Das Wunder von Arquata

Ein Erdbeben erschütterte das Städtchen in Umbrien – Geweihte Hostien überstanden es. Von Michael Hesemann

Keine Zersetzung, kein Schimmel: die konsekrierten Hostien. Foto: MH
Keine Zersetzung, kein Schimmel: die konsekrierten Hostien. Foto: MH

Es war das stärkste Erdbeben in Italien seit fast vier Jahrzehnten. Am Sonntag, dem 30. Oktober 2016 wurde die Region um Norcia in Umbrien von mehreren Erdstößen erschüttert, deren heftigster 6,6 auf der Richterskala erreichte. Am stärksten betroffen war das mittelalterliche Appeninenstädtchen Arquata del Tronto, das schon bei einem früheren Beben im August schwer beschädigt worden war. „Arquata gibt es nicht mehr“, meldete sein Bürgermeister Aleandro Petrucci den Bundesbehörden. Die Heimat von 1 100 Menschen, einst von Karl dem Großen und Franz von Assisi besucht, war nur noch ein Trümmerhaufen. Seine tausendjährige Pfarrkirche „Santa Maria Assunta“ mit ihrem kostbaren Kruzifix im byzantinischen Stil aus dem 13. Jahrhundert war eingestürzt. Bei den anschließenden Bergungsarbeiten wurde der etwas angeschabte, aber ansonsten unversehrte Tabernakel der Kirche gefunden und erst einmal mit anderen Kunstgegenständen in ein Magazin der Carabinieri gebracht, wo er zunächst in Vergessenheit geriet.

Erst im Ende Februar 2018, fast genau 16 Monate nach der Naturkatastrophe, bat ein Vertreter des Bistums Ascoli Piceno, zu dem Arquata gehört, um Zugang zu den sichergestellten Gegenständen. Don Angelo Cianciotti, Administrator der Dompfarre von Ascoli Piceno, stammt aus der zerstörten Stadt und wollte inspizieren, was von seinem Heimatort noch übrig war. Auf der Suche hatte er von dem Depot der Carabinieri erfahren. Im Beisein der Beamten entdeckte er inmitten der sichergestellten Gegenstände auch den Tabernakel. Er war verschlossen, doch Don Angelo machte einen Ersatzschlüssel ausfindig und konnte ihn öffnen. Dabei stellte er fest, dass sich in seinem Innern noch das vergoldete Ziborium befand, in dem die konsekrierten Hostien außerhalb der Heiligen Messe aufbewahrt werden. Das kelchförmige Gefäß war zwar umgefallen, doch mit einem Deckel verschlossen. In ihm lagen 40 völlig intakte, konsekrierte Hostien. Keine Zersetzung, kein Schimmel, nichts deutete darauf hin, dass sie 16 Monate alt waren. Die hl. Eucharistie war in Farbe, Form und Aussehen unverändert, es war keinerlei Feuchtigkeit oder Moder feststellbar.

„Hostien beginnen nach ein paar Wochen zu verderben“, erklärte Don Angelo, der seine Tränen kaum zurückhalten konnte, als ihn die Journalisten befragten, „doch hier war der Leib Christi nach anderthalb Jahren noch intakt, sowohl in der Farbe wie auch in Form und Geruch. Kein Bakterien- oder Schimmelbefall, wie das sonst häufig vorkommt. Ich fragte die Nonnen von Sant'Onofrio, die sie gebacken hatten, ob künstliche Zusätze benutzt wurden. ,Nein, nur Mehl und Wasser‘, antworteten sie mir. Für mich ist das ein Wunder.“ Dann zitierte er spontan aus einem Lied der katholischen Jugend: „Jesus sagt: ,Ich bin da, ich bin mitten unter euch. Vertraut mir‘“.

„Das Wunder von Arquata“, titelte die lokale Presse und auch die katholische Tageszeitung „Avvenire“ berichtete. „Das ist etwas, was uns sehr bewegt“, zitiert sie den Bischof von Ascoli Piceno, Msgr. Giovanni D'Ercole, „es ist ein Zeichen der Hoffnung, das uns berührt und unseren Glauben stärkt. Auch Jesus ist, wie wir alle, Opfer des Erdbebens geworden, aber er ist unversehrt aus den Ruinen auferstanden.“

