Den Urknall studieren und wissen, was die Welt zusammenhält

Professor Rolf-Dieter Heuer leitet das europäische Teilchenforschungszentrum in Genf – Wichtige Experimente beginnen

Hamburg (DT/dpa) Von der größten Maschine, die Menschen je gebaut haben, erwartet Rolf-Dieter Heuer nicht weniger als den ersten Schritt in ein geheimnisvolles „Dunkles Universum“. Der 60-jährige Physikprofessor wird zum Jahreswechsel Chef des europäischen Teilchenforschungszentrums CERN bei Genf, wo am Mittwoch der weltstärkste Teilchenbeschleuniger LHC in Betrieb gehen soll. Unter seiner Ägide werden die ersten Ergebnisse der weltgrößten Forschungsmaschine erwartet.

Was hat es mit dem Begriff LHC auf sich? Das gegenwärtige Bild der Physiker vom Universum hat einen gewichtigen Schönheitsfehler. In der derzeit besten Theorie haben die Teilchen unserer Welt keine Masse. Ohne Masse wären jedoch alle Partikel schnell wie das Licht, es gäbe keine Zusammenballungen, keine Atome, keine Sterne, Planeten oder Menschen. Um dieses Dilemma zu lösen, ersannen der britische Physiker Peter Higgs und Kollegen einen Mechanismus, der den Teilchen ihre Masse erteilen soll: Das Universum ist demnach erfüllt von einer Art Sirup, der unterschiedlich stark an den Elementarteilchen klebt und sie somit bremst.

Der Sirup kann der Theorie zufolge auch selbst Klumpen bilden. Nach diesen Klumpen im kosmischen Sirup fahnden nun die Physiker, denn die Beobachtung würde den Higgs-Mechanismus beweisen und damit das sogenannte Standardmodell unserer Welt komplettieren. Zu Ehren von Peter Higgs wurden diese theoretischen Sirupklumpen Higgs-Teilchen getauft. Mit dem weltgrößten Teilchenbeschleuniger LHC hoffen die Forscher also, die Higgs-Teilchen endlich erzeugen zu können.

Denn die Physiker, so erklärt Professor Heuer, verstehen erst vier bis fünf Prozent des Universums, nämlich die sichtbare Welt. „Wir verstehen, wie ein Tisch, die Sterne und so weiter aufgebaut sind.“ Mehr als 95 Prozent des Kosmos bestehen jedoch aus einer unerforschten „Dunklen Energie“ und einer unbekannten „Dunklen Materie“. „Der LHC wird ein Fenster in dieses Dunkle Universum öffnen, hoffe ich. Das finde ich faszinierend. Die Möglichkeit, den ersten Schritt in das Dunkle Universum zu gehen, finde ich ganz fantastisch.“

Befürchtungen, die Teilchenschleuder könnte die Erde dabei in einem Schwarzen Loch versenken, bereiten Heuer keine schlaflosen Nächte. „Ich bin sicher, dass der LHC keine gefährlichen Mini-Schwarzen-Löcher erzeugen kann. Die Existenz der Erde, des Sonnensystems und des gesamten Universums sind für mich der beste Beweis“, sagt der designierte CERN-Generaldirektor. Denn was die Physiker rund hundert Meter unter der Erde im französisch-schweizer Grenzgebiet vorhaben, geschieht im Universum unentwegt und mit viel größerer Wucht als sich je auf der Erde nachstellen lässt.

Der Teilchenbeschleuniger ist für Heuer nicht nur physikalisch ein fesselndes Experiment, sondern auch soziologisch: Tausende Forscher verschiedener Kulturkreise aus aller Welt forschen hier vereint. Die wissenschaftliche Zusammenarbeit kann dabei durchaus als Vorbild für politische Kooperation dienen, betont Heuer: „Am CERN arbeiten etwa Israelis und Palästinenser zusammen, das ist überhaupt kein Problem.“ Wissenschaft war nach seiner Überzeugung immer eine treibende Kraft für die Verständigung unter den Völkern. Die Welt der kleinsten Teilchen und Physik fesselt Heuer schon seit seinem Schülerleben. „Das fiel mir, muss ich gestehen, auch sehr leicht“, sagt der Professor. Die Kernphysik aber, in der er in Heidelberg promovierte, war ihm „nicht vorne genug“ an der Forschungsfront, deshalb wechselte Heuer in die Teilchenphysik. Ihm geht es „um die Faust‘sche Frage, was die Welt im Innersten zusammenhält“, wie er sagt. „Darauf baut das gesamte Wissen der Physik auf.“