Dem Schöpfer sei Dank

Die Frucht der Erde galt schon immer als Gottesgabe. Von Karl-Heinz Wiedner

Sorgfältig bereitet: Ein Erntebild mit Spruch im Allgäuer Wiggensbach. Foto: Mechthild Wiedner
Sorgfältig bereitet: Ein Erntebild mit Spruch im Allgäuer Wiggensbach. Foto: Mechthild Wiedner

Kultische Handlungen um die Ernte kennt man im religiösen Volksglauben schon so lange, wie es überhaupt Ackerbau gibt. Die Griechen opferten der Getreidegöttin Demeter, Römer der Göttin Ceres in jedem Jahr einen Teil des Bodenertrages, um die Götter gnädig zu stimmen. Dämonen und Geister unterschiedlichster Art galt es durch Umritte und Herbstfeuer auf den Feldern zu besänftigen. Die Germanen glaubten an das Gedeihen der Feldfrüchte durch Beschwörung überirdischer Mächte. Nach guter Ernte gebührte Dank dem „Waut“, wie der höchste Gott Wodan einst im bäuerlichen Alltag genannt wurde. Um ihn zu ehren, versammelten sich die Schnitter um die letzten Halme, beteten dabei um Gnade und Nachsicht und flehten ihn an, dass Wodan auf seiner wilden Jagd die Felder verschonen möge. Den „Kornkatzen“ und „Roggenmuhmen“ wurde im Mittelalter der ihnen zugesprochene Anteil an der Ernte gleich auf dem Feld reserviert. Deshalb verblieben die letzten Ähren und Rüben auf dem Acker, während einige Äpfel und Birnen gar nicht erst von den Bäumen geschüttelt wurden.

Die Christenheit räumte mit zahlreichen heidnischen Bräuchen aus den Anfängen der Menschheit auf und verlegte die Erntedankgebete in die Kirchen. Der bekannte Pfarrer Ludwig Gschwind formulierte es so: „Wenn die Felder abgeerntet waren, richtete sich der Blick auf den Schöpfer. Daran hat sich im Grunde über Jahrhunderte hinweg nichts geändert.“ Noch vor einhundert Jahren schlossen sich an den Gottesdienst „weltliche Erntedankfeiern“ an, die fast überall bei der Landbevölkerung zum Bauernfest der Herrschaft und auch des Gesindes wurden. Die Freude über volle Scheuern und Vorratskammern vereinte nach der Einbringung des Korns und der Schlachtung alle Teilnehmer bei Tanz und Musik zum mehrtägigen Festschmaus. Dabei durfte jedermann „bis zum Gürtelsprengen“ soviel verzehren und trinken, wie er vertrug. Knechte, Mägde und Erntehelfer erhielten ihren Lohn zum Teil in Naturalien, sonst aber in Münzen, die auf vielen gleichzeitig stattfindenden Vergnügungen auf der Kirmes sogleich wieder ausgegeben werden konnten.

Weil viele dieser Festlichkeiten in benachbarten Dörfern zu den unterschiedlichsten Terminen stattfanden und die daraus resultierende „ständige Völlerei“ der Obrigkeit mit der Zeit missfiel, bestimmte der Preußenkönig Friedrich der Große „in seiner evangelischen Mark Brandenburg“ im Jahre 1773 fortan endgültig den ersten Sonntag im Oktober als Erntedanktag. Auf eine entsprechende Regelung warteten die katholischen Gläubigen noch bis ins Jahr 1972, als die Katholische Bischofskonferenz ebenfalls das seit dem 3. Jahrhundert n. Chr. in der katholischen Kirche belegte Erntedankfest als besondere Erntedankfeier in den Gottesdienst am ersten Oktobersonntag aller Gemeinden integrierte.

Zu diesem Tag des Dankes für die reiche Ernte der Feldfrüchte an den Schöpfer und viele Bauernheilige, wie St. Urban, Bartholomäus, Mauritius oder den Erzengel Michael, werden die Gotteshäuser beider Konfessionen festlich herausgeputzt. Insbesondere trifft das auf die katholischen Gemeinden Süddeutschlands zu, wo die Altäre recht üppig mit Bildteppichen aus Blüten und Samen, Blumen, Obst, Getreide und vor allem dem „täglich Brot“ versehen werden.

