Das Lachen kommt zurück

Mit Teddybären fing es an. Seit zwanzig Jahren besteht die von Bundeswehr und Polizei getragene Hilfsorganisation „Lachen Helfen“. Von Carl-Heinz Pierk

Ein Junge in Bosnien-Herzegowina bedankt sich bei einem Soldaten. Foto: Lachen helfen
Ein Junge in Bosnien-Herzegowina bedankt sich bei einem Soldaten. Foto: Lachen helfen

Das Dach ist undicht. Die hygienischen Bedingungen sind unzulänglich, außerdem fehlen Kochutensilien und Spielzeug. Der Kindergarten im Kabuler Stadtteil Qasaba ist nicht mit herkömmlichen Maßstäben zu messen. Und doch ist er ein Hoffnungszeichen für etwa 300 afghanische Kinder. Dies ist das Verdienst der etwa 300 in Kabul stationierten deutschen Soldatinnen und Soldaten. Sie unterstützen den Kindergarten mit monatlich 250 Euro und sichern somit eine gesunde Grundversorgung.

Schon seit zehn Jahren wird der Kindergarten von deutschen Soldaten unterstützt, denen das Schicksal der Kinder besonders zu Herzen gegangen war. Dass der Kindergarten in der unmittelbaren Nachbarschaft des Feldlagers saniert und die tägliche Ausgabe von warmen Mittagessen für die Kinder gesichert werden kann, dafür sorgt der gemeinnützige Verein „Lachen Helfen“, eine Initiative deutscher Soldaten und Polizisten für Kinder in Kriegs- und Krisengebieten. In diesem Jahr wird die ehrenamtliche Initiative zwanzig Jahre alt. „In dieser Zeit haben wir allein in Afghanistan 23 Schulen gebaut und noch weitere renoviert“, erläutert Oberstleutnant a.D. Roderich Thien, Vorsitzender von „Lachen Helfen“, gegenüber dieser Zeitung. Dem Verein gehe es gut. „Glücklicherweise hat die Spendenfreudigkeit nicht abgenommen“, freut sich Thien. Es lohne sich doppelt, meint er: „Das geschenkte Lachen kommt auch auf uns zurück.“

Alles begann 1996 unter dem Motto „Teddybären für die Krajina“: Im ehemaligen Jugoslawien eingesetzte deutsche Soldaten wollten dem Elend der Kinder nicht länger tatenlos zusehen. Sie wollten deren Lachen zurückgewinnen. Roderich Thien blickt zurück: „Als deutsche Soldaten im Rahmen friedenssichernder Missionen der NATO und der Vereinten Nationen 1996 erstmals auf dem Balkan eingesetzt wurden, erlebten sie in Bosnien und Kroatien hautnah die Not und das Elend der zivilen Opfer im Krieg. Kinder, die Schwächsten aller Betroffenen, standen sofort im Mittelpunkt der spontanen Hilfe. Die Erfahrung zeigte, wie einfach es ist, besonders Kindern selbst in verzweifelten Situationen ein Lachen ins Gesicht zu zaubern. Die Soldaten nahmen das ernst, als sie ihre Aktion unter das Motto ,Lachen Helfen‘ stellten. Sie begannen, neben ihrem offiziellen humanitären Auftrag in eigener Initiative professionell Hilfeleistungen gerade für die Kinder zu organisieren.“ Schon zwei Jahre später, 1998, wurde hieraus „Lachen Helfen“, ein in Essen/Ruhr eingetragener gemeinnütziger Verein, der gezielt Hilfe dort leistet, wohin die Hand der großen Hilfsorganisationen oft nicht reicht. Da sich seit Anbeginn eine große Zahl an Reservisten im Verein engagierte, unterzeichneten 2008 der Verband der Reservisten der Deutschen Bundeswehr und „Lachen Helfen“ eine Kooperationsvereinbarung. Die Zusammenarbeit zwischen Bundeswehr und Polizei im Rahmen von Auslandseinsätzen führte 2009 dann zu dem Entschluss, die Polizei in den Verein „Lachen Helfen“ zu integrieren. „Ganz im Sinne des Prinzips der vernetzten Sicherheitspolitik kann der Verein die Steuerung seiner Hilfsprojekte seitdem noch breiter und effizienter realisieren“, betont Vereinsvorsitzender Thien.

