Bistum Chiemsee - Vom Dom zum Brauhaus

1216 wurde das Bistum Chiemsee gegründet - Vom katholischen Glanz der damaligen Zeit ist wenig erhalten geblieben, doch es gibt Zukunftspläne.

Pk mit Finanzminister Söder
Das ist doch der Söder. Genau. Der bayerische Ministerpräsident machte sich schon 2016 für den Inseldom stark.dpa Foto: Foto:

Heutzutage, da anstelle eines blühenden Wallfahrtswesens der Massentourismus getreten ist, verbindet man mit dem Begriff „Herrenchiemsee“ überwiegend das inmitten des „Bayerischen Meers“ erbaute Versailles Ludwigs II. Dessen hochfliegende Pläne kosteten die Königliche Kasse zunächst die Liquidität und den Monarchen schließlich das Leben. Um die in der Baugrube versenkten Millionen abzustottern, öffneten die Nachfolger das „Neue Schloss“ erfolgreich dem Massenpublikum. Der längst abbezahlte, touristische Hotspot finanziert inzwischen die weniger prominenten Denkmäler Bayerns mit.

Ein solches ist beispielsweise das gegenüber dem „Neuen“ sogenannte „Alte Schloss Herrenchiemsee“. Der stets eilige Reisende besucht es nur, um sich nach dem Kunstgenuss im Königsschloss auf der Biergartenterrasse zu stärken. Süffig schmeckt der Gerstensaft und weit schweift der Blick von hier oben über das Blau des Seespiegels und die Nachbarinseln. Kaum einer der hier im lichten Schatten junger Bäume sitzenden Gäste ahnt, dass die Freischankfläche einst gelehrsamen Augustiner-Chorherren zur Kontemplation diente und das Gebäudekarree des Alten Schlosses ehedem ein Kloster war; obendrein das vermutlich älteste des bairischen Sprachraums, der sich vom Lech bis zum Neusiedler See und vom Bayerischen Wald bis nach Südtirol erstreckt.

Undenkbar scheint, dass Herrenchiemsee gar das Zentrum eines eigenen Bistums gewesen sein könnte, denn einen Kirchenbau, einen Inseldom, sucht man vergebens. Und dennoch ist er da, zur Unkenntlichkeit verstümmelt und entstellt; dem flüchtigen Blick entzogen, entrückt wie ein Phantom. Dass es soweit kommen konnte, lag am Bier. Dies überrascht, denn bekanntermaßen schließen sich in Bayern Beten und Braukunst eigentlich nicht aus – auf der Herreninsel aber war das genaue Gegenteil der Fall.

Mit der Bierbrauerei begonnen haben wohl die Benediktiner auf der Herrenwörth. So nennen die Einheimischen das Eiland; der Begriff „Wörth“ bedeutet „Insel“. Als Klostergründer wurde Tassilo III. überliefert. Die Überreste von ausgegrabenen Holzbauten datieren aber schon auf die zwanziger Jahre des siebenten Jahrhunderts, also vor dem rührigen Bayernherzog. Damit sind sie noch älter als das ehrwürdige Salzburger Erzstift St. Peter. Inzwischen wird die Gründung daher dem heiligen Abt Eustasius aus dem französischen Luxeuil zugeschrieben; der Schüler des Heiligen Columban hatte sich der Bajuwarenmision verschrieben.

Den Benediktinern folgten 1130 die Augustiner-Chorherren, die auf der Insel eine den Heiligen Sixtus und Sebastian geweihte, romanische Basilika mit drei Schiffen errichteten. Kirchlich zählte der Chiemgau zum Erzbistum Salzburg. Die Erzdiözese des an der Salzach sitzenden Metropoliten erstreckte sich über ein umfangreiches Gebiet, seine riesige Kirchenprovinz umfasste zeitweilig das gesamte altbairische Stammesgebiet mit den Diözesen Freising, Passau, Regensburg und Säben (Bozen-Brixen) sowie weiten Teilen Ungarns, Tschechiens, Sloweniens und der Slowakei. Seit dem 11. Jahrhundert konnten die Erzbischöfe als „geborene Legaten“ Entscheidungen anstelle des Papstes treffen; zumindest in dringenden Fällen. Im Mittelalter war die Verwaltung eines solchen, noch dazu im Gebirge gelegenen Territoriums alles andere als einfach. Zu seiner Entlastung erhob Erzbischof Konrad II. Herrenchiemsee 1140 daher zum Archidiakonat. Die Herrenwörther Pröpste wachten seither über die Disziplin der Weltgeistlichen in ihrem Amtsbereich, führten kanonische Visitationen durch und durften sogar Synoden abhalten, so dass ihre Stellung fast der eines Bischofs gleichkam.

