aus einem Kinderheim in Osteuropa geholt und in deutschen Billigbordellen als „Teenie und tabulos“ verkauft worden. Die Täter bekamen ein Jahr und vier Monate Gefängnis auf Bewährung. Das Mädchen, das um sein Leben fürchtete, wollte seine Aussage daraufhin widerrufen. „Diese Verbrechen geschehen bei uns, und es sind nicht einzelne“, rief Ackermann nachdrücklich. „Damit muss Schluss sein! Der Kauf von Sex soll verboten werden!“ Sie bekam lang anhaltenden Applaus.

Ingrid Reutemann von der evangelischen Diakonie Baden sah sich mit dem Thema Zwangsprostitution konfrontiert, als zu ihr in die Schwangerschaftskonfliktberatung zunehmend Frauen kamen, vor deren Situation sie sich hilflos fühlte: Immer waren sie in Begleitung, hatten keine Krankenversicherung, konnten sich nicht frei äußern. Mit Hilfe von Lea Ackermann sorgte sie dafür, dass auch im Dreiländereck Beratungsstellen gegen den Menschenhandel eingerichtet wurden. Anders als die Ordensfrau plädiert Reutemann jedoch nicht für ein allgemeines Verbot der Prostitution, da diese von Frauen in finanziellen Notlagen oft als Ausweg genutzt werde. „Sex war immer auch eine Handelsware“, sagte sie, und nicht jede Prostitution sei Zwangsprostitution. Ein Verbot würde die Prostitution nur verdrängen, nicht beseitigen.

Neben der Zwangsprostitution ist die Ausbeutung der Arbeitskraft ein großes Problem im Zusammenhang mit Menschenhandel. Martin Rosowski, Geschäftsführer Männerarbeit der evangelischen Kirche, berichtete von Arbeitern aus Osteuropa, die ohne Kranken- und Sozialversicherungsschutz nach Deutschland eingeschleust werden.

Der Erzbischof von Bamberg, Ludwig Schick, Vorsitzender der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz, berichtete von seinen Erfahrungen mit dem Elend mittelamerikanischer Saisonarbeiter auf Kaffee- und Zuckerrohrplantagen, wo durch Ausbeutung, Kinderarbeit und Prostitution eine Schulbildung und ethische Erziehung der Kinder kaum möglich sei. Durch internationale Gesetze sei es dringend notwendig, so Schick, derartige Situationen zu unterbinden.

Als „frustrierend“ bezeichnete es die ehemalige Bundespolitikerin Irmgard Schwaetzer, Präses der Synode der Evangelischen Kirche, dass es bisher nie gelungen sei, die Öffentlichkeit für das Thema Menschenhandel, Arbeitsausbeutung und Zwangsprostitution zu sensibilisieren. Grund dafür sei, dass es insgeheim sehr weit verbreitet sei, diese „Dienstleistungen“ in Anspruch zu nehmen. Wenn vom Katholikentag „das Signal ausgehen könnte, dass wir es nicht mehr akzeptieren können, dass dieses Thema aus der Öffentlichkeit verschwindet“, dann wäre dies schon ein wichtiger Schritt.

Das 2002 in Kraft getretene Prostitutionsgesetz sollte die Lage der Prostituierten verbessern, durch die Möglichkeit von Arbeitsverträgen, Kranken- und Sozialversicherungen. Das Gesetz erwies sich jedoch als Schuss nach hinten: Eine 2007 vorgenommene Evaluation des Gesetzes zeigte, dass weniger als ein Prozent der Prostituierten tatsächlich die soziale Absicherung besitzt. 2011 kam eine Studie der Universitäten Göttingen und Heidelberg zu dem ernüchternden Schluss, dass dort, wo Prostitution salonfähig ist, der Menschenhandel nachweislich zunimmt: Wo ein Markt da ist, ist Nachfrage ist da; Menschenhändler sorgen für ständigen „Nachschub“ an jungen Frauen.

Eine Lösung dieses Problems führt Erzbischof Schick zufolge über eine Hebung des ethischen Grundwasserspiegels. Man müsse den Menschen wieder vermitteln, was anständig und was nicht anständig ist. Das bedeute Aufklärung, Gespräche, Religion. Jeder solle wissen, dass er für das, was er auf dieser Welt tut, irgendwann einmal Rechenschaft ablegen muss. Außerdem müsse es Gesetze geben, die Täter ausreichend bestrafen. Die Prostitution müsse geächtet, Freier bestraft und der Opferschutz verbessert werden. Nur in einem Gesamtpaket aus Ethik und Gesetzen könne man Menschenhandel wirksam bekämpfen.

Menschenhandel habe weniger mit Moral zu tun als vielmehr damit, dass wir weltweit entfesselte kapitalistische Systeme haben, die zu Ausbeutung von Menschen führen, entgegnete Rosowski: „Wir machten es uns zu leicht, wenn wir nur die individuelle Moral ansprechen und nicht die dahinterstehenden sozialen und wirtschaftlichen Systeme.“ Außerdem müsse der gesamtgesellschaftliche Diskurs über Sexualität und die Beziehung zwischen Frauen und Männern verbessert werden.

Zwangsprostitution, Arbeitsausbeutung und Menschenhandel bedeuten für unzählige Menschen die Hölle auf Erden. Dass sie bekämpft werden müssen, darüber sind sich die Vertreter sowohl der katholischen als auch der evangelischen Kirche einig. Ob auch die Prostitution an sich zu dieser Hölle gehört, darüber herrscht Uneinigkeit. Betrachtet man die Bilder von Bettina Flitner, die während des Podiums an den Hintergrund projiziert wurden, sollte man kaum meinen, dass so das Paradies aussieht.