Würzburg

Das Schloss am Todesstreifen

Die Familiengeschichte der Freiherrn von Lüninck auf Schloss Rothestein ist engstens mit der deutsch-deutschen Geschichte verwoben.

Georg Freiherr von Lüninck
Dankbar: Georg Freiherr von Lüninck. Foto: priv.

Zu Weihnachten 1989 versammelte sich die Familie vor einem etwa 60 Zentimeter hohen Weihnachtsbaum. In den Jahrzehnten davor hatte sich die Familie stets vor einem etwa fünf Meter hohen Weihnachtsbaum versammelt. Der imposante Baum kam dann immer aus den eigenen Wäldern und wurde in einem Salon des großräumigen Schlosses aufgestellt. Dieses Mal jedoch kam das Tannenbäumchen aus einem Wald jenseits der innerdeutschen Grenze und stand in einer kleinen Wohnung unterhalb des einstigen Familienschlosses.

Das Familienschloss auf der innerdeutschen Grenze

Das Jahresende 1989 markiert für Georg Freiherr von Lüninck einen schicksalhaften Einschnitt in der Chronik seiner Familie. Denn das wenige Wochen zuvor verkaufte Familienschloss Rothestein, etwas außerhalb von Bad Sooden-Allenstein gelegen, stand fast genau auf jener innerdeutschen Grenze, die Europa jahrzehntelang in zwei Blöcke teilte. „Mit der Teilung Deutschlands bin ich aufgewachsen, sie prägte unseren Alltag.“

Höchst emotional ist für ihn die Erinnerung an jenen 9. November 1989. „Dieser Tag war sehr aufwühlend und wird mich mein Leben lang beschäftigen.“ Um 12 Uhr hatte er den Schlüssel für Schloss Rothestein an den neuen Besitzer abgegeben. Wenige Stunden später saß er in seinem neuen Zuhause vor dem Fernseher und verfolgte kurz vor 19 Uhr die Übertragung jener Pressekonferenz, als Günter Schabowski, Mitglied des Zentralkomitees der Deutschen Demokratischen Republik (DDR), auf die Frage nach dem Beginn der neuen Regelungen für den innerdeutschen Reiseverkehr stammelte: „Das tritt nach meiner Kenntnis, ist das sofort, unverzüglich.“ Lüninck wollte zunächst nicht glauben, was er da sah und hörte.

Tatsächlich vollzog sich die Grenzöffnung dort, wo Schloss Rothestein seit über 100 Jahren so organisch in die bergige Landschaft des Werra-Meißner-Kreises im nordhessischen Mittelgebirge an der Grenze zu Thüringen eingepflanzt ist, erst Anfang 1990. In Asbach, nur wenige Kilometer von Rothestein entfernt, erinnert ein Gedenkstein an die Grenzöffnung am 20. Januar 1990. „Wenn wir Besuch hatten, zeigten wir denen Asbach“, erinnert sich von Lüninck an die Ausflüge an den Rand des kleinen eingezäunten Dorfes.

„Wir haben von unserer Seite in den Alltag der DDR geschaut, manchmal war das eine Szenerie wie im Zoo.“

Ein Gefühl für die bedrückenden Jahrzehnte während der Jahre der innerdeutschen Teilung lässt sich in der Gedenkstätte „Grenzmuseum Schifflersgrund“ bekommen. Neben dem Blick in ein kleines Tal mit einem 1, 5 Kilometer langen original erhaltenen Teilstück des Todesstreifens, jenem insgesamt fast 1 400 Kilometer langen abgeholzten Gelände, das Deutschland teilte, informiert eine Tafel, mit welchen Maßnahmen die DDR das „den Sperranlagen vorgelagerte Hoheitsgebiet“ sicherte: Sperrzonen, Fahrspurplatten für Einsatzfahrzeuge, Metallgitterzaun, Beobachtungstürme und -bunker, erdverkabeltes Grenzmeldenetz, Hundelaufanlagen, Schutzstreifenzaun mit elektronischen und akustischen Signalanlagen, getarnte Erdbeobachtungsbunker, Betonsperrmauer, Stolper- und Signaldrähte, Sichtblenden, Selbstschussanlagen sowie Minen. Letztere hießen im DDR-Jargon „humane Minen“, weil sie Fuß und Bein abrissen und nur in seltenen Fällen zum Tode führten. Für 26 Menschen endete der Fluchtversuch im hessisch-thüringischen Grenzverlauf tödlich.

