Das Geschäft mit dem Plastik-Kitsch

Wie eine Familie es wieder geschafft hat, die römische Weihnacht zu vermarkten. Von Natalie Nordio

Die Piazza Navona erstrahlt im Glanz der Lichter der „Festa della Befana“, der italienischen Version der Weihnachtsmärkte. Die Piazza ist das weihnachtliche Herz der Ewigen Stadt. Foto: IN
Die Piazza Navona erstrahlt im Glanz der Lichter der „Festa della Befana“, der italienischen Version der Weihnachtsmärkt... Foto: IN

Rom (DT) Weihnachten rückt näher und gemeinsam mit dem großen Fest sprießen im Dezember nicht nur in Deutschland die Weihnachtsmärkte wie Pilze aus dem Boden. Nachdem die Römer in den letzten beiden Jahren auf ihre Version, die „Festa della Befana“ auf der Piazza Navona, verzichten mussten, sollen 2017 wieder ein Kinderkarussell, Buden mit Spielzeug, Weihnachtsbäumen und Krippen, Schokolade und sonstigem Krimskrams die Piazza in das weihnachtliche Herz der Ewigen Stadt verwandeln.

Die eigentliche „Festa della Befana“ ist zwar erst am 6. Januar und ist so etwas wie die italienische Version des heutigen deutschen Nikolaus am 6. Dezember. Für die lieben Kinder gibt's Süßes, für die unartigen Kleinen hat die „Befana“, eine Art Hexe mit Besen und Warze auf der Nase, „carbone“, also ein Stück Kohle, im Gepäck. Seit 1872 feierten die Römer ihre „Festa della Befana“ auf der Piazza Navona, immer vom 1. Dezember bis zum 6. Januar. Doch damit war nach dem Weihnachtsfest 2014 erst einmal Schluss. Im Juli 2017 folgte die Bekanntgabe des Stadtrats für wirtschaftliche Entwicklungen, Adriano Meloni, über die Rückkehr der „Befana“ auf die Piazza Navona und eine dafür geplante Wettbewerbsausschreibung über die Verteilung der Konzessionen für die einzelnen Verkaufsstände.

Am vergangenen 20. November gab die „Abteilung für wirtschaftliche Entwicklung, Produktion und Landwirtschaft“ der Stadt Rom die glücklichen Gewinner der heiß begehrten Zulassungen für die Stände auf der Piazza Navona bekannt. Doch aus der sommerlichen Euphorie im Juli ist ein paar Monate später Ernüchterung geworden. Der Löwenanteil der Konzessionen ging an ein und dieselbe Familie: die Familie Tredicine. Sie waren die alten Herren über die Piazza Navona und sind wohl auch die neuen. Eine Familie, die im römischen Street-Food-Business zu zweifelhaftem Ruhm gekommen ist. Zwar wurden die einstigen 103 Standplätze auf nunmehr 48 reduziert, doch erhielten die Tredicines für unglaubliche 22 Stände den Zuschlag und das für die kommenden neun Jahre, so lange gilt die neue Stand-Lizenz nämlich.

Noch im September hatte Andrea Coia, Vorsitzender des Handelsausschusses der Stadt Rom, betont, wie sehr man für die neue „Festa della Befana“ auf Qualität, Nachhaltigkeit und Kunsthandwerk achten werde. Worte, die in den Ohren derjenigen, die sich mit nachhaltigen Produkten oder aus dem Kunsthandwerk um einen Stand an der Piazza Navona bemüht haben und jetzt leer ausgingen, nun wie die üblichen hohlen Versprechungen klingen. Denn die Familie Tredicine steht mit „made in China“-Produkten und bengalischen Verkaufstalenten an ihren Ständen, die sie mit einem Hungerlohn abspeisen, weder für Nachhaltigkeit noch für Qualität.

Nach der vorerst letzten „Festa della Befana“ im Winter 2014/2015 war der Tredicine-Klan der Hauptgrund für Roms damaligen Bürgermeister Ignazio Marino, die Veranstaltung für das kommende Weihnachtsfest abzusagen. Mit einer ganz anderen Art von Veranstaltung wollte er nicht nur das alte Image loswerden, sondern gleichzeitig auch die alten Standbetreiber. Doch die Vorstellungen Marinos erwiesen sich als in der Praxis nicht realisierbar. Zurück zur alten Manier kam aber auch nicht in Frage. So hatte zu Weihnachten 2015 die große Stunde der gemeinnützigen Vereine, der so genannten „Onlus“, geschlagen. Sie sollten es richten und anstatt der traditionellen Buden für einen Hauch von Weihnachten auf der Piazza Navona sorgen.

2015 sprachen italienische Tageszeitungen sogar vom „Krieg gegen die Tredicine“, denn auch der auf Marino folgende kommissarisch eingesetzte erste Bürger Roms, Francesco Paolo Tronca, kämpfte mit harten Bandagen gegen die Tredicines. Denn nicht nur die Buden an der Piazza Navona zur Weihnachtszeit gehören zum Imperium der Familie. Die rollenden Food-Trucks, die vor bekannten Monumenten gekühlte Getränke, Knabbereien, belegte Brötchen und Eis zu deftigen Preisen an durstige und hungrige Touristen verkaufen, sind wie einige Obststände an der Straßenecke, an denen im Sommer frische Melone in mundgerechten Stückchen im praktischen Plastikbecher über die Theke wandert, Teil des Familien-Unternehmens.