Ähnliches Wunder vor 300 Jahren in Siena

Tatsächlich erinnern die unversehrten Hostien von Arquata an ein kirchlich beglaubigtes Eucharistisches Wunder, das sich drei Jahrhunderte früher im italienischen Siena ereignete. Als am 14. August 1730, dem Fest Mariä Himmelfahrt, die ganze Stadt und der Klerus im Dom versammelt waren, um die Vigil des Hochfestes zu feiern, drangen Diebe in die örtliche Franziskanerkirche ein. Sie brachen den Tabernakel auf und entwendeten das goldene Ziborium, in dem die geweihten Hostien verwahrt wurden. Der Diebstahl blieb unbemerkt bis zum nächsten Morgen, als die Franziskanerpatres den Tabernakel öffneten, um bei der Festmesse die Heilige Kommunion zu spenden. Als später ein Gemeindemitglied den Deckel des Ziboriums auf der Straße fand – er war wohl bei der Flucht heruntergefallen – hatte man Gewissheit, dass ein Sakrileg stattgefunden hatte. Sofort wurden alle Feierlichkeiten abgesagt, ordnete der Erzbischof stattdessen ein öffentliches Sühnegebet an, während sich die Wachleute der Stadt auf die Suche nach den geweihten Hostien und den Dieben des Ziboriums machten.

Zwei Tage später, am 17. August, bemerkte ein Priester der Kirche S. Maria di Provenzano, wie etwas Weißes in seinem Opferstock schimmerte. Als er ihn öffnete, stellte er fest, dass es Hostien waren, von der gleichen Größe und Einprägung wie jene, die in der Franziskanerkirche Verwendung fanden. Auch die Zahl entsprach dem, was die Bettelmönche vermissten: 348 ganze Hostien und sechs halbe.

Da der Opferstock nur einmal im Jahr geöffnet wurde, hatten sich in seinem Inneren Staub, Schmutz und Spinnweben angesammelt, die erst einmal von den geweihten Hostien entfernt werden mussten. Dann trug man sie in feierlicher Prozession wieder in die Franziskanerkirche. Dort wurden sie aus hygienischen Gründen – wegen besagter Verschmutzung – nicht mehr an die Gläubigen verteilt. Doch weil sie konsekriert waren, durfte man sie auch nicht entsorgen; sie mussten nach den Regeln der Kirche ihrem natürlichen Zerfall überlassen werden.

Zur großen Überraschung der Franziskaner fand ein solcher aber nicht statt. Die Hostien lösten sich nicht etwa auf, sondern wirkten noch nach Jahren frisch wie am ersten Tag. Statt zu verfaulen, begannen sie, einen Wohlgeruch auszuströmen. Fünf Jahre nach dem Diebstahl, am 14. April 1780, untersuchte eine Kommission unter Leitung des Generalministers der Franziskaner, Pater Carlo Vipera, die Hostien und fand sie noch immer frisch und unvermodert vor. Ihre Anzahl war mittlerweile auf 230 zurückgegangen, weil die Franziskaner immer wieder Einzelne verschenkt hatten. Der Generalminister ordnete an, sie in ein versiegeltes Ziborium zu legen und verbot eine weitere Verteilung.

Eine zweite Untersuchung 1789 durch Erzbischof Tiberio Borghese bestätigte den Befund. Zum Vergleich ließ der Bischof mehrere ungeweihte Hostien in ein versiegeltes Kästchen stecken und in seiner Kanzlei verwahren. Als man dieses 1850, nach 61 Jahren, wieder öffnete, waren von den ungeweihten Hostien nur noch gelbliche Partikel vorhanden, während die mittlerweile 120 Jahre alten geweihten Hostien nach wie vor frisch wirkten.

1914 wünschte Papst Pius X. eine dritte Untersuchung. Dazu berief der Erzbischof Biologen und Chemiker der Universitäten von Siena und Pisa. Säure- und Stärketests ergaben, dass es sich ursprünglich um gewöhnliche Oblaten gehandelt hatte. Es gab keine Hinweise auf eine künstliche Konservierung. Unter normalen Bedingungen und der Einwirkung von Mikroorganismen können Hostien aus ungesäuertem Teig höchstens ein paar Jahre intakt bleiben. Für das, was sie in Siena vorfanden, hatten die Experten keine Erklärung. „Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus ist das höchst ungewöhnlich“, schloss ihr Bericht. Später erklärte einer von ihnen, Siro Grimaldi, Professor für Chemie an der Universität von Pisa und Direktor des städtischen Chemielabors: „Dieses einzigartige Phänomen setzt das Naturgesetz der Lebensdauer organischem Materials außer Kraft. Diese Tatsache ist einzigartig in den Annalen der Wissenschaft.“ Eine vierte Untersuchung 1922 kam zu keinem anderen Ergebnis. Auch die heutige Wissenschaft hat keine Erklärung dafür, wie diese Hostien drei Jahrhunderte überdauern konnten. Noch heute sind sie völlig unversehrt. Könnte sich in Arquata ein ähnliches Wunder ereignet haben?

Vom Autor ist aktuell das Buch „Menetekel“ (Bonifatius-Verlag) erschienen, das sich auch Eucharistischen Wundern aus aller Welt widmet.