Berlin

Der Zuhälter gibt ihr 3,50 Euro

In Berlin sind rund 8 000 Sexarbeiterinnen tätig. Ein katholischer Verband kümmert sich um sie - und organisiert ungewöhnliche Stadtführungen.

Voraussichtlich Urteil im Prozess um Zwangsprostitution
Hochhackige Schuhe: Sexarbeiterin im Dienst.dpa Foto: Foto:

Die Füße stecken in hochhackigen Schuhen, die ihr mindestens zwei Nummern zu groß sind. Das schwarze Haar fällt ihr strähnig auf die Schultern. Der rote Minirock sitzt eng. Sie steht auf der Berliner Kurfürstenstraße, ein paar Meter vom Bordstein entfernt. Die Autos können im Schritttempo an ihr vorbeifahren und die Männer sie bequem aus dem heruntergelassenen Fenster ansprechen. Doch an diesem Sonnabendvormittag kurz nach elf ist hier noch wenig los. Die Frau lässt sich nicht beirren. Sie zieht mit den Lippen eine Zigarette aus der Schachtel, zündet sie an und schaut konzentriert auf die Straße.

Auf dem Fußweg neben ihr laufen knapp 30 Personen vorbei, zumeist Frauen. Sie nehmen an einer ungewöhnlichen Stadtführung des Caritasverbandes im Erzbistum Berlin teil. Seit 2016 organisiert der Sozialverband mehrmals im Jahr „Kieztouren mit Herz“. Mit ihnen will er auf soziale Brennpunkte der Stadt aufmerksam machen und seine Arbeit präsentieren. 2019 ging es schon zu Obdachlosen und zu ehemaligen Häftlingen, die Caritas-Mitarbeiter betreuen.

Leben als Sexarbeiterin

Heute lautet das Thema „Leben als Sexarbeiterin“. Das ist die politisch korrekte Bezeichnung einer Person, die der Prostitution nachgeht. Nach dem seit 2017 gültigen Prostituiertenschutzgesetz müssen Sexarbeiterinnen sich bei den Behörden registrieren lassen und bekommen einen Anmeldenachweis ausgestellt, den sogenannten Hurenpass. Laut „Berliner Morgenpost“ waren bis Juni 1 585 Personen dieser Verpflichtung in Berlin nachgekommen. In Fachkreisen ist jedoch von rund 8 000 Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern in der Hauptstadt die Rede. Die meisten sollen aus Deutschland und aus Osteuropa stammen. Es ist schwierig, die Prostituierten zu zählen. Das liegt nach den Beobachtungen der Sozialpädagogin Barbara Eritt unter anderem daran, dass die allermeisten alle paar Wochen ihren Arbeitsort wechseln.

Die Frau mit den polnischen Wurzeln hat die heutige Tour mit organisiert. Sie ist beim katholischen Verband für Mädchen- und Frauensozialarbeit IN VIA angestellt. Zu seinen Aufgaben gehört es, Opfer von Menschenhandel zu betreuen, sprich: Frauen, die zur Prostitution gezwungen werden. Ihnen bietet er psychosoziale Beratung an, vermittelt medizinische Versorgung, begleitet sie zu Behörden und zu Gerichtsverfahren, organisiert einen Rechtsbeistand und vieles mehr. Eritt und ihre Kolleginnen sind in Berlin und Brandenburg tätig und können Gespräche auf Deutsch, Englisch, Russisch, Polnisch, Rumänisch, Französisch und Türkisch anbieten. „Viele bulgarische Frauen sprechen Türkisch“, sagt sie. Laut dem vom Bundeskriminalamt 2018 herausgegebenen „Bundeslagebild Menschenhandel und Ausbeutung“ stammen die meisten Zwangsprostituierten aus Bulgarien, Rumänien und Deutschland. Deutsche Frauen, die in diese Form der modernen Sklaverei gedrängt wurden, fielen oft einem „Loverboy“ zum Opfer: Das sind Männer, die vor allem junge Frauen mit Geschenken und vermeintlicher Zuneigung gefügig machen und sie dann zwingen, mit ihrem Körper Geld zu verdienen. Laut dem „Bundeslagebild“ leiden Zwangsprostituierte unter schlechter Bezahlung, überlangen Arbeitszeiten, überhöhten Vermittlungsgebühren und/oder Mietzahlungen sowie gefährlichen Arbeitsbedingungen. Viele müssen ihren Verdienst vollständig einem Zuhälter abliefern.

Prostitution als Ergebnis einer Leidensgeschichte

Wird die Frau in den viel zu großen Hackenschuhen zur Prostitution gezwungen? Barbara Eritt kann die Frage nicht beantworten. „Freiwilligkeit sieht man nicht.“ Unter welchen Umständen Frauen zu Sexarbeiterinnen geworden sind, erfahren ihre Kolleginnen und sie oft erst nach mehreren Gesprächen, wenn Vertrauen entstanden ist. Es gibt tatsächlich Frauen, die freiwillig als Prostituierte tätig sind – und das jahrzehntelang und bis zur Rente. Doch viele haben eine Leidensgeschichte hinter sich. Sie wurden mit falschen Versprechungen nach Deutschland geholt, waren und sind Gewalt ausgesetzt.

