Das ganz andere Grandhotel

Das Augsburger „Cosmopolis“ beherbergt als „soziale Skulptur“ Reisende, Flüchtlinge und Künstler. Von Gerd Felder

Zu einem Grandhotel wie dem „Cosmopolis“ gehören noch „richtige“, klassische Koffer, die allerdings selbst befördert werden müssen. Foto: Felder
Zu einem Grandhotel wie dem „Cosmopolis“ gehören noch „richtige“, klassische Koffer, die allerdings selbst befördert wer... Foto: Felder

Es ist ein Grandhotel im klassischen Sinn, und doch ist hier alles anders. Im Augsburger Grandhotel Cosmopolis leben „Gäste mit Asyl“ aus aller Herren Länder mit Reisenden auf Zeit unter einem gemeinsamen Dach. Das Haus beherbergt auf drei der sechs Stockwerke eine Flüchtlingsunterkunft der etwas anderen Art, denn die Gäste wohnen hier nicht abgeschottet und separiert, sondern teilen die Stockwerke mit Künstlern, Kreativen, Hotelgästen und den Hoteliers.

Die Bezeichnung „Grandhotel“ erinnert an die große Kultur der alten Hotels als Orte der Zusammenkunft. Und tatsächlich ist über die Eingangstreppe ein roter Teppich ausgebreitet, und die Besucher und Gäste werden wie in guten alten Zeiten von Concierges in rot-goldenen Anzügen in Empfang genommen. Doch die Uhren über der Bar im Eingangsfoyer ticken im wahrsten Wortsinn anders: Statt der aktuellen Zeit in New York und Paris zeigen sie, wie spät es in Lampedusa und anderen Krisenherden der Welt ist. Das Grandhotel Cosmopolis soll nach den Vorstellungen der Initiatoren so etwas wie ein gesellschaftliches Gesamtkunstwerk im Augsburger Domviertel sein und Akzente für ein friedliches Zusammenleben in der modernen Stadtgesellschaft setzen.

Das Cosmopolis hat eine bewegte Vorgeschichte. 1963 gebaut, wurde das Haus bis 2007 von der Diakonie Augsburg als Altenheim genutzt und stand dann leer. Fast gleichzeitig suchten ein paar Künstler Räume, und die Regierung des Bezirks Schwaben hatte zu wenige Asylbewerber-Unterkünfte. Da hatten Sebastian Kochs, der Architekt Michael Adamczyk und der Kulturmanager Georg Heber die Idee, alles unter einem Dach zusammenzuführen, und entwarfen ein „Konzept für eine soziale Skulptur in Augsburgs Herzen“, also für ein Haus, in dem Asylbewerber, Künstler und Hotelgäste miteinander leben. Anfangs waren die Nachbarn misstrauisch, und bei den ersten Infoveranstaltungen waren fremdenfeindliche Äußerungen zu hören. Auch die staatlichen Einrichtungen standen dem Konzept „Alle unter einem Dach“ skeptisch gegenüber. Das änderte sich erst schrittweise, als die Diakonie im Herbst 2011 probeweise den Schlüssel übergab und sah, dass es funktionierte, und als die Stadt 2012 den Umbau erlaubte. Das Projekt zog schnell freiwillige Helfer an. Mehr als 100 000 Arbeitsstunden steckten die „Hoteliers“, wie sie sich nennen, ins Grandhotel; die Diakonie als Eigentümer und Nachbar schoss 350 000 Euro zu. Im Sommer 2013 zogen dann die ersten Flüchtlinge ein; drei Monate später waren 17 Zimmer für die normalen Hotelgäste fertig. In der darauf folgenden Zeit gab es immer wieder Ärger und Diskussionen zwischen Hoteliers und Behörden: über die Umbauten, über die Einrichtung der Zimmer und nicht zuletzt über die Frage, ob die Asylbewerber im Haus mitarbeiten dürfen oder nicht. Von den Flüchtlingen im Grandhotel waren und sind nämlich viele über sogenannte „sichere Drittstaaten“ nach Deutschland gekommen, konnten und können also abgeschoben werden. Trotz aller Schwierigkeiten aber hat es laut Georg Heber bisher noch keine Abschiebung gegeben. „Wir haben gekämpft und neue kreative Wege gefunden“, berichtet er auf Nachfrage. „Inzwischen haben wir mit den Behörden eine diplomatische Übereinkunft getroffen.“

