Der Drogenpilot packt aus

Ein mexikanischer Berufspilot berichtet, wie er in die Fänge der Drogenmafia geriet. Und wie er dank seines Glaubens dann gerade noch einmal davonkam. Von Matthias Knecht

Mexikanische Polizisten verbrennen größere Mengen Marihuana. Foto: dpa
Mexikanische Polizisten verbrennen größere Mengen Marihuana. Foto: dpa

Als der Berufspilot Ernesto Rodríguez (Name geändert) an einem warmen Mai-Abend wieder in Mexiko-Stadt landet, kümmert er sich weder um seine Freunde und Kollegen auf dem internationalen Flughafen noch beachtet er die Späher des Drogenkartells, die er auf seinen Fersen vermutet. Vielmehr nimmt er das nächste Taxi zur Basilika der Jungfrau von Guadalupe vor den Toren der Hauptstadt. Er kniet nieder und dankt der Nationalheiligen. „Sie hat mich erhört“, sagt der Berufspilot über die dunkelste Woche seines Lebens.

Dann spendet Rodriguez sein gesamtes verbliebenes Geld. Nach einer Woche Kurierdienst für die Drogenmafia kommt einiges zusammen. Bündelweise steckt er US-Dollar, mexikanische Pesos, guatemaltekische Quetzales und honduranische Lempira in den Opferkasten. Der seit einem Jahr arbeitslose Pilot weiß, dass er so schnell nicht mehr zu Geld kommen wird und die Familie daheim verzweifelt ist. Doch mit dem Geld der Drogenhändler will er nichts mehr zu tun haben. „Das ist, als würdest du dich mit dem Teufel einlassen.“

„Das Organisierte Verbrechen nützt die wirtschaftliche Misere Mexikos aus“, sagt Rodríguez zu Beginn seines dreistündigen Geständnisses. Ohne Pause und mit haarsträubender Präzision redet er sich seine Beteiligung an unentschuldbaren Taten von der Seele: Waffen- und Drogenschmuggel, Bestechung von Polizei und Behörden, Mordpläne an Staatsanwälten und unliebsamen Zeugen. „Ich bereue das zutiefst“, sagt der praktizierende Katholik immer wieder. Doch den mexikanischen Behörden will er sich nicht anvertrauen. Zu sehr sind sie selbst mit dem organisierten Verbrechen verstrickt. Ein Polizeigeständnis könnte Rodríguez das Leben kosten, fürchtet er. Das Gespräch findet in Rodriguez' Haus statt, in einem Nobelvorort von Mexiko-Stadt. Es zeugt von einstigem Wohlstand. Die leeren Wände jedoch mit der abblätternden Farbe verraten die aktuelle Armut. Zu den wenigen Dingen, die noch nicht gepfändet sind, gehört ein eingerahmtes, vergilbtes Foto. Es zeigt Rodríguez, als er noch Zukunft hatte, vor dem Cockpit einer Propellermaschine aus den 1970er Jahren, seinen erstgeborenen Sohn auf dem Arm, seine Frau an seiner Seite. Schon damals strahlte Rodríguez die zuverlässige Ruhe aus, die ihn rasch aufsteigen ließ, bis zum Linienpiloten einer Boeing 727. Der heute 50-Jährige sammelte 14 000 Flugstunden und wirkt topfit.

Das alles half Rodriguez nichts, als seine Fluggesellschaft letztes Jahr den Betrieb einstellte. Von heute auf morgen war er ohne Arbeit, ohne Abfindung, ohne Arbeitslosengeld. Das Ersparte war schnell aufgebraucht und die Familie plötzlich in einer dramatischen Situation. Einer der Söhne erhungerte sich förmlich die letzten Monate bis zum Abitur. Er verzichtete meist aufs Frühstück, um noch irgendwie den Bus zur Schule zu finanzieren.

Da bekam Rodríguez ein traumhaftes Angebot. 100 000 US-Dollar je Flug bot ihm ein angeblicher Unternehmer an, auf der Suche nach verschwiegenen Privatpiloten. Ein Mechaniker am Flughafen Mexiko-Stadt vermittelte die Offerte. Rodríguez ahnte von Anfang an, dass die Sache faul war. Später bestätigte sich, dass der Mechaniker für eines der großen Kartelle Mexikos arbeitete. Doch mit dem Vollstreckungsbeamten vor der Tür und minderjährigen Kindern in Ausbildung glaubte Rodriguez gerne die Geschichte, die ihm die Gesandten bei einem konspirativen Treffen in Mexiko-Stadt auftischten. Keinesfalls gehe es um Drogen, vielmehr sollen Guerillagruppen in Mittelamerika mit Waffen beliefert werden, im Namen von Gerechtigkeit und Freiheit.

