Christen nur als Touristen erwünscht

Mohamed Nasheed, Staatspräsident der Malediven, macht sich zum Anwalt seiner vom Untergang bedrohten Inselrepublik. Umweltschutz und Religionsfreiheit lassen in seiner Heimat zu wünschen übrig. Von Benedikt Vallendar

Berlin (DT) „Der hat bestimmt mal Jura studiert“, zischt eine Studentin ihrer Kommilitonin zu. „Nee, wohl eher BWL“, antwortet diese prompt. Soeben hat Mohamed Nasheed, Präsident der Malediven, Hörsaal B im Henry-Ford-Bau der Freien Universität (FU) Berlin betreten – mit kleinem Gefolge und halbstündiger Verspätung. Die Gäste, überwiegend Studenten der FU, applaudieren höflich. Hätten die beiden Studentinnen nur einen Blick in das am Hörsaaleingang verteilte Infoblatt geworfen, wüssten sie, dass Nasheed weder Jurist noch Betriebswirt, sondern studierter Ozeanograph mit Bachelorabschluss der Universität Liverpool ist.

Doch ganz so falsch ist der Eindruck nicht. Denn auch ohne Jurastudium hat sich der 43-jährige Politiker Nasheed längst zum Anwalt für die Belange seiner Inselrepublik gemacht. Mit Leidenschaft und geschicktem PR-Tamtam versteht es der 2009 vom US-amerikanischen Time Magazin zum „Umwelthelden des Jahres“ gekürte Politiker im Ausland auf seine vom Klimawandel bedrohte Heimat aufmerksam zu machen. „Der Mann weiß, wie Öffentlichkeitsarbeit funktioniert“, sagt Edgar Harnack, Berliner Medienpsychologe und Kenner der politischen Verhältnisse auf den Inselgruppen im Indischen Ozean über das Staatsoberhaupt. „Nasheed ist der geborene Schlagzeilenproduzent“, sagt Harnack. In der Tat, ein sympathischer Sunnyboy mit Brille, Schlips und Kragen, der Menschen rasch für sich einzunehmen vermag. Vor wenigen Monaten landete der Polityoungster seinen bislang größten PR-Coup. In Taucheranzügen unterzeichneten die Regierungsmitglieder einen Aufruf an die internationale Gemeinschaft, den CO2-Ausstoß weiter zu reduzieren. Denn die im Indischen Ozean beheimateten Malediven sind das am niedrigsten gelegene Land der Welt und wegen des stetig steigenden Meeresspiegels vom buchstäblichen Untergang bedroht. Schreitet der Klimawandel weiter voran, dann werden die Malediven nach Expertenmeinung in 30 Jahren im Meer versunken sein. Schon heute sind die Vorboten des Klimawandels vielerorts sichtbar. An manchen Stellen reicht das Meer bis kurz vor die Haustüren der Inselbewohner, wo es früher hunderte Meter entfernt war.

Nasheed hat in seinem Leben schon viel durchgemacht. „Im Gefängnis war das Wasser manchmal mit Kerosin gemischt, und unters Essen wurden Glassplitter gemengt“, erzählt er. Um seine Taille trägt er heute einen stabilisierenden Gürtel, weil der Rücken kaputt ist, von der Folter durch die Schergen des früheren Präsidenten Maumoon Abdul Gayoom.

Auf mehr als 400 Jahre Kolonialgeschichte blicken die Malediven zurück. 1558 besetzten die Portugiesen die Inseln, wurden aber in einem acht Jahre andauernden Guerillakrieg durch Muhammad Thakurufaan 1573 wieder vertrieben. Erst im 17. Jahrhundert schafften es die Niederlande, aus dem maledivischen Sultanat ein Protektorat zu machen, nachdem sie zuvor auch Ceylon als Militär- und Handelsbasis besetzt hatten. Als die Niederlande Ceylon 1796 an die Briten verloren, gerieten auch die Malediven unter britischen Einfluss, die die Inselgruppe erst 1965 in die Unabhängigkeit entließen und 1982 in den Commonwealth of Nations aufnahmen.

Das Land, 500 Kilometer südwestlich von Sri Lanka, besteht fast ausschließlich aus Wasser. 99,9 Prozent des Staatsgebietes von 90 000 Quadratkilometern, was etwa der Größe Portugals entspricht, sind Indischer Ozean. Nur 300 Quadratkilometer ragen heraus, eine Fläche kleiner als Andorra. Die Hauptstadt Male ist zugleich der Ort, wo Nasheed 1967 geboren wird, als zweitältester Sohn eines Geschäftsmanns, der mit dem Betrieb von kleinen Insel-Hotels zu Geld kam. Laut, stinkend, schnell und eng und irgendwie trotz allem gut gelaunt. So erscheint es in den Urlaubsprospekten. 105 000 Menschen, ein Drittel der Malediver, leben auf der Insel auf weniger als drei Quadratkilometern. Eine der am dichtesten besiedelten Kapitale der Welt, eine Megacity im Taschenformat. Touristen, von denen jährlich rund 600 000 ins Land kommen, sind selten zu sehen, sie landen auf der nahe gelegenen Flughafeninsel Hulhule und werden direkt weitergeflogen in ihre Hotels, jedes eine Insel für sich.

