Der Betruf: Beschwörung und Gebet

Der Betruf – Uraltes katholisches Brauchtum in den Schweizer Alpen. Von Karl Horat

Betruf bei der Beschwörungs-Arbeit.Appenzellerland-Tourismus Foto: Foto:

Im Schweizer Alpengebiet ist bis heute der Brauch des Betrufs lebendig. Allabendlich während der Alpsommerzeit ruft der Älpler eine archaische Gebetslitanei über die Alp.

Am Ende eines langen Arbeitstags sucht er ein geeignetes, wenn möglich erhöhtes Plätzchen auf, an dem nicht selten ein Holzkreuz installiert ist. Er verbreitet seinen Ruf, indem er seine Hände trichterförmig um den Mund legt. Die meisten Rufer aber bedienen sich einer „Folle“ – eines hölzernen Milchtrichters – welche den monotonen Singsang weitherum und bei guten Wetterverhältnissen öfter sogar bis ins Tal hinunter hörbar macht. „Ruft er jetzt das Vieh heim? Ist das ein Gruß an die Nachbarn oder vielleicht ein Schlaflied für die Rinder auf der Alp?“, fragen Touristen in den Bergen, wenn sie Ohrenzeugen eines Alpsegens werden.

Ein Schutzbann gegen böse Naturkräfte

Keine der genannten Varianten ist ganz abwegig. Solche Funktionen kann der abendliche Betruf, der meist zwischen 20 und 21 Uhr beim Einnachten ertönt, durchaus auch haben. Er verbindet Urtümlich-Heidnisches mit Christlichem. Paten standen wohl einstmalige, heidnische Bannsprüche. Ein Schutzbann gegen böse Naturkräfte wird auch heute noch beschworen – jetzt eben mit Hilfe angerufener Heiliger.

Das Antreten zu diesem Ruf ist ein Ritual. In den Bergen lernen nicht selten schon Schulkinder seinen lokalen Wortlaut – zusammen mit dem „Unser Vater“ – und dem „Ave-Maria“. In mundartlich gefärbtem Hochdeutsch werden der dreieinige Gott, Maria und diverse Heilige gebeten, alle Lebewesen auf der Alp vor Unheil und insbesondere den Gefahren der Nacht zu bewahren. Unwetter, Wölfe, Räuber oder Geister werden oft namentlich als Bedrohung genannt.

Was romantisch anmuten mag, offenbart beim genaueren Hinhören den feierlichen Ernst eines Segensgebets. Text und Melodie sind zwar regional unterschiedlich. Allen gemein aber diese altertümliche Hochsprache und eine archaische Melodieführung, die von fern an das lateinische Chorgebet der Mönche erinnert. Elemente des Credo, des Angelus, der Allerheiligenlitanei sind verwoben mit den konkreten Bitten um Schutz von Hab und Gut, Leib und Leben während der nun hereinbrechenden Nacht. Denn im Schlaf muss der Mensch loslassen. Er muss die Verantwortung, das Gelungene wie das Schuldige anderen Mächten übergeben – insbesondere hier im Gebirge, wo das Wetter augenblicklich wechseln kann und Naturgewalten als reale Bedrohungen erfahren werden.

So ein Alp-Segen in der Innerschweiz beginnt meist mit den Worten „Ave, Ave-Maria – Es wallte Gott und Maria“. Daraufhin werden wie in einer Litanei Bauernheilige angerufen: Sankt Antoni, der heilige Wendelin, Patron der Hirten und Herden, Sankt Isidor, ein heiliger Landmann, der gegen Trockenheit helfen und für Regen und eine gute Ernte sorgen soll. Die Anrufung der vier Evangelisten ist für den Betruf im Kanton Schwyz typisch. Es werden aber auch alle übrigen Heiligen angesprochen. „Schütz uns Gott – jetzt und alle Zeit – Amen“, ist ein beliebter Schluss.