Drei Tage nach seinem ersten Gespräch mit dem Flugmechaniker ist Rodríguez bereits in einer konspirativen Wohnung in San Pedro Sula, Honduras. Während einer Woche arbeitet er mit einer Gruppe aus weiteren Mexikanern, Argentiniern und Kubanern zusammen, die vor seinen Augen einen größenwahnsinnig erscheinenden internationalen Drogendeal einleiten. Zuerst erschrickt Rodríguez über die ständig präsenten Bodyguards mit ihren Maschinenpistolen. Doch dann merkt er, dass ihn die Bande sehr gut behandelt. „Erfahrene Piloten sind gesucht“, resümiert er. Seinen ersten Einsatz erledigt Rodríguez zur vollen Zufriedenheit der Drogenbosse. In einem halsbrecherischer Flug bei Tropenregen bringt er eine mit Waffen vollgeladene Cessna von Guatemala nach Honduras. Die Sicherheitsbehörden in den beiden internationalen Flughäfen werden vor den Augen von Rodríguez geschmiert und winken die illegale Ladung einfach durch. Der Pilot erzählt die technischen Details des lebensgefährlichen Fluges mit Stolz. Nicht jeder hätte die Maschine unter diesen Umständen durchgebracht.

Die Reue kommt erst in der Nacht darauf. Zurück im honduranischen San Pedro Sula feiern die Drogenbosse den gelungenen Auftakt der Schmuggelaktion mit einer barocken Kokain-Orgie, mit Edelprostituierten und goldenen Rolex-Uhren. Der Familienvater fühlt sich unwohl. „Ich fühlte Scham, so tief gesunken zu sein. Ich betete zur Jungfrau Guadalupe: Ich will das hier nicht mehr tun. Ich will hier raus!“

Doch es kommt noch schlimmer. Am nächsten Morgen erfährt der Pilot seinen eigentlichen Auftrag. Er soll eine Flugzeugladung voll Waffen nach Venezuela fliegen und dort im Gegenzug 1,5 Tonnen Kokain laden, zum Weitertransport nach Nicaragua. Dort wiederum wartet eine weitere, gut bezahlte Mission auf ihn. Wiederum erlebt Rodríguez, wie der Schmuggel mit Beteiligung der Behörden geplant wird. Es fallen Namen von Politikern in Panama und Venezuela, die die Aktion decken.

Verzweifelt überlegt Rodríguez, wie er sich vor dem Auftrag drücken kann. Er erwägt die Maschine abstürzen zu lassen. Doch auch in der Flugüberwachung entlang der Route sitzen Leute des mexikanischen Kartells. „Wir finden dich, egal wo du landest“, sagen ihm die Drogendealer. Es ist eine Beruhigung für den Fall, dass etwas schiefgeht. Es ist aber auch eine Drohung für den Fall, dass sich Rodríguez absetzen will. Der Pilot ist ratlos und betet Rosenkranz um Rosenkranz: „Jungfrau Guadalupe, bitte weise mir einen Ausweg!“

Edgardo Buscaglia, UN-Berater zum Organisierten Verbrechen und Forscher in Mexiko-Stadt, hält die Angaben des Piloten für glaubwürdig. „Die Fakten sind kompatibel mit meinen Erkenntnissen aus Gesprächen mit Staatsanwälten und Regierungsquellen.“ Drei Dinge sieht Buscaglia durch das Geständnis des Piloten bestätigt. Erstens sind aus Mexikos Drogenkartellen schon längst effiziente und ausgeklügelte internationale Unternehmen geworden, mit Präsenz in 52 Staaten. Zweitens sind internationale Tauschgeschäfte verbreitet. „Mal werden Drogen gegen Waffen getauscht, mal gegen Piraterieware“, sagt Buscaglia.

Drittens verläuft der Drogenschmuggel in großem Stil nur dank Rückendeckung von oben. Das erklärt auch die Gewalt in Mittelamerika und Mexiko. Buscaglia sieht darin eine blutige Auseinandersetzung darüber, welches Kartell welchen Teil des Staates kaufen kann. „Die Gewalt, die wir beobachten, ist eine Gewalt der politischen Korruption.“

„Die Jungfrau Guadalupe hat mich erhört“

Auch im Fall des Piloten Rodríguez kommt es fast zum Blutbad. Stunden vor dem Start seines Waffen-Kokain-Flugs nach Venezuela beschlagnahmen die Behörden von Honduras das vorgesehene Privatflugzeug auf dem Flughafen in San Pedro Sula. Rodriguez' Auftraggeber setzen zuerst ihre Koffer voller US-Dollar ein. Nachdem es nicht gelingt, die Behörden zu kaufen, greifen die Drogendealer zu den Waffen, wollen die zuständige Staatsanwältin ermorden. Es kommt zu hitzigen Diskussionen in der Gruppe und hektischen Telefonaten mit dem Chef in Mexiko und Politikern. Schließlich sehen die Dealer ein, dass ihr Vorhaben fürs Erste gescheitert ist. Sie lassen den Piloten unbehelligt nach Mexiko zurückkehren.

Später versucht das Drogenkartell noch einmal, Rodríguez anzuheuern. Er sagt ab, und sie lassen ihn seither in Ruhe – keine Drohungen, keine weiteren Anrufe. Den für mexikanische Verhältnisse glimpflichen Ausgang kann sich Rodríguez nur mit seinem Glauben erklären. „Es ist die Jungfrau Guadalupe. Sie hat mich erhört.“