Mehr als 500 Projekte in weiteren Einsatzländern der Bundeswehr und der Bundespolizei sind seit der Gründung von „Lachen Helfen“ hinzugekommen. Vor allem Jungen- und Mädchenschulen wurden finanziert, weiteres Geld aus Vereinsmitteln wurde für die Ausstattung und Sanierung von Kindergärten, Waisenhäusern und Behindertenschulen zur Verfügung gestellt. Insgesamt hat „Lachen Helfen“ in den letzten 20 Jahren erfolgreich über drei Millionen Euro Spendengelder eingesetzt, die dem Bau und der Sanierung von Schulen in Afghanistan zugute kamen. In einem Land, in dem Analphabetentum ein großes Problem darstellt, sind Investitionen in Bildung und medizinische Einrichtungen die beste Armutsprävention und die beste Vorsorge gegen Fanatismus, Terrorismus und Gewalt. In den letzten Jahren wurden in Afghanistan durch internationale Hilfsorganisationen in erster Linie Grundschuleinrichtungen auf dem Lande und weiterführende Schulen sowie Universitäten in den Großstädten gefördert. Höhere Schulen wurden dagegen bislang im ländlichen Bereich vernachlässigt, obwohl gerade sie als Zugangsvoraussetzung für die universitäre Bildung unersetzlich sind. Insofern waren die von „Lachen Helfen“ finanzierten baulichen Maßnahmen am Abdullah-Jan-Shaheed-Gymnasium in Paghman bei Kabul ein Beitrag zur Förderung der weiterführenden schulischen Entwicklung. Damit auch ältere Mädchen und junge Frauen die Hochschulreife erhalten können, musste den afghanischen Moralvorstellungen Rechnung getragen werden. So wurde eine 340 Meter lange Umfassungsmauer errichtet, die Mädchen sind somit vor den Blicken der gleichaltrigen Jungen geschützt. Darüber hinaus wurde das Dach der Schule erneuert sowie mit Ablaufrohren und Wasserkanistern zum Auffangen des Regenwassers versehen. Ein neuer Fußboden wurde verlegt und alle Räume innen und außen verputzt. Es sind häufig die kleinen Dinge, die tausendfach jeweils Großes bewirken.

Neben Afghanistan und dem Balkan stehen unter anderem Mali, Irak und Südsudan im Fokus der Hilfsprojekte. In der südsudanesischen Hauptstadt Juba wurde ein Schutzhaus für Opfer und Zeugen sexueller Verbrechen finanziert. Fünf deutsche Polizeibeamte, die im Auftrag der Vereinten Nationen in diesem krisengeschüttelten Staat Afrikas eingesetzt sind, hatten darauf aufmerksam gemacht, dass bislang Vernehmungen von Frauen und Kindern nur würdelos in Großraumbüros möglich waren – häufig mit den Tätern im selben Raum. In der irakischen Stadt Erbil unterstützt „Lachen Helfen“ das Helena Hospital, eine Klinik für behinderte Kinder. Hier werden zweitausend Kinder und Jugendliche medizinisch betreut. In einer eigenen Werkstatt werden Prothesen hergestellt. Da das Helena Hospital in der Region das einzige Hospital ist, das sich auf behinderte Kinder spezialisiert hat, kommen aus dem gesamten Nordirak Kinder zur Behandlung, weitere Baumaßnahmen sind nötig.

Den Antrag auf neue Hilfsprojekte stellen fast immer deutsche Soldaten und Polizisten. Sie kennen den Bedarf für die beantragte Hilfsmaßnahme und stellen sicher, dass mit den Spendengeldern ausschließlich Hilfsprojekte von „Lachen Helfen“ realisiert werden. Sie begleiten und überwachen die Planung, Umsetzung und Fertigstellung und organisieren vor Ort die benötigten Dienstleistungen, Baustoffe und Hilfsgüter.

Weitere Infos: www.lachen-helfen.de