Selten geworden ist die Alpsegen-Tradition im Oberwallis. Dort war es Brauch, den Ruf mit dem Anfangstext des Johannesevangelium zu beginnen: „Im Anfang war das Wort – und das Wort war bei Gott“. Eine eigene Version pflegen Hirten auf den Alpen über dem Schächental im Kanton Uri – nahe dem Klausenpass. Nach ihrer Überlieferung bildet die Klanggrenze des Rufes einen Kreis, einen Ring, in dem der Segen wirksam sein soll. Sie beginnen mit „Hoch selle si loba/ All Schritt, all Tritt, i Gott's Namä loba“. Als Erstes wendet sich der Ruf hier also an das Vieh, das jeden Schritt in Gottes Namen tun und ihn loben soll – und dann: „Hier auf der Alp steht ein goldener Ring.“ Mit dem Betruf soll das Vieh in den Ring zurückgelockt werden. Soweit man den Ruf höre – soweit solle der Segen reichen, ist man überzeugt. Ein Älpler fügt verschmitzt an: „Nun, vielleicht auch ein bisschen über den Ring hinaus – hoffen wir.“ Und wenn er heiser sei, sei halt auch der Ring etwas kleiner, fügt er augenzwinkernd hinzu.

Vor einigen Jahrzehnten lebten viele Menschen im Berggebiet abgelegen, oft noch ohne Telefon oder eine Straßenverbindung ins Tal. Lawinen und Steinschlag bedrohten Häuser und Siedlungen. Gegen Naturgefahren, Krankheiten oder Unglücke gab es kaum Schutz. Eine Unachtsamkeit im Umgang mit dem Feuer konnte eine ganze Siedlung niederbrennen. Eine Blinddarmentzündung war lebensgefährlich. In katholischen Gegenden erbaten sich die Menschen darum in diesem Ritual den Schutz Gottes, Maria und der Heiligen.

Das „Ave-Maria-Rüeffen“, wie einst genannt, kann im Osten der Schweiz seit dem 14. und im Gebiet des Pilatus in der Zentralschweiz ab dem 16. Jahrhundert nachgewiesen werden. Seine Ursprünge gehen aber wohl ins Spätmittelalter zurück. Musikhistorisch betrachtet bieten sich Vergleiche mit Litanei-Gesängen und biblischen Rezitationen durchaus an. Der Betruf lässt sich als popularisierter Gregorianischer Choral interpretieren, der sich in den katholischen Alpgebieten während Jahrhunderten weiterentwickelt hat und unter den Sennen und Hirten bis heute auch mündlich tradiert wird. Bauernkinder erinnern sich, dass sie früher während des Bet- rufs still zu sein hatten – oftmals waren sie es aber ganz von selbst; zu eindrücklich waren Stimme und Gestalt des Großvaters, der den Segen rief.

Diese gesungene Urmusik ist auch schon öfters auf Tondokumenten festgehalten worden. In geschriebener Form jedoch ist so ein Alpsegen mit all seinen Zwischentönen und den unregelmäßigen Längen nicht einfach zu transkribieren. Der Komponist Alfred Schweizer hat es mit jenem Ruf vom Stoos ob Schwyz versucht. Er hat dazu die Aufzeichnung bewusst eine Terz tiefer notiert, um mit dem einfachen Notenbild in F die Ruhe und Spiritualität des geistlichen Hirtenliedes wiederzugeben.

Erwiesen ist, dass das Singen dieses Segen inzwischen nicht mehr nur Männersache ist. Wie selbstverständlich haben in den letzten Jahrzehnten auch Mädchen und Frauen zum hölzernen Milchtrichter als Verstärker gegriffen – und ihren Ruf über Berg und Tal hallen lassen.

Obwohl das Alpsegenrufen als zeitaufwendiges und anstrengendes Ehrenamt gilt, erklingt der „Bättruef“ in den Alpengebieten der Kantone Appenzell Innerrhoden, des St. Gallischen Sarganserlandes, im luzernischen Entlebuch und in den Kantonen Ob- und Nidwalden, Schwyz und Uri, nach wie vor. Wird sich dieser Brauch erhalten? – Man weiß es nicht. Gelegentlich wird der Vortrag übrigens mit einem Trinkgeld belohnt. Verbürgt ist – in einem Arbeitsrapport für die Alpwirtschaft Ende der Saison 1977 im Muotathal im Kanton Schwyz – dass der Älpler 20 Franken extra wünschte – fürs Alpsegenrufen.

Video vom Betruf: