Der kleine König von Kambodscha

Norodom Sihanouk kurz vor seinem 90. Geburtstag gestorben – Ein schillernder Politiker, ein Mann der Gegensätze. Von Robert Luchs

Die Bevölkerung in Kambodscha trauert um Norodom Sihanouk. Er wurde als direkter Nachkomme der Gottkönige von Angkor verehrt. Foto: dpa
Die Bevölkerung in Kambodscha trauert um Norodom Sihanouk. Er wurde als direkter Nachkomme der Gottkönige von Angkor ver... Foto: dpa

Es war die Zeit, als Monarchen noch in prächtigen, von geschmückten Elefanten gezogenen Gefährten saßen und durch die Straßen der kambodschanischen Metropole Phnom Penh rollten. Ehrfürchtig beugten zigtausende von Untertanen ihr Haupt, um dem erst 18 Jahre alten König Preah Bat Samdech Preah Norodom Sihanouk Varman zu huldigen. Während der Zweite Weltkrieg tobt, war Prinz Sihanouk 1941 von der Kolonialmacht Frankreich zum König ausgerufen worden. Jetzt ist der frühere Monarch wenige Tage von seinem 90. Geburtstag gestorben.

Bis heute ist überliefert, dass der kleingewachsene Sihanouk die Triumphfahrt stoppte, in Trippelschritten auf die Menschen zuging und sich mit zusammenpressten Handflächen verneigte. Es sollte nicht das einzige Ereignis in der wechselvollen Ära Sihanouk bleiben, das die Kambodschaner tief beeindruckte. Ein König beugte sein Haupt vor ihnen. Vor allem die Landbevölkerung verehrte ihn sogar als direkten Nachkommen der Gottkönige von Angkor.

Welche seiner Eigenschaften würde die Oberhand behalten – seine künstlerisch vielseitigen Begabungen oder seine oft als Opportunismus interpretierte Wendigkeit im politischen Geschäft? Stand für den Monarchen die staatliche Unabhängigkeit im Vordergrund oder sein eigenes Machtstreben? Oft war das eine nicht vom anderen zu trennen, doch während Sihanouk vom Volk uneingeschränkt geliebt wurde, zollte es den regierenden Politikern nur widerwillig Respekt.

Norodom Sihanouk, hatte sich in den vergangenen Jahren mehr in Nordkorea und in Peking aufgehalten, wo er eines natürlichen Todes starb. Von der Volksrepublik China aus hatte der Greis die oft beängstigende Entwicklung in der konstitutionellen Monarchie Kambodscha beobachtet. Vor acht Jahren hatte Sihanouk seine Abdankung aus gesundheitlichen Gründen angekündigt; er hatte bereits zwei Schlaganfälle hinter sich und litt an Darmkrebs. Der Thronrat Kambodschas wählte daraufhin Prinz Norodom Sihamoni, einen Sohn Sihanouks, zum neuen König des Landes. Seine Abdankung und die Regelung der Nachfolge war einer der vielen Schachzüge des schlauen Monarchen, denn damit durchkreuzte er Pläne des starken Mannes, Ministerpräsident Hun Sen, die Monarchie abzuschaffen. Sihamoni allerdings bleibt auf zeremonielle Aufgaben reduziert.

Sihanouks Name gilt noch heute als Synonym für eine gewagte Schaukelpolitik zwischen West und Ost und für oft undurchschaubare politische Allianzen. Seine größte politische Leistung war die Loslösung von der französischen Kolonialmacht – 1953 proklamierte er die Unabhängigkeit Kambodschas.

Äußerst zwiespältig war sein Verhältnis zu den Roten Khmer, die er als blutrünstige Monster bezeichnet, was ihn nicht darin hinderte, mit Rote-Khmer-Führer Pol Pot zu paktieren. Es war ein Pakt mit dem Teufel – zwei Millionen Menschen kamen bei dem wahnwitzigen Versuch ums Leben, von 1975 bis 1979 aus Kambodscha einen kollektivistischen Agrarstaat zu machen.

Als Sihanouk die maoistischen Rebellen als Totengräber des eigenen Volkes bezeichnete, stellte ihn Pol Pot 1976 im Königspalast unter Hausarrest und ließ fünf seiner Kinder und 14 Enkel bestialisch ermorden. Nach der Befreiung des Landes durch Truppen Vietnams 1979 ging Sihanouk ins Exil nach China und gründete die Funcinpec-Partei. Nach den ersten freien Wahlen unter Aufsicht der Vereinten Nationen wurde Sihanouk 1993 wieder zum Staatsoberhaupt Kambodschas ernannt.

Im Jahre 1996 holte ihn die schreckliche Vergangenheit ein, als er – von Ministerpräsident Hun Sen unter Druck gesetzt – den früheren Außenminister der Roten Khmer, Ieng Sary, amnestierte. Die Dschungelkämpfer legten daraufhin die Waffen nieder. Ieng muss sich heute vor dem Völkermord-Tribunal in Phnom Penh verantworten. Sihanouk aber hat es immer abgelehnt, als Zeuge vor dem Tribunal zu erscheinen.

Norodom Sihanouk war ein Mann der Gegensätze, Politiker und Playboy, der Kunst zugetan und zugleich ein Meister diplomatischer Ränkespiele. Sihanouk schrieb Gedichte, Drehbücher und Theaterstücke, er komponierte Lieder und versuchte sich als Choreograph des königlichen Balletts. Dies war die andere Seite dieser schillernden Figur, die für eine zu Ende gehende Ära in Südostasien steht.