Barbara Eritt erzählt von einer Dreizehnjährigen, die schon mehrere Jahre lang anschaffen ging, ehe sie zu IN VIA kam: „Sie hatte nie gelernt, Nein zu sagen, und sie hatte kein Selbstwertgefühl entwickelt.“ Die Kurfürstenstraße liegt im dicht besiedelten Ortsteil Tiergarten. Vielen Berlinern ist sie seit langem als „Drogenstrich“ bekannt. Früher kam es auf den Parkplätzen und Brachen in der Umgebung zu sexuellen Handlungen, oft im Auto des Freiers. Doch diese Flächen wurden in den vergangenen Jahren zugebaut. Die Bewohner der neuen Häuser sind mitunter gar nicht angetan, wenn sie schon am Vormittag „einen blanken Hintern sehen“, wie ein Mann sich in einer Lokalzeitung beklagte. Doch angesichts der Wohnungsnot haben sie kaum Möglichkeiten, in andere Viertel umzuziehen. So kommt es immer häufiger zu Zoff zwischen den Anwohnern und der Szene. Der Bezirk hat schon mal Ökotoiletten aufstellen lassen, damit die Sexarbeiterinnen und ihre Kunden ihr Geschäft wenigstens nicht draußen verrichten müssen.

Manchmal kommt es zu Gewalt zwischen den Frauen

Die Teilnehmerinnen der Stadtführung gehen an zwei Frauen vorbei, die sie auf den ersten Blick gar nicht für Prostituierte halten. Ihre massigen Körper stecken in Jeans und labberigen T-Shirts. Das Haar fällt ungekämmt auf die Schultern. Doch auch sie gehören zur Szene. Laut Barbara Eritt kostet Geschlechtsverkehr in diesem Kiez zwischen 15 und 50 Euro. Je nachdem, ob die Frauen gerade dringend Drogen brauchen oder ihre Schlafstelle bezahlen müssen, können sie verhandeln – oder eben nicht. In den Edelbordellen der Hauptstadt verdienen die Huren weit mehr.

Nachmittags und abends stehen die Frauen dicht an dicht. Da kommt es schon mal vor, dass Sexarbeiterinnen sich um den besten Platz an der Kurfürstenstraße streiten und dabei gewalttätig werden. „Die Straße ist mal in ungarischer, mal in bulgarischer Hand – das wechselt“, sagt Barbara Eritt. In der Oranienburger Straße im Ortsteil Mitte hätten jedoch deutsche Zuhälter das Sagen. Diese Straße liegt im ehemaligen Ost-Berlin und war schon zu DDR-Zeiten bekannt dafür, dass Frauen sich hier illegal prostituierten. Nach dem Mauerfall erblühte das Geschäft. Gleichzeitig öffneten Restaurants und Cafés, und die Touristen kamen in Strömen. In den vergangenen Jahren haben sie mit ihrer Anwesenheit den Straßenstrich stark zurückgedrängt.

Grundsatzfrage: Wie überhaupt mit Prostitution umgehen?

Wie soll Deutschland überhaupt mit Prostitution umgehen? Darüber diskutieren die Teilnehmerinnen im Anschluss an die Stadtführung in den Räumlichkeiten der Caritas. Das Prostituiertenschutzgesetz soll ja die Kriminalität eindämmen und die Sexarbeiterinnen schützen, unter anderem durch die Kondompflicht, die jetzt gilt. Doch Schweden und einige andere Staaten entschieden sich für einen anderen Weg. Dort ist Prostitution verboten. Barbara Eritt lehnt diese Lösung ab. Ihrer Meinung nach wird es Sexarbeit immer geben. Wenn sie in die Illegalität gedrängt werden, seien Sexarbeiterinnen für Hilfsangebote wie IN VIA noch schwerer zu erreichen, argumentiert sie.

Schon jetzt kommen die meisten Frauen nicht von sich aus zu IN VIA. Manche werden von der Polizei geschickt, mit der die Beratungsstelle einen Kooperationsvertrag hat. Ansonsten betreiben Eritt und Kolleginnen „aufsuchende Arbeit“. Das bedeutet, dass sie regelmäßig mit ihrem Dienstwagen die Orte aufsuchen, an denen Prostituierte tätig sind. Sie fahren unter anderem nach Fürstenwalde, Teltow, Oranienburg und an die polnische Grenze. Sie drücken Frauen die Informationsmaterialien von IN VIA in die Hand, bieten kostenlose Beratung an. Zu Weihnachten gibt es Schokolade.

Den Frauen zu sagen, dass sie überhaupt Rechte haben und dass sie sich krankenversichern lassen können – das ist oft das Wichtigste. Vielen Sexarbeiterinnen sei das völlig neu, sagt Barbara Eritt. Neulich beriet sie eine Frau, die ihren gesamten Verdienst einem Mann ablieferte, den sie ihren „Freund“ nannte. Wenn sie Hunger hatte, teilte er ihr 3,50 Euro für einen Döner Kebap zu. „Ich nenne diesen Mann nicht Freund, sondern Zuhälter“, sagt Eritt. Wut schwingt in ihrer Stimme mit. Die Frau sei jetzt immerhin „sensibilisiert“ dafür, dass sie ein Recht auf ihr Geld hat. Sicher, der christliche Glaube stehe für Sexarbeiterinnen, die die Dienste von IN VIA in Anspruch nehmen, meist nicht an erster Stelle, sagt Barbara Eritt: „Aber für meinen Lebensweg ist er wichtig.“