Den Opfern gerecht werden

Ausländische Besucher erleben im KZ Sachsenhausen deutsche Geschichte Von Josefine Janert

Ausländische Besucher und Jugendgruppen lernen in der Gedenkstätte des ehemaligen KZ Sachsenhausen deutsche Geschichte hautnah kennen. Foto: dpa
Ausländische Besucher und Jugendgruppen lernen in der Gedenkstätte des ehemaligen KZ Sachsenhausen deutsche Geschichte h... Foto: dpa

Berlin (DT) Grau hängen die Wolken über Oranienburg nördlich von Berlin. Eine Gruppe US-amerikanischer Studenten hat sich in der Gedenkstätte Sachsenhausen angemeldet, die am Rand der Stadt liegt. Die Studenten sind Anfang zwanzig, allesamt angehende Ingenieure einer Hochschule in Los Angeles und auf Besichtigungstour durch Deutschland. Sie waren am Checkpoint Charlie und am Brandenburger Tor. Jetzt werden sie ein Konzentrationslager anschauen. Ja, er habe in der Schule gelernt, was das war, berichtet ein junger Mann: „Aber ich konnte mir nicht vorstellen, wie es da drin aussah.“

Die Nazis richteten das KZ Sachsenhausen schon im März 1933 ein, wenige Tage nach Hitlers Machtantritt. Andersdenkende wurden hier eingepfercht, Gewerkschafter, Juden, Homosexuelle, später auch Kriegsgefangene. Bis zur Befreiung im Frühjahr 1945 waren mehr als 200 000 Menschen inhaftiert. Tausende starben an Hunger, Kälte, Krankheiten und durch den Terror der Wachmannschaften. Heute ist die Gedenkstätte ein beliebtes Ziel für ausländische Touristen, die die deutsche Geschichte zu faszinieren scheint. Trotzdem wissen viele nur wenig darüber. „Die Vorkenntnisse über den Nationalsozialismus sind häufig sehr gering“, sagt Horst Seferens, Sprecher der Gedenkstätte in Sachsenhausen. Eigens um den historischen Kontext zu erklären, halte man für die Besucher dreißigminütige Filme in vier Sprachen bereit. Sie sollen die Geschichte des KZs in Beziehung setzen zu dem, was zur selben Zeit in Deutschland und in Europa geschah. So zeigen sie etwa, wie nach der sogenannten Reichskristallnacht Juden nach Sachsenhausen kamen. Die Filme und anderes Anschauungsmaterial werden eifrig nachgefragt. Bis man einen Termin für eine Führung bekommt, können mehrere Wochen ins Land ziehen.

Die US-amerikanischen Studenten stehen vor dem ehemaligen Lagertor, das in eisernen Lettern zynisch „Arbeit macht frei“ verheißt. „Hier kam keiner frei, nur weil er viel arbeitete“, sagt Sascha Klepzig auf Englisch. Der 31-jährige Student hat einen Nebenjob bei der Gedenkstätte – er führt Gruppen herum. „Für die Einwohner von Oranienburg war es kein Geheimnis, dass sich hier ein KZ befand“, erklärt Klepzig den Studenten. „Schließlich wurden die Häftlinge vom Bahnhof Oranienburg mitten durch die Stadt nach Sachsenhausen getrieben.“ Durch den beginnenden Regen stapfen die Amerikaner über den Appellplatz zu einer der Baracken. Dort sind die Pritschen zu sehen und die sanitären Anlagen, in denen sich einst die Menschen drängelten. Die Wachmannschaften nutzten die Räume mit den Toiletten bisweilen, um Häftlinge zu foltern. Die Studenten machen Fotos. Einer fragt, warum den Gefangenen der Kopf rasiert wurde. Jemand will wissen, ob es im Lager auch Kinder gab. Eine junge Afroamerikanerin erkundigt sich nach Farbigen unter den Naziopfern.

Sascha Klepzig und seine festangestellten Kollegen von der Gedenkstätte hören oft noch ausgefallenere Fragen. So glauben viele ausländische Besucher, dass jedes deutsche KZ automatisch ein Vernichtungslager war. Manche haben die schrecklichen Bilder aus Auschwitz vor Augen. „Sie fragen uns, wo denn hier die Gaskammern waren“, sagt Horst Seferens. Doch in Sachsenhausen starb man auf andere Weise, an den Folgen der Zwangsarbeit, bei Unfällen oder durch die Willkür der SS.

Das Besondere an Sachsenhausen ist, dass es sozusagen ein Museum im KZ ist. Die Besucher können sich anschauen, wie sich der Ort während der DDR-Zeit präsentierte. Von 1961 bis 1990 lautete der offizielle Name „Nationale Mahn- und Gedenkstätte“. Die DDR-Historiker rückten den kommunistischen Widerstand gegen die Nazis und die Kommunisten unter den Häftlingen in den Mittelpunkt. Andere Naziopfer – etwa die Homosexuellen, die Zeugen Jehovas, Sinti und Roma – wurden kaum auf den Ausstellungstafeln bedacht. Bis heute steht an der nördlichen Grenze des Geländes ein Denkmal aus der DDR-Zeit, das politische Häftlinge als zähe Märtyrer darstellt, viel zu wohlgenährt gemessen an dem, was man heute über die Zustände weiß. Völlig verschwiegen wurde der DDR-Bevölkerung, dass sich von 1945 bis 1950 in Sachsenhausen das sowjetische Speziallager Nr. 7 befand. Der sowjetische Geheimdienst internierte in den Baracken, in denen eben noch die Häftlinge aus der Hitlerzeit gehaust hatten, Personen, die man für gefährlich hielt: Nazis und Menschen, die sich bis 1945 Verbrechen schuldig gemacht hatten, jedoch auch Andersdenkende und völlig Unschuldige.

Die heutige Gedenkstätte will den unschuldigen Opfern aus jener Zeit gerecht werden – und zeigt, wie sie untergebracht und von den Bewachern behandelt wurden. Nach dem Ende des Speziallagers im Jahr 1950 geschah auf dem Gelände erst einmal nichts. Erst 1961 wurde die „Nationale Mahn- und Gedenkstätte“ eröffnet. „In den fünfziger Jahren hatten die Leute in Oranienburg erst einmal andere Sorgen“, sagt Sascha Klepzig. „Manche nutzten das Holz der Häftlingsbaracken, um damit ihre eigenen Häuser zu bauen.“