Der Schrebergarten als Versteck und Hauptstadtresidenz

„Unter der Linde 1": Zeitzeugin Ruth Winkelmann stellte in Berlin ihre Lebenserinnerungen vor. Von Rocco Thiede

Die etwas andere Berlin-Repräsentanz: Der Schrebergarten. Foto: Thiede
Die etwas andere Berlin-Repräsentanz: Der Schrebergarten. Foto: Thiede

Hauptstadtresidenzen und Repräsentanzen gehören in Berlin zum guten Ton. Unternehmen, Organisationen und Stiftungen haben mit diesem architektonischen Typus ganze Gebäudekomplexe neu errichtet oder historische Häuser an zentraler Stelle aus dem Nichts wieder auferstehen lassen. Das freut Politiker, Lobbyisten und die Eigner dieser Edelimmobilien oder Luxusbüros, denn hier trifft sich das „Who is Who“ der deutschen Hauptstadt. Außerdem finden im modernen und technisch hoch aufgerüsteten Ambiente Fachkolloquien, wissenschaftliche Tagungen, Pressekonferenzen oder auch glamouröse Empfänge statt, sodass auch immer ordentlich Futter für die bunten Blätter und Boulevardmedien dabei abfällt.

Seit einigen Wochen hat Berlin einen ganz neuen Ort zu bieten: die Repräsentanz „Unter der Linde 1“. Wer meint, dass der Name dieser Hauptstadtresidenz ihm wohl bekannt vorkommt, sollte die Einladungen, die er von dort erhält, genau studieren. Hier geht es nicht um Berlins Mitte und seinen Prachtboulevard mit dem Haus des ehemaligen Stadtkommandanten, also der heutigen Repräsentanz von Bertelsmann. Nein, „Unter der Linde 1“ ist eine Parzelle in der Kleingartenanlage „Am Anger e.V.“ in Berlin Pankow. Sie liegt „jwd“ – wie der Urberliner sagen würde, „janz weit draußen“ und wird als ein gemeinsames Projekt der Alfred Toepfer Stiftung F.V.S., der Gerda Henkel Stiftung und der Haniel Stiftung betrieben.

Die Programmatik dieses neuen Begegnungsortes bezeichnen die drei namhaften Stiftungen selbst als „kommunikatives Experiment“. Für sie bildet der Garten einen Raum für den Alltag und ist damit ein klarer Gegenentwurf zum bestehenden Eventzirkus in Berlin-Mitte.

Eine gelungene Veranstaltung fand dort vor wenigen Tagen unter dem Titel „Der Schrebergarten als Versteck im Nationalsozialismus“ mit der Zeitzeugin Ruth Winkelmann statt. „Ich selber habe in einer Laubenkolonie von Februar 1943 bis zum April 1945 überlebt“, sagt Winkelmann, die 1928 als Tochter eines jüdischen Vaters und einer christlichen Mutter in Berlin geboren wurde. Sie hatte unlängst ihre Lebenserinnerungen und Erlebnisse im Schrebergarten während der NS-Zeit in dem Taschenbuch „Plötzlich hieß ich Sara“ im Jaron Verlag veröffentlicht. „Wo könnten wir euch unterbringen?, überlegte Tante Hertha. Gut wäre eine Laubenkolonie, sagte Mutti. Da sind schon viele untergekommen, die nicht gefunden werden wollen“, liest man im Buch der rüstigen 84-jährigen Berlinerin. Die Buchpräsentation mit anschließender Diskussion war mehr als eine örtliche Schnittmenge zwischen idealem Veranstaltungsort und historischer Geschichtsstunde. Und auf welcher öffentlichen Veranstaltung der Hauptstadt diskutieren die Laubenpieper jenseits von Rabattbepflanzungen und Unkraut am Gartenzaun aktiv mit, wenn es wie hier um aktuelle oder historische Zeitphänomene geht? Als Dank erhalten die Gäste zum Abschied, was der Garten so hergibt: Äpfel, Zucchini und natürlich Blumen der Saison.

„Unter der Linde 1“ ist mit seinen kostenlosen Veranstaltungen vorerst „für einen Sommer lang geplant“, sagt Antje Mansbrügge, Projektleiterin Wissenschaft von der Alfred Toepfer Stiftung aus Hamburg, die auch den Abend mit Ruth Winkelmann in der Pankower Gartenkolonie organisierte. In Kürze wird hier der Soziologe Reinhard Miegel auftreten. Die Stiftungen bitten aber um Voranmeldungen, da die Kapazitäten in der Laube und im Garten begrenzt sind.

„In der Stiftungswelt wurde unsere Initiative interessiert aufgenommen, weil unsere Frage, ob es nicht doch etwas selbstbezüglich ist, was andere gemeinnützige Stiftungen in Berlin unternehmen, schon ihre Relevanz hat“, berichtet Mansbrügge. Der Ort ist also mehr als ein Kuriosum und fordert auch zur kritischen Sicht auf Gemeinnützigkeit heraus, die scheinbar immer häufiger von sich steigernden Superlativen getrieben wird: noch größer, zentraler, teurer und glanzvoller.