Eines der vielen bäuerlichen Gebete lautet beispielsweise: „Danket St. Urban, dem Herrn, er bringt dem Getreide den Kern“, das den christlichen Gottesdienst begleitet und davon zeugt, dass in der Volksfrömmigkeit schon immer das Beste und Schönste gerade gut genug für den Herrgott und die heiligen Schutzpatrone ist. Außerdem schmückt man zu Erntedank auch im Allgäu die Altäre der Kirchen und Kapellen nicht nur mit Dahliensträußen, Astern, Sonnenblumen, Korn, Obst, Kürbissen, Zwiebeln, Kartoffeln, riesigen Brotlaiben, Honig und buntem Herbstlaub.

In vielen katholischen Gemeinden legen Frauen- und Jugendgruppen oder Gemeindehelferinnen in wochenlanger Arbeit großformatige Bildteppiche oder sorgfältig gestaltete Mosaike mit frommen Motiven vor den Altar. Die Gemeindemitglieder sammeln dafür in großer Menge Samenkörner und Nüsse, Ähren, bunte Beeren aller Art, Hülsenfrüchte, Hagebutten oder Mohnkapseln. Äpfel, Birnen, Pflaumen, Quitten, Kürbisse und Trauben, Kartoffeln, Zwiebeln, Tomaten sowie manches, was der letzte Herbststurm in Form von Eicheln, Bucheckern oder Kastanien von den Bäumen schüttelte und was sich für Erntedankbilder verwenden oder auch mit etwas Geduld und Geschick für einige Tage seitlich des Altars aufbauen lässt.

Die fleißigen Bildgestalter wählen lange vor dem Feiertag nach manch harter Diskussion ein passendes christliches Motiv, etwa den Verlauf des Jakobsweges, auf dem sogar Pilger zu erblicken sind. Man legt für jeden Teppich ideenreich und fingerfertig zunächst die Umrisse der fast künstlerischen Darstellungen aus Blättern, Obst- oder Gemüsefrüchten auf großen Spanplatten aus und bedeckt dann die Flächen sorgfältig mit bunten Herbstfrüchten. „Geduld und eine ruhige Hand sind ebenso Voraussetzungen für das Gelingen dieser überdimensionalen christlichen Naturbilder, wie man einen Blick dafür haben muss, aus den vorhandenen Materialien alle Schattierungen kontrastreich zu gestalten“, heißt es erläuternd bei den „Teppichfrauen“.

Die Platte mit dem darauf befestigten Erntesegen wird am Wochenbeginn vor dem Erntesonntag behutsam vor dem Altar ausgebreitet und durch Brotlaibe, Weizenzöpfe und vielerlei Brötchen ergänzt. In manchen Gotteshäusern haben sich bis in die Gegenwart zum ersten Sonntagsgottesdienst im Oktober noch Ährenkränze und Erntekronen als Schmuck erhalten. Sie werden über dem Altar befestigt und symbolisieren Fruchtbarkeit und den Dank der Gemeinde für eine reiche Ernte. „In manchen katholischen Kirchen der ländlichen Gemeinden“, so verrät einer der Pfarrer, „segnet der Geistliche besonders die großen, runden Bauernbrote, die eigens von den Bäckern oder Hausfrauen zu Erntedank mit eingebackenen Textstellen aus dem Vaterunser versehen werden.“

Der Erntedankgottesdienst Anfang Oktober ist jedoch in evangelischen und katholischen Kirchen und Kapellen der größeren Orte, aber auch vielerorts auf dem Land heutzutage häufig nur noch zu einem symbolischen Ritual mit anschließendem Rummel geworden. Je festlicher er jedoch vorbereitet und gestaltet ist, umso mehr wird es für die Landbevölkerung zur Genugtuung, wenn all ihre aufgewendete Mühe und Arbeit mit einer guten Ernte und dem Dank der Gemeinde belohnt wurde. Die Städter aber können sicher sein, dass durch eine zufriedenstellende Ernte nicht nur für „unser täglich Brot“ gesorgt ist.

„Der Abschluss der Ernte bot schon immer Anlass zu Dank und Feiern“, ergänzt der Theologe Dr. Manfred Becker-Huberti. „Allen Religionen ist eigen, dass sie die Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit, wie es in jeder Eucharistiefeier heißt, als Gottesgeschenk betrachten.“