Der letzte Verschwörer

Philipp Freiherr von Boeselager ist tot – Bis zuletzt war er ein wichtiger Zeitzeuge zum Widerstand im Nationalsozialismus

Berlin (DT) Der letzte Verschwörer vom 20. Juli 1944 ist tot. Philipp Freiherr von Boeselager, der seinerzeit den Sprengstoff für das gescheiterte Hitler-Attentat des Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg besorgt hatte, starb in der Nacht zum 1. Mai in Kreuzberg an der Ahr. Bis zuletzt war der 90 Jahre alte ehemalige Wehrmachtsoffizier ein gefragter Gesprächspartner und Zeitzeuge. Noch Ende vergangenen Jahres hatte der vitale Adelige vor dem Kölner Presseclub im Excelsior Hotel Ernst seinen Weg zum 20. Juli 1944 geschildert und eindringlich gemahnt, „die Erinnerung an diese Männer und ihr Vermächtnis wachzuhalten“.

Dabei war er selbst einer von ihnen. 1917 als fünftes von zehn Kindern auf der elterlichen Burg Heimerzheim bei Bonn geboren, ging Boeselager nach seiner Schulausbildung im Jesuitenkolleg von Bad Godesberg zur Wehrmacht. In seiner Zeit als persönlicher Ordonnanzoffizier des damaligen Oberbefehlshabers im Mittelabschnitt der Ostfront, Generalfeldmarschall Hans von Kluge, kam er in den Widerstandskreis um Oberst Henning von Tresckow, neben Stauffenberg einer der prominentesten und brillantesten Köpfe der Verschwörer gegen Hitler. Vorgezeichnet war das für Boeselager nicht. Erst allmählich geriet der lebensbejahende und mit preußischer Disziplin ausgestattete Rheinländer – eigentlich ein Widerspruch -, der während des Erzählens gern mit feinsinnigem Humor einen anti-preußischen Affekt kultivierte, in Opposition zu den Nationalsozialisten. „Wir wussten an der Ostfront, dass der Krieg längst verloren war und täglich Tausende sterben mussten“, nannte er neben dem Wissen um die Verbrechen an den Juden und anderen Volksgruppen, zumal hinter der Front, als sein Motiv für die Bereitschaft zum Tyrannenmord. „Fünf Zigeuner sonderbehandelt“, lautete eine Depesche, die von Boeselager einmal seinem Feldmarschall überbringen musste und die ihm erstmals die Augen für die Gräuel der Nazis öffnete sowie in seiner Opposition gegen sie bestärkte.

Der junge Offizier wurde bereits 1943 vom „väterlichen Freund“ von Tresckow als einer der Attentäter aus den Widerständlern in der Heeresgruppe Mitte für ein letztlich nicht zustande gekommenes Pistolenattentat auf Adolf Hitler im März 1943 an der Ostfront ausgewählt. Ein Jahr später hatte er als Kommandeur eines Versuchsbataillons Gelegenheit, verschiedene Sprengstoffe in ihrer Wirkung zu testen. Dass die von ihm besorgten Bomben tatsächlich dann die waren, die am 20. Juli im Führerhauptquartier „Wolfsschanze“ gezündet wurden, erfuhr von Boeselager erst viel später. Vom gescheiterten Attentat erhielt er Nachricht, als er mit seinen Reitern Richtung Westen zu einem kleinen Fughafen ritt, um nach Berlin zur Absicherung des Aufstands geflogen zu werden. „Alles in die alten Löcher“, stand auf dem Zettel, der ihm auf dem Ritt zugesteckt wurde. Als „unerträglich“ erlebte er dann die Tage nach dem Attentat, „besonders wegen der vielen Verhaftungen und Ermordungen der Personen, die man kannte“.

Wie kaum ein anderer konnte der tiefgläubige Katholik und Ritter des Souveränen Malteserordens aus eigenem Erleben an Stationen und Personen der Zeitgeschichte erinnern, die heute in jedem Geschichtsbuch verzeichnet sind. Dabei vergaß er nie den Dank an die verhafteten Verschwörer, die seinen Namen – zum Teil selbst unter schwerer Folter – nie preisgegeben haben und ihm das Weiterleben ermöglichten: „Es ist eine meiner Pflichten, an diese mutigen Männer zu erinnern“, betonte von Boeselager und bekannte: „Ich selbst hatte große Angst vor der Verhaftung und Folter und hätte wohl geredet.“ Um sich dem im Falle eines Falles zu entziehen, habe er eine Kapsel Zyankali bei sich getragen, um sie im Falle der Verhaftung zu schlucken. Erst als sein Bruder Georg, der viel stärker als er in Stauffenbergs Pläne eingeweiht gewesen war, starb und im Nachhinein mit einer der höchsten Stufen des Eisernen Kreuzes geehrt wurde, „konnte ich ein wenig entspannter sein, eine makabre Konstellation“.

Nach dem Krieg studierte von Boeselager, wurde Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft deutscher Waldbesitzerverbände und kümmerte sich um den Familienbesitz bei Altenahr. Die malerisch im Ahrtal gelegene Burg Kreuzberg hatte er übernehmen müssen, nachdem drei ältere Brüder im Krieg geblieben waren. Der Widerstand ließ den in zahlreichen Ehrenämtern tätigen und vielfach ausgezeichneten, unter anderem Offizier der französischen Fremdenlegion, Freiherrn nie los. Im Arbeitszimmer seines Hauses unterhalb der Burg, in das er vor Jahren mit seiner Frau – im Sommer dieses Jahres hätten sie goldene Hochzeit gefeiert – gezogen war, stapelten sich Bücher, Akten, Vorträge und Manuskripte rund um den 20. Juli 1944. Journalisten und auch Schulgruppen stand er ebenso eloquent wie sachkundig und mitreißend erzählend Rede und Antwort.

Sein Wunsch, den derzeit entstehenden Film „Valkyrie“ um das Attentat von Oberst Stauffenberg mit Tom Cruise in der Hauptrolle zu sehen, bleibt für von Boeselager unerfüllt. Bemerkenswert ist jedoch sein Kommentar zu den Dreharbeiten, die wegen Cruise' Scientology-Zugehörigkeit heftig debattiert wurden: „Wenn der Film nicht für propagandistische Zwecke der Sekte missbraucht wird, kann es nur gut für die Geschichte des Widerstands sein, dass sich Hollywood endlich damit befasst und sie vor allem im anglo-amerikanischen Raum weiter bekannt gemacht wird.“ Denn dass es Männer gegeben hat, die in der Zeit des Nationalsozialismus Zivilcourage gezeigt haben und sich für ihren Staat verantwortlich gefühlt haben – das war Philipp von Boeselagers Sicht auf den 20. Juli 1944. Das war auch seine Lehre daraus, die er bis zuletzt an nachfolgende Generationen als Mahnung weiterzugeben bemüht war.