Bereits 2007 gingen bei der Vergabe von zehn neuen Lizenzen für den Verkauf von Wassermelone in der römischen Altstadt drei direkt an die Familie. Vier weitere erhielten, wie erst später herauskam, Bewerber, deren Heimatdorf rein zufällig wie das der Tredicines Schiavi di Abruzzo hieß. Im Sommer ist der Verkauf von Melonen lukrativ, wie in den kühleren Monaten der von heißen Maronen. Und natürlich mischt die Familie auch hier kräftig mit. Das Esskastanien-Business ist sogar so etwas wie die geschäftliche Geburtsstunde der Tredicines in Rom, denn mit dem Erwerb der ersten Lizenz für deren Verkauf fing für Vater Donato alles an.

In den sechziger Jahren kam Donato Tredicine aus dem beschaulichen Neunhundertseelen-Dorf Schiavi di Abruzzo nach Rom. Neben Vater Donato, der inzwischen weit über achtzig ist, sind es die fünf Kinder Mario, Alfiero, Elio, Dino und Emilia, die im Hintergrund die Fäden ziehen und in den letzten Jahrzehnten ein Millionen schwereres Business geschaffen haben. Allein mit dem Weiterverkauf von Lizenzen verdient sich die Familie eine goldene Nase. Die italienische Tageszeitung „La Repubblica“ hatte die Tredicines einst sehr treffend mit den russischen Matrjoschka-Puppen verglichen, denn der äußere Schein mag manchmal über eine direkte Geschäftsbeteiligung der Familie hinwegtäuschen, doch haben die Tredicines in Rom fast überall ihre Finger im Spiel.

Die Kampfansage des Kapitols – auf dem alt ehrwürdigen Hügel steht Roms Rathaus – im Jahr 2015 hatte ihre Wirkung in der Stadt gezeigt, denn die fahrbaren Bars vor Kolosseum und Co waren fast gänzlich verschwunden und sind es bis auf wenige Ausnahmen bis heute.

Umso unverständlicher ist es nun, dass ausgerechnet diese Familie bei der Lizenzvergabe für die Stände auf der Piazza Navona auch 2017 wieder als der große Sieger hervorging.

Bürgermeisterin Virginia Raggi verteidigte die Entscheidungen und Arbeit der zuständigen Abteilung in einer italienischen Fernsehsendung am Dienstagabend. Auf die Frage nach einer Widerrufung des Wettbewerbs antwortet sie, dass dieser völlig rechtmäßig abgelaufen sei und es aus administrativer Sicht keinen Grund gebe, weder das Ergebnis noch die gesamte Wettbewerbssauschreibung zu widerrufen. Über das Ergebnis ziemlich überrascht war Andrea Coia, wie er gegenüber der italienischen Zeitung „Il fatto quotidiano“ zugab. Besonders das Wettbewerbskriterium der sogenannten „anzianita“, das in diesem Zusammenhang am sinnigsten mit „Dienstalter“ zu übersetzen wäre, entpuppte sich als Zünglein an der Waage. Denn im Klartext bedeutete dieses Kriterium, dass diejenigen Teilnehmer, die schon lange Jahre mit einem Stand auf der Piazza Navona dabei waren, bevorzugt behandelt wurden und das spielte den Tredicines in die Hände. Neue Gesichter hatten dagegen kaum eine Chance. Ein Wettbewerb unter solchen Voraussetzungen und im Hinblick auf die Vorgeschichte – Ex-Bürgermeister Marino hatte vor mehr als zwei Jahren die „Festa della Befana“ nicht grundlos von der Piazza Navona verbannt – ist eine pure, leider aber für Italien typische Farce.

Und die Römer? Die sind wie immer zweigeteilt. Die einen interessiert das alles wenig, die sind einfach froh, dass ihre fröhliche Plastik-Kitsch-Welt wieder Einzug auf die Piazza Navona hält. Für die Anderen stinkt die Sache zum Himmel. Täglich liest man in den sozialen Netzwerken die Kommentare junger und alter Römer, von Müttern und Familienvätern, die ihrem Ärger und ihrer Enttäuschung über ein korruptes System, in dem immer der Stärkere gewinnt, Luft machen. Diese Römer werden um das Spektakel an der Piazza Navona einen weiten Bogen machen.

Für die „Festa della Befana“ in diesem Jahr ist das Rennen wohl gelaufen. Man kann aber nur hoffen, dass die Verantwortlichen auf dem römischen Kapitol noch einmal gründlich nachdenken und sich vor allem im Hinblick auf die neunjährige Gültigkeit der Lizenz etwas einfallen lassen, denn neun Jahre sind eine lange Zeit, in der ganz besonders eine Familie vom Weihnachtsgeschäft auf der Piazza Navona kräftig profitieren würde.