Das Überleben durch Pakete sichern

Medikamenten-Hilfswerk „action medeor“ setzt neben Projekten zur Soforthilfe auf längerfristige Unterstützung

Würzburg (DT) Mehr als drei Jahre sind vergangen, seitdem eine Riesenwelle die Welt erschüttert hat. Gleich acht Länder erreichte die Flutwelle in ihrer ersten Phase. Ganze Landstriche in Thailand, Sri Lanka, Indien, Malaysia, Bangladesch und Indonesien werden völlig verwüstet. Acht Stunden später gelangte die Flut an die Ostküste Afrikas und setzte in Somalia, Tansania, Kenia, Südafrika, Madagaskar und auf den Seychellen ihr Zerstörungswerk fort. Stündlich mussten die Zahlen der Opfer nach oben korrigiert werden, erst nach Tagen zeigte sich, dass insgesamt 231 000 Menschen dem Tsunami zum Opfer gefallen waren. In den betroffenen Ländern war kaum jemand auf eine Katastrophe von diesem Ausmaß vorbereitet: Vielfach war man nicht in der Lage, ins Katastrophengebiet zu gelangen, um den Verletzten zu helfen und vielleicht noch Leben zu retten. So waren viele der betroffenen Länder auf internationale Hilfe angewiesen.

„Aktion Deutschland hilft“ heißt das Bündnis aus zehn deutschen Hilfsorganisationen, die wirkungsvoll vor Ort Hilfe leisteten. Die Versorgung mit Medikamenten und Arzneien übernahm dabei die „action medeor“. Die 1964 gegründete Hilfsorganisation ist heute das größte europäische Medikamenten-Hilfswerk. In Zusammenarbeit mit einheimischen Partnern versorgt „action medeor“ inzwischen rund zehntausend Gesundheitsstationen mit Arzneimitteln und medizinischen Geräten in hundertvierzig Ländern der Erde.

Eine wichtige Aufgabe von „action medeor“ bei der Hilfsaktion nach der Tsunami-Katastrophe bestand im Zusammenstellen von Medikamenten für die sogenannten Health-Kits. Ein „Health-Kit“ ist ein neunhundert Kilogramm schweres, aus fünfundzwanzig Einzelpaketen bestehendes Gesundheitsset, das diejenigen Medikamente enthält, die auf der Liste der Weltgesundheitsorganisation WHO als unverzichtbar für die Basisgesundheitsversorgung verzeichnet sind. Dazu gehören Schmerzmittel, Antibiotika und Medikamente zur Rehydration nach Durchfallerkrankungen. Es leistet also erste Überlebenshilfe. Darüber hinaus enthält ein „Health-Kit“ medizinische Einwegartikel und Instrumente, mit deren Hilfe bis zu zehntausend Menschen drei Monate lang medizinisch versorgt werden können. Mit einem viertausend Quadratmeter großen Medikamentenlager und einer ständigen Bevorratung von dreihunderttausend Mediamentenbehältern sind die Mitarbeiter von „action medeor“ in der Lage, die erforderlichen Arzneimittel und Instrumente innerhalb kürzester Zeit in die Katastrophengebiete zu senden. Partner vor Ort sorgen dafür, dass die Hilfe rasch zu den Menschen gelangt, die sie benötigen.

Mittlerweile hat sich die Katastrophenhilfe in den vom Tsunami zerstörten Gebieten zur Wiederaufbauhilfe gewandelt. Mehr als 108 Millionen Euro hat „Aktion Deutschland hilft“ seit dem Ausbruch des Tsunami am 26. Dezember 2004 an seine Mitgliedsorganisationen weitergeleitet. Mit dem Geld konnten 144 Projekte realisiert werden, weitere 8, 5 Millionen Euro sind fest eingeplant.