„Als Kinder und Jugendliche haben wir das menschenverachtende System der DDR erst nach und nach verstanden“, erinnert sich Georg von Lüninck. Kurze Grenzübertritte im elterlichen Wald, durch den die innerdeutsche Grenze verlief, gehörten ebenso zu den jugendlichen Leichtsinnigkeiten wie auch die Beobachtung des Wachturms auf dem Höhenzug hinter dem Schloss. Hin und wieder wurden zudem in Trenchcoats gewandete Wanderer im Wald angetroffen. Als 1990 im ehemaligen Todesstreifen die Stasi-Schleuse entdeckt wurde, „bestätigte sich, was wir lange geahnt haben“. Der Geheimdienst der DDR, der Staatssicherheitsdienst, schleuste mittels eines 40 Meter langen durch den Todesstreifen erdverlegten Rohres seine Spione in den Westen.

Wie ein Wunder wirkte der Fall des Eisernen Vorhangs

Der ehemalige Besitz im Osten hieß familienintern „VEB: Vaters enteigneter Betrieb“ in Anlehnung an „Volkseigener Betrieb (VEB)“, wie die Rechtsform für die Industrie- und Dienstleistungsbetriebe in der sowjetischen Besatzungszone hieß. Georg von Lünincks gleichnamiger Großvater hatte 1945 bereits umfangreiche Teile des Schlossinventars zusammenpacken und für den Auszug vorbereiten lassen, weil eine Zeitlang die Enteignung des Schlosses und des Betriebes in die sowjetische Besatzungszone drohte. Dann wurde der Grenzverlauf jedoch gemäß der alten Grenze zwischen Kurhessen und dem Königreich Preußen festgelegt. Die alten Grenzsteine aus dem 19. Jahrhundert bekamen wieder ihre Gültigkeit.

„Wir lebten immer mit der realen Vorstellung: Die Russen kommen“, erinnert sich die 90 Jahre alte Monika Freifrau von Lüninck, die Mutter von Georg von Lüninck. Jahrzehnte lang wurden von ihr und ihren Kindern Pakete nach Thüringen ins benachbarte Eichsfeld geschickt. Erst nach dem Fall der Mauer konnte der direkte Kontakt mit den Familien der Waldarbeiter, die seit 1949 nicht mehr im Forst von Rothestein arbeiten konnten, wieder aufgenommen werden. Vor der Teilung Deutschlands waren die heiligen Messen in der Schlosskapelle nicht nur für die Familie, sondern auch für die meist katholischen Forstarbeiter aus dem Eichsfeld sowie – nach dem Krieg – die aus dem Sudetenland vertriebenen Arbeiter und deren Angehörige eine Stärkung in ihrem Glauben.

Ermutigung im Glauben durch Papst Benedikt XVI.

Der Besuch von Papst Benedikt XVI. im Jahr 2011 im Eichsfeld war gerade für die Menschen in der überwiegend katholisch geprägten Enklave der ehemaligen DDR eine besondere Anerkennung und Ermutigung im Glauben über 20 Jahre nach den immer noch gegenwärtigen Erinnerungen an Diktatur und Teilung. „Den Fall des Eisernen Vorhangs konnten wir uns nicht vorstellen“, sagt Monika von Lüninck und ergänzt: „Es ist ein Wunder!“ Auf die Nachfrage, ob sie dies im religiösen Sinne meint, entgegnet sie resolut: „Natürlich, wo soll es denn sonst herkommen?“

Bei den Wanderungen durch den Wald und auf der ehemaligen Demarkationslinie wird die Vergangenheit erst auf dem zweiten Blick sicht- und spürbar. Der heute als „Grünes Band“ bezeichnete einstige Grenzstreifen hat die historische und ökologische Teilung überwunden und ist ein zurückgewonnener Lebensraum für Tier- und Pflanzenarten. In dem Bereich hinter Schloss Rothestein, wo einst Militärfahrzeuge patrouillierten und Menschen wie Wild in der Dämmerung abgeschossen wurden, liegt der so liebreizend anmutende „Naturraum Frau-Holle-Land“ mit herrlichen Ausblicken nach West und Ost.