DUX war einmal

Mit einem neuen Gesetz soll nun Schluss sein mit Italiens im Alltag noch präsenter faschistischer Vergangenheit. Von Natalie Nordio

Unser Bild zeigt den mittlerweile abgebrannten „Faschisten-Wald“ nahe Rom. Foto: IN
Unser Bild zeigt den mittlerweile abgebrannten „Faschisten-Wald“ nahe Rom. Foto: IN

Pünktlich zu Beginn der diesjährigen Badesaison hatte ein Strandabschnitt des rund fünf Kilometer langen Sandstrands von Chioggia Sottomarina in der Provinz Venedig von sich reden gemacht. Anfang Juli enttarnten Journalisten der italienischen Tageszeitung „La Repubblica“ das Strandbad mit dem klangvollen Namen „Playa Punta Canna“ als „spiaggia fascista“, als Faschisten-Strand. Seit mehr als zwanzig Jahren führt der 64-jährige Gianni Scarpa mit eiserner Hand seinen Strand – über dem Eingangstor verkündete ein Banner Scarpas Strandregeln: „Ordnung, Sauberkeit, Disziplin“. Seinem Strand-Regime unterstehen immerhin über sechshundert Sonnenliegen und Schirme. Von einem Plakat schaute Benito Mussolini grimmig auf die Strandbesucher herab. Andere Banner verkündeten rassistische Hetzparolen, wie das unweit der Duschen, auf dem „Gaskammer, betreten verboten“ zu lesen war. Dieses niveaulose und vor allem antisemitische Schild sollte diejenigen von der Benutzung der Duschen abhalten, die keine Gäste der „Playa Punta Canna“ waren.

Das ganze Spektakel war von regelmäßigen Lautsprecherdurchsagen des Strand-„Duce“ Scarpa untermalt, in denen er unverblümt verkündete: „Ich bin ein Faschist“. Nach Veröffentlichung des Artikels in „La Repubblica“ setzte eine Sondereinheit der italienischen Terror- und Extremismusbekämpfung dem geschmacklosen Treiben zumindest teilweise ein Ende. Die Plakate waren nach dem Tumult verschwunden, die Lautsprecherdurchsagen eingestellt und Scarpa muss sich wegen propagandistischem und rassistischem Verhalten vor Gericht verantworten. Ob er seine Konzession für den Strandabschnitt behalten darf und es auch in der Badesaison 2018 noch immer eine „Playa Punta Canna“ unter seiner Leitung geben wird, müssen die zuständigen Stellen entscheiden.

Dass Italien mit seiner Vergangenheit ganz anders umgeht als Deutschland es beispielsweise tut, ist ein offenes Geheimnis. So saß mit Alessandra Mussolini keine andere als die Enkelin Benito Mussolinis lange Jahre zuerst in der italienischen Abgeordnetenkammer und später im italienischen Senat. Das wäre fast so, als hätte die Enkelin Adolf Hitlers als Abgeordnete einer deutschen Partei einen Sitz im Bundestag. Und auch im römischen Umland regiert zumindest dem Namen nach noch hier und da der Duce. Denn unweit der Ortschaft Antrodoco in der Provinz Rieti formte eine Gruppe Pinien am Monte Giano bislang die drei Buchstaben D V X – das in lateinischen Schriftzeichen geschriebene Wort für „Duce“, das heißt „Führer“. Den riesigen Schriftzug, den etwa zwanzigtausend Pinien bildeten, konnte man von der Via Salaria auf dem Weg von Rom nach Rieti lesen und war bei klarer Sicht sogar von Rom aus zu erkennen, wie gerne behauptet wurde.

Das war einmal. Der italienische Sommer war in diesem Jahr besonders heiß und trocken, monatelang gab es keinen Regen und ein Feuer jagte das nächste. Betroffen war besonders der Süden Italiens, aber auch im römischen Umland gaben unzählige Brände Grund zur Sorge. Oftmals war die Ursache mutwillige Brandstiftung. Und am 24. August legte ein Feuer weite Teile der rund acht Hektar umfassenden Fläche in Schutt und Asche – allein das D hat die Flammen unbeschadet überstanden. Auch hier gehen die zuständigen Behörden von einem absichtlich gelegten Feuer aus, auch wenn von den vermeintlichen Brandstiftern jede Spur fehlt.

Im Jahr 1939 hatten Schüler einer nahegelegenen Forstschule den bis dahin kahlen Berghang des Monte Giano als Ausdruck ihrer Bewunderung für Benito Mussolini bepflanzt. Vielen war die Baumgruppe als weithin sichtbares Zeichen einer Vergangenheit, für die man sich im Grunde schämen sollte, schon lange ein Dorn im Auge. Sie sind froh, dass nun Schluss ist mit dem Duce-Wald. Doch es gibt auch die andere Seite und für die ist die Zerstörung des Waldes ein Affront. Sie wünschen sich die Rückkehr der Duce-Schrift und sind für eine originalgetreue Wiederbepflanzung des Waldstücks.

Doch ob die Mussolini-Bewunderer das je erreichen werden, ist fragwürdig. Denn vor wenigen Tagen hat das italienische Parlament für ein Gesetz gestimmt, das faschistische und nationalsozialistische Symbole und Gesten künftig verbieten will. 261 Abgeordnete stimmten für das Gesetz, 122 dagegen. Nun muss der Gesetzesentwurf noch durch den Senat. Während die rechtsextreme Lega Nord und der römische Ex-Bürgermeister, Gianni Alemanno, sich in ihrer Freiheit beraubt fühlen, die Initiative sogar als lächerlich abtun, begrüßen vor allem die jüdischen Gemeinden Italiens die Annahme des Entwurfs.

Auch mitten im römischen Stadtbild haben Mussolini und der Faschismus an vielen Ecken unübersehbare Spuren hinterlassen. Die Via Fori Imperiali nahe dem Kolosseum und die Via della Conciliazione am Petersdom gehen ebenso wie das EUR-Viertel, das anlässlich der geplanten Weltausstellung 1942 und zum zwanzigsten Jahrestag der Machtübernahme Mussolinis 1922 im Süden Roms entstand, auf das Konto des Duce. Die faschistische Vergangenheit ist nicht nur an Palästen und Inschriften in der Hauptstadt mehr als präsent, sondern auch in Form kleiner Kühlschrankmagneten in Souvenirshops, von denen grimmig dreinblickend der Duce schaut.

Doch was würde aus Palästen, Inschriften und fragwürdigen Souvenirs, sollte der Gesetzesentwurf vom Senat angenommen werden? Besonders interessant ist diese Frage im Hinblick auf den etwa achtzehn Meter hohen Obelisken aus weißem Carrara-Marmor am Foro Italico, dem einstigen Foro Mussolini, direkt neben dem Olympia-Stadion. Seit seiner Aufstellung 1932 bis zum heutigen Tag zieren ihn die von weitem gut lesbaren Worte „Mvssolini Dvx“, Mussolini, der Führer“. Bereits in der Vergangenheit gab es immer wieder Streit um den Mussolini-Obelisken und noch vor zwei Jahren hagelte auf Laura Boldrini, die Präsidentin der italienischen Abgeordnetenkammer, Kritik von allen Seiten ein, als sie die Inschrift anprangerte und vorschlug, sie vom Obelisken zu entfernen. Man darf also gespannt sein, ob nach dem wahrscheinlich nicht zufälligen Verschwinden des Dux-Waldes und dem neuen Gesetzesentwurf gegen faschistische und nationalsozialistische Symbole auch die entsprechenden Kühlschrankmagneten und der Dux-Obelisk bald der Vergangenheit angehören.