Noch weiter ging Erzbischof Eberhard II. Auch um einer etwaigen Aufteilung seines Sprengels durch den Papst zuvorzukommen, errichtete er auf seinem Diözesangebiet sogenannte Eigenbistümer. Schon einer seiner Vorgänger hatte das Bistum Gurk gegründet und den Salzburgern das Vorrecht gesichert, den dortigen Oberhirten zu benennen, ohne in Rom um Erlaubnis nachsuchen zu müssen; eine beispiellose Sonderstellung, die noch bis ins zwanzigste Jahrhundert währte. „Seht, da kommt der halbe Papst, der selbst Bischöfe machen kann“ – so begrüßte Papst Pius IX. den Salzburger Fürsterzbischof zum ersten Vatikanischen Konzil.

1216 wurde das Bistum Chiemsee gegründet. Erzbischof Eberhard bestimmte die Stiftskirche der Herrenwörth zur Kathedrale, das Stifts- wurde Domkapitel. Allerdings sollte der neue Mitraträger nicht zu eigenmächtig werden, daher blieb rechtlich alles beim alten. Die Kirche blieb Eigentum des Stifts, der Bischof erhielt darin nur einen Thron zum Besitz. Dies führte zu einer Jahrhunderte währenden Konkurrenz zwischen dem Stifts- beziehungsweise Dompropst von Herrenchiemsee und dem Fürstbischof; zuletzt regierte dieser über nur elf versprengte Pfarreien, während das Archidiakonat des Propstes weit über das Bistum hinaus ging. Daher zogen es die Chiemseer Pontifices nach ihrer Inthronisation vor, im Salzburger Chiemseehof zu bleiben und ihren Oberherren vor Ort als Weihbischöfe zu dienen. Nach einem unsteten Nomadentum zwischen Bischofshofen und Zell am See erhielten sie erst 1446 eine Residenz in ihrem eigenen Fürstbistum – den Pfarrhof von St. Johann im Leukental. 1803 kam die Säkularisation nach Herrenchiemsee. Das finanziell notorisch klamme Bayern hatte schon länger begehrlich auf den immensen Kirchenbesitz im Lande geschielt. Im Windschatten Napoleons begann eine Kulturrevolution von geradezu mao-eskem Ausmaß. Bayernweit wurden Klöster enteignet, die Mönche vertrieben.

Das Chorherrenstift auf der Herrenwörth wurde aufgelöst; der letzte Fürstbischof resignierte 1808. Seine Diözese wurde später zerteilt und dem Erzbistum Salzburg sowie dem neuen Erzbistum München-Freising zugeschlagen, der Stiftsgrund meistbietend verscherbelt. Doch die Masse des landesweit plötzlich zum Verkauf stehenden Grundes führte zu einer Immobilienkrise im jungen Königreich Bayern; die Bodenpreise stürzten ins Bodenlose. Die herrenlose Insel erwarb der Münchner Großkaufmann Fleckinger. Um darin Bier zu brauen, ließ er die beiden Türme und den Chor des Inseldoms abbrechen. Das Langhaus wurde zum Sudhaus, die Gruft zum Gärkeller und die Heiligen im See entsorgt; einem Chiemsee-Fischer ging damals noch der marmorne Heilige Sixtus ins Netz.

Doch das Fleckinger Gebräu schmeckte den Chiemgauern ganz und gar nicht und der Parvenü ging Pleite. Der Nachfolger war schon dabei, den Inselwald zu versilbern, als Ludwig II. dreinfuhr und das Eiland erwarb; das alte Kloster wurde zum „Alten Schloss“. Barocke Fresken prangen noch im Kaiser- und im Gartensaal. 1948 verhandelte hier der Verfassungskonvent über die grundgesetzliche Neuordnung Deutschlands nach der NS-Diktatur; auf Herrenchiemsee wurde bundesdeutsche Geschichte geschrieben. Ein kleines Museum erinnert heute daran und auch an die Zeit vor dem „Kini“. Der Inseldom aber bleibt versperrt. Ein schmuckloser Kasten ist er geworden; außen unkenntlich und innen durch Wände und Zwischenböden verstellt. Erst wenn man ganz hinaufsteigt, eröffnet sich das Kirchenschiff in seiner beeindruckenden Länge. Im Bierdunst gebräunt sind die Fresken in den Gewölbezwickeln.

Seit Jahren mühen sich die „Freunde von Herrenchiemsee“, ihn wieder zugänglich zu machen. 2016 schaute sogar der damalige bayerische Finanzminister und jetzige Ministerpräsident Markus Söder im Inseldom vorbei. 1, 3 Millionen Euro ist dem Freistaat die Sanierung wert. Wenigstens das Bistum gibt es inzwischen wieder – Papst Benedikt errichtete es 2009 als Titularbistum.