Heute gilt das Grandhotel vielen als bundesweites Modell- und Leuchtturmprojekt. Die Diakonie ist Hauseigentümerin und kümmert sich um die Flüchtlingsberatung. Die unterschiedlichen Teilbereiche des Gebäudes werden von zwei verschiedenen Parteien gemietet: Die Regierung von Schwaben ist Mieter der Hotelbereiche mit Asyl, der gemeinnützige Verein Grandhotel Cosmopolis e.V., der die Idee entwickelt hat, ist Mieter des Hotels ohne Asyl, der Bürgergaststätte, der Ateliers und der Café-Bar. Das ungewöhnliche Konzept des Hauses beruht auf dem erweiterten Kunstbegriff des Künstlers Joseph Beuys, den er in seiner „Theorie der sozialen Skulptur“ (oder „sozialen Plastik“) dargestellt hat: Danach entwickelt der Mensch durch Denken, selbstständiges Handeln und Sprache neue, soziale Strukturen. „Nur durch aktive Partizipation wird das Grandhotel bestehen können“, sind die Initiatoren um Georg Heber überzeugt. Heber und sein Team von insgesamt etwa 40 Personen arbeiten zugleich zielstrebig für ein Ziel: ein funktionierendes Hotel auf sechs Stockwerken und rund 2 600 Quadratmetern. In der zweiten, dritten und vierten Etage sind Zimmer für insgesamt 60 „Gäste mit Asyl“ geplant; auf fünf Geschossen sind Ateliers für Künstler untergebracht, die am Hotel mitarbeiten, dazu Räume für die Flüchtlingsorganisation „Tür an Tür“. Im Souterrain entsteht ein Restaurant, im sechsten Stock eine Galerie und auf drei Etagen Zimmer für „Gäste ohne Asyl“, samt und sonders von unterschiedlichen Künstlern gestaltet. Was noch Baustelle ist, was fertig ist und was schon Kunst, ist selten eindeutig zu unterscheiden.

Die Radio-Manufaktur im dritten Stock des Grandhotels gibt es seit Februar 2014; ihre Spezialität sind Reparatur und Restauration edler Vintage-Audio-Geräte, Plattenspieler, Verstärker und Receiver aus den besten Jahren der High-Fidelity. Radio- und Fernsehtechniker-Meister Wolfgang Reiserer, der über 25 Jahre Berufserfahrung auf dem Buckel hat, ist überzeugt: „Die Weltrettung findet auch in der Radio-Manufaktur statt. Oft können Geräte mit geringem Materialaufwand repariert werden.“ Ebenfalls im dritten Stock befindet sich das Kreativbüro „Grand Graphics“, in dem ein Großteil der Gestaltung für das Grandhotel Cosmopolis entsteht: Das Graphikteam um Jutta Geisendorfer und Marina Grimme entwirft ausgefallenes Design direkt an Ort und Stelle. Darüber hinaus gibt es einen Backzirkel, der für alle offen ist, die gerne backen oder es lernen möchten; er beliefert die Café-Bar mit veganen Kaffeekeksen, Schokocookies und Crackern und sorgt an den Wochenenden für einen abwechslungsreich gefüllten Kuchen-Kühlschrank. Neben wechselnden Ausstellungen in der Lobby hat das Grandhotel außerdem eine große Vielfalt an Live-Konzerten, Lesungen, Theater- oder Filmvorführungen zu bieten.

Langfristig soll sich das Projekt selbst tragen

Immerhin: In dem eigenwilligen, auf den Besucher manchmal chaotisch wirkenden Zusammensein von Künstlern, Studenten, sozial Engagierten und Flüchtlingen ist inzwischen so etwas wie Organisation erkennbar. „Wir haben verschiedene Arbeitsbereiche und Koordinationsstellen eingerichtet und alle in verschiedene Schichten eingeteilt“, erklärt Georg Heber auf Nachfrage. „Das läuft immer besser. Mehr Organisation macht auch frei.“ Rund 10 000 Euro an Kosten fallen laut Heber für den monatlichen Betrieb des Hauses an. Innerhalb von zwei Jahren aber sei es immerhin gelungen, aus eigener Kraft zehn feste Angestellten-Stellen einzurichten, so der Initiator. Langfristig soll sich das Projekt selbst tragen: mit Spenden, mit Fundraising und über eigene Einnahmen. Über Café und das fast ständig ausgebuchte Hotel, die laut Heber sieben Tage in der Woche geöffnet sind, kommt bereits Geld herein, „wir müssen allerdings aufpassen, dass es uns nicht alles zuviel wird“. Bewährt hat sich, dass es jetzt Richtpreise für die Zimmer gibt und nicht mehr nur um Spenden gebeten wird.

Dementsprechend begeistert zeigt sich auch Fritz Graßmann, Theologischer Vorstand der Diakonie Augsburg: „Meine positive Einschätzung hinsichtlich des Grandhotels hat sich noch gesteigert – einfach weil ich jetzt sagen kann, dass es offenbar funktioniert“, erklärt er auf Anfrage der „Tagespost“. „Ich kenne mittlerweile viele Flüchtlingsunterkünfte, aber das Grandhotel ist ein Musterbeispiel an Willkommenskultur, weil es die Flüchtlinge völlig selbstverständlich in die Mitte nimmt und sie doch nicht vereinnahmt.“ Dabei spielt nach Graßmanns Einschätzung eine große Rolle, dass das Grandhotel nicht allein eine soziale Einrichtung ist, wie die Diakonie es wohl „normalerweise“ angelegt hätte, wenn sie den Verein nicht als Partner gehabt hätte, sondern eine „soziale Skulptur“, die ebenso sehr ihre Identität aus künstlerischen und kreativen Motivationen zieht. „Dadurch entsteht eben kein Betreuungspaternalismus“, hebt Graßmann hervor. „Als Diakonie beraten wir weiterhin die Asylbewerber und haben mittlerweile auch die Hausmeistertätigkeiten und – in Absprache mit der Regierung von Schwaben – probeweise die Heimleitung übernommen. Daneben lassen wir dem Projekt aber auch seine Ruhe.“ Von so viel frischem Wind wie im Grandhotel Cosmopolis könne die Diakonie letztlich nur profitieren, so Graßmann.