Den Meeren droht Überfischung

Umweltaktivisten schlagen Alarm: Immer mehr Arten sind in ihrem Bestand gefährdet – Streit um die Fangquoten. Von Josefine Janert

Heringsfang an der Ostsee – auch der könnte einmal zu Ende gehen. Foto: dpa
Heringsfang an der Ostsee – auch der könnte einmal zu Ende gehen. Foto: dpa

Würzburg (DT) Umweltaktivisten läuten die Alarmglocken: Immer mehr Fische und Meeresfrüchte sind von Verschmutzungen ihres Lebensraums und vom industriellen Fischfang bedroht. Während früher einzelne Fischer die Tiere quasi in Handarbeit aus dem Wasser zogen und dabei zumeist ihren Lebensrhythmus respektierten, fährt heute eine riesige Flotte über die Ozeane. Ausgestattet ist sie mit moderner Technik. Es gilt, die Tiefkühltruhen in den Industrieländern zu füllen, die Kunden mit immer neuen, exotischeren Gerichten zu überraschen. Pro Person und pro Jahr verzehren die Konsumenten in Deutschland mehr als 16 Kilogramm Fisch und Meeresfrüchte – Tendenz steigend. Das errechneten Mitarbeiter des Fisch-Informationszentrums in Hamburg, das die Unternehmen der deutschen Fischwirtschaft vertritt. Alaska-Seelachs, Hering und Thunfisch mögen die Deutschen dabei am liebsten. Doch Süß- und Salzwasserfisch wird heutzutage von fast überall her herangekarrt. So verspeisen die Konsumenten etwa zusehends öfter Victoriabarsch – einen Fisch aus dem gleichnamigen Süßwassersee in Ostafrika – und Pangasius, der im Mekongdelta in Laos, Vietnam und Kambodscha beheimatet ist.

Der World Wide Fund For Nature (WWF), eine 1961 gegründete Umweltschutzorganisation mit Hauptsitz in der Schweiz, rechnet weiter vor, dass für den globalen Appetit jedes Jahr weltweit rund 90 Millionen Tonnen Tiere aus den Meeren geholt werden. Das sei viel zu viel – rund 77 Prozent der Bestände seien schon gefährdet. „Empfehlungen von Wissenschaftlern, die Fangquoten für Fische und Meeresfrüchte zu senken, werden immer wieder ignoriert“, sagt Karoline Schacht. Die Biologin ist Expertin für die EU-Fischereipolitik beim WWF. Auch die Umweltschutzorganisation Greenpeace warnt. Gefährdet seien nicht allein Delfine, Wale und andere Arten, die im Rampenlicht der Öffentlichkeit stehen und bei den Menschen positive Gefühle auslösen, sondern beispielsweise Miesmuschel und Sardelle, die gleichsam nicht zu den Promis der Meere zählen. Wenn die Enkel der heute Lebenden den Planeten Erde noch mit dem Seeteufel und dem Schwarzen Seehecht teilen sollen, müsse dringend etwas geschehen, so Schacht. Beide Arten sind ebenfalls gefährdet.

Problematisch für die Tiere ist unter anderem das Fischen mit den sogenannten Grundschleppnetzen. Eines oder mehrere Schiffe schleifen diese Netze über den Meeresboden. Dabei werde das Leben in der Tiefe zerstört, bemängeln Umweltaktivisten. Sie kritisieren die sackförmigen Netze auch dafür, dass sie zu viel Beifang aufnehmen. Das sind Tiere, auf die es die Fischer gar nicht abgesehen haben, die aber trotzdem sterben – zum Teil qualvoll. In den Maschen der Grundschleppnetze verfangen sich unter anderem Rochen, Delfine, Haie, Vögel und Schildkröten. Bei manchen Arten ist der Beifang eher gering. Bei wild gefangenen Garnelen werden laut WWF jedoch pro Kilogramm Ware bis zu 20 Kilogramm Beifang wieder über Bord geworfen.