Während der 30-jährigen Gayoom-Diktatur flieht Nasheed schließlich nach Europa, wo er studierte und die westlichen Demokratien kennenlernte. Er kehrt in seine Heimat zurück und gewinnt 2008 überraschend die Präsidentschaft seines Landes. Für seinen gewaltlosen Widerstand hatte die Menschenrechtsorganisation Amnesty International Nasheed bereits 1991 zum „prisoner of conscience“ erklärt. Für sein politisches Engagement sowie seinen Einsatz im Kampf gegen den Klimawandel wurde Nasheed mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt. 2009 erhielt er den Anna-Lindh-Preis für seinen herausragenden Einsatz für Menschenrechte, Demokratie und Umweltschutz.

Das Thema Religionsfreiheit dürfte aber bei der Jury eine eher untergeordnete Rolle gespielt haben. Bis heute ist Religionsfreiheit auf den Malediven ein Fremdwort. Der Islam ist Staatsreligion; wer die maledivische Staatsbürgerschaft anstrebt, muss sich schriftlich zu „muslimischen Glaubensgrundsätzen“ bekennen. Auf dem Verfolgungsindex des christlich-überkonfessionellen Missions- und Hilfswerks „Open Doors“ standen die Malediven 2009 weltweit an sechster Stelle.

Der wichtigste Kampf steht Nasheed indes noch bevor. Immer wieder geht es um die Klimaveränderung. „Wir haben keine Zeit mehr. Es geht um unsere Existenz, denn der Klimawandel ist real“, sagt der maledivische Präsident. Es gäbe keinen Grund, daran zu zweifeln. Zurzeit machten sich die Verantwortlichen größere Sorgen um den Prozess der Klimaverhandlungen als über die Klimaveränderung selbst, kritisiert Nasheed. „Aber wir müssen eine Lösung finden, statt endlos darüber zu debattieren“, sagt er. Mit „Mutter Natur“ ließen sich schließlich „keine Verhandlungen“ führen. Der kleinste gemeinsame Nenner werde nicht ausreichen, die Malediven und letztendlich die gesamte Welt zu retten, sagt er. Gleichzeitig appelliert das Staatsoberhaupt an die Weltgemeinschaft, „die größte industrielle Revolution aller Zeiten anzustoßen“. Vollmundig bis visionär klingen seine Ankündigungen in Sachen Klimaschutz auf den Malediven. Bis 2019, so Nasheed, werde sein Land kein Öl mehr importieren, die Diesel-Kraftwerke würden den Betrieb einstellen, 150 Windturbinen und ein halber Quadratkilometer Solarzellen sollen die Malediver bis dahin mit grüner Energie versorgen.

Seit Beginn der siebziger Jahre haben sich die Malediven für den Tourismus geöffnet. Die Insel gilt als Urlaubsparadies für Leute mit dicker Brieftasche. Hotelzimmer für 1200 Euro die Nacht sind auf den Malediven keine Seltenheit. Am 26. Dezember 2004 wurden zahlreiche Siedlungen und Hotels durch eine Flutwelle in Folge eines Seebebens im Indischen Ozean stark beschädigt oder zerstört. Anders als die an flachen Meeresbereichen gelegenen Küsten Sri Lankas oder Indiens, wo Tsunamis ihre volle Kraft entwickeln können, blieben die Atolle der Malediven meist verschont. Dennoch ist die Gefahr nicht gebannt. Unwiderruflich bedroht der steigende Meeresspiegel die 320 000 Einwohner des Staates. Geradezu apokalyptisch sind die Zukunftsszenarien, die Nasheed zeichnet. Hunderttausende Malediver bräuchten eine neue Heimat, wenn der Anstieg des Meeresspiegels die Inseln des Archipels im Indischen Ozean eines Tages unbewohnbar macht. Angeblich verhandele die Regierung schon mit Indien und anderen Staaten über eine Aufnahme seiner Klimaflüchtlinge.

Doch scheint es, als wolle der Präsident mithilfe rhetorischer Klimmzüge vor ausländischen Pressevertretern zuvörderst von den wahren Problemen seines Landes ablenken. Denn Umweltschutz existiert auf den Malediven bislang nur auf dem Papier. Umweltschutzgesetze sind zwar vorhanden, aber deren Einhaltung wird nicht überwacht, und Verstöße nur selten geahndet. So darf etwa die bebaute Fläche eines Ferienparks auf den Malediven offiziell nicht 20 Prozent der Inselfläche übersteigen. Die Praxis sieht ganz anders aus: An vielen Stellen haben die Urlaubsparks ganze Inseln in Beschlag genommen. Die Behörden überprüfen nicht die Einhaltung von Bauplänen, Kontrollen scheitern an der grassierenden Korruption. Das Hauptinteresse der Regierung zielt auf möglichst viele Touristenbetten ab, um die Kasse zu füllen. Neue Hotelinseln sind durch sogenanntes „Landscaping“ in die gewünschte Form gebracht worden. Der Einsatz von Baggern und Sandpumpen hat zu irreparablen Schäden an den Riffen geführt.

Auf diese Missstände angesprochen, reagiert Nasheed einsilbig und verweist erneut auf die „Bemühungen“ seiner Regierung in Sachen Klimaschutz. „In rund zehn Jahren werden die Malediven CO2-neutral sein“, kündigt der Politiker an. Das habe zwar einen verschwindend geringen Einfluss auf die weltweite CO2-Bilanz, könne aber ein Beispiel für andere Länder sein. „Denn das, was uns heute passiert, wird morgen dem Rest der Welt zustoßen“, meint Nasheed.