Dabei stattet „action medeor“ unter anderem die Gesundheitseinrichtungen einer indischen Partnerorganisation seines Partners „Arbeiterwohlfahrt International“ mit Medikamenten und medizinischem Equipment aus. Die indische Hilfsorganisation „Life Help for the Handicapped“ baut in einem Küstengebiet im indischen Bundesstaat Tamil Nadu ein integriertes Schul- und Gesundheitszentrum auf. In dieser abgelegenen und geographisch isolierten Region entsteht eine Notfallklinik mit sechs Betten und einem Krankenwagen. Die Gesundheitsversorgung der ganzen Projektregion soll mit Hilfe der Medikamente und der Ausstattung von „action medeor“ sichergestellt werden. Noch bis zum Jahr 2009 plant „action medeor“ Wiederaufbau- und Nachfolgeprojekte mit seinen lokalen Partnern, um den Menschen in der Tsunami-Region auf lange Sicht einen sicheren Zugang zur Gesundheitsversorgung zu ermöglichen.

Neben Projekten zur längerfristigen Hilfe gehen die Projekte zur Soforthilfe weiter. Mitte November etwa fegte der Wirbelsturm Sidre mit zweihundertvierzig Stundenkilometern über Bangladesch hinweg und überschwemmte mit einer Flutwelle ganze Dörfer. Weite Teile der Infrastruktur im Süden des Landes wurden zerstört. Über dreitausendfünfhundert Menschen kamen bei der Katastrophe ums Leben. Von den drei Millionen Menschen, die von der Katastrophe betroffen waren, hat knapp die Hälfte kein Dach mehr über dem Kopf.

Verheerende Katastrophen, die im Stillen vor sich gehen

„Tausende Wellblechhütten sind in dem am stärksten betroffenen Distrikt Barguna zerstört, ganze Dörfer teilweise bis zu 95 Prozent“, erklärte die Koordinatorin der Ärzteorganisation „humedica“, eine Partnerin von „action medeor“. Telefon- und Stromleitungen seien zerstört, Bäume entwurzelt. „Die Menschen haben ihr ganzes Hab und Gut verloren und wohnen am Straßenrand in Hütten, die sie sich aus Matten selbst notdürftig zusammengebaut haben.“ Rasch und wirkungsvoll konnte „action medeor“ helfen: Anfang Dezember 2007 hatte das Hilfswerk bereits Medikamente im Wert von dreißigtausend Euro nach Bangladesch gesandt.

In den vierzig Jahren seines Bestehens hat das Hilfswerk eine kräftige Entwicklung vollzogen. Im Jahr 2006 verschickte „action medeor“ weltweit 412 Tonnen Arzneimittel und medizinische Geräte in einem Warenwert von insgesamt 8, 18 Millionen Euro, der Wert der verspendeten Waren lag dabei bei 2, 8 Millionen Euro.

Die Wiederaufbauarbeit in den Gebieten, die vom Tsunami zerstört wurden, zeigt, dass sich das Hilfswerk neben der Not- und Katastrophenhilfe auch in längerfristigen Projekten engagiert. So fördert „action medeor“ für eine Dauer von bis zu drei Jahren Projekte in Entwicklungsländern, die von lokalen Organisationen an Ort und Stelle umgesetzt werden. Neben dem Aufbau einer medizinischen Infrastruktur liegt der Schwerpunkt dabei in der Aus- und Fortbildung einheimischer medizinischer Fachkräfte. Darüberhinaus bilden Aufklärungskampagnen und der Kampf gegen die drei großen Krankheiten AIDS, Malaria und Tuberkulose einen wichtigen Teil der Arbeit des Hilfswerks. Eindringlich wird darauf hingewiesen, dass allein in Tansania jährlich mehr als achtzigtausend Kinder unter fünf Jahren an Malaria sterben – verheerende Katastrophen, die im Stillen vor sich gehen und das spektakuläre Schadensausmaß der Tsunami-Katastrophe von 2004 bei weitem übersteigen.