Umweltaktivisten, Wissenschaftler, Politiker und die Lobby des industriellen Fischfangs streiten sich darüber, wieviel Tiere in welchen Teilen der Erde nun gefangen werden dürfen. Dabei stützen sie sich zum Teil auf dieselben Statistiken und Studien, ziehen aber andere Schlussfolgerungen daraus. Dem Kabeljau etwa wollen manche Umweltaktivisten nach der jahrelangen Überfischung der Bestände erst einmal Ruhe gönnen. Vertreter der globalen Fischindustrie meinen aber, dass es in einigen Regionen durchaus genug davon gebe.

In solchen Konflikten setzt sich oft die Industrie durch. Es ist nicht so einfach, über Fische zu verhandeln. Die Tiere sind häufig nicht nur in einem Land zu finden, sondern wandern während ihres Lebens viele Kilometer. Es fehlen internationale Abkommen zu ihrem Schutz – und die bestehenden werden nicht hinreichend umgesetzt. Viel zu viele Mägen wollen gefüllt werden. Beispiel Thunfisch: Er landet auf der Pizza und im Salat, wird zu Sushi und anderen Leckereien verarbeitet. Verglichen mit dem Bestand von 1970 ist dieser um 85 Prozent zurückgegangen. Rund um Malta, vor Spanien, Griechenland und in anderen Regionen des Mittelmeers entstanden gewaltige Thunfisch-Mastanlagen. Fischer holen die Tiere aus dem offenen Meer und befördern sie lebend in die Anlagen, wo sie dick und rund gefüttert werden. Doch der Thunfisch ist ein schlechter Futterverwerter. Der Ertrag pro Kilogramm ist sehr gering.

Hersteller und Händler offerieren den Kunden mehrere Möglichkeiten, den allerschlimmsten Raubbau an der Natur zu verhindern. Eine ist die, Fische aus sogenannten Aquakulturen zu kaufen. In diesen Wassersystemen werden beispielsweise Lachse und Garnelen unter kontrollierten Bedingungen aufgezogen und geerntet, wie Fachleute sagen. Dabei gibt es kaum Beifang, auch die illegale Fischerei, die die Bestände im offenen Meer bedroht, spielt kaum eine Rolle. Doch konventionelle Aquakulturen haben auch Nachteile: Dazu gehört, dass das Meerwasser durch die Ausscheidungen der Tiere und durch Futterreste verunreinigt wird.

Eine weitere Möglichkeit des Verbrauchers, etwas für die Fischbestände zu tun, besteht darin, auf die Siegel und Zertifikate zu achten, die in den vergangenen Jahren eingeführt wurden. Sie sind auf den Verpackungen der Lebensmittel zu finden. Das MSC-Siegel etwa steht für „Marine Stewardship Council“, den Rat zur Bewahrung der Meere. Diese unabhängige und gemeinnützige Organisation wurde 1997 vom Lebensmittelkonzern Unilever und dem WWF gegründet. Das MSC-Siegel soll Umweltstandards sichern und für eine nachhaltige Fischerei sorgen. Dazu gehört, dass die Fischer die Alters- und die genetische Struktur sowie die Geschlechterverteilung der Bestände aufrechterhalten und die Auswirkungen ihrer Arbeit auf das Ökosystem minimieren.

Ein weiteres Siegel stammt von Naturland, einem Verband für den ökologischen Landbau. Es will anzeigen, dass nicht allein auf die Tiere, sondern auch die Arbeiter Rücksicht genommen wird. Betriebe, die von Naturland zertifiziert wurden, zahlen ihren Mitarbeitern einen angemessenen Lohn, ermöglichen gewerkschaftliche Tätigkeit, halten Hygienestandards ein und distanzieren sich von Kinderarbeit. Diese ist in manchen Entwicklungsländern üblich. Für die Fische gilt beispielsweise, dass die Besatzdichte von Aquakulturen artgerecht ist und der Transport von lebenden Tieren höchstens zehn Stunden dauern darf, damit sie keinen Stress erleiden.