Biologisch und gerecht

Bei der Internationalen Süßwarenmesse in Köln setzen immer mehr Firmen auf Nachhaltigkeit

Köln (DT) Mit einem mehrere Meter langen Stiel, an dessen Ende sich ein scharfkantiges Messer befindet, schlägt José Antonio Jesus die braunorangen Kakaoschoten von den Bäumen. Anschließend öffnet er die Früchte, sammelt die Kakaobohnen aus dem Fruchtfleisch und legt sie zum Trocknen auf ein Blech. Danach werden die Bohnen handverlesen. Nur etwa die Hälfte von ihnen ist es wert, geröstet zu werden. Die gerösteten Kakaobohnen sind die Voraussetzung für hochwertige Schokolade. Bei der Arbeit auf einer Plantage in der Dominikanischen Republik hat José Antonio Jesus gelernt, „wie man die Kakaobohnen richtig behandelt, um optimale Qualität zu erreichen“. Ermöglicht wurde dies durch den Fairen Handel. „Wir erhalten so auch die besseren Preise“, sagt der Kakaobauer.

2 200 Euro kostet derzeit eine Tonne Kakao auf dem Weltmarkt. Unternehmen wie die Gepa, die mit dem TransFair-Siegel auf ihren Produkten werben, zahlen hingegen bis zu 2550 Euro – 150 Euro zusätzlich für den Fairen Handel und, wie im Falle von José Antonio Jesus, noch einmal 200 Euro für die biologische Anbauweise. Einen Bio-Aufschlag gibt es beispielsweise auch für die Gruppe von Kleinbauern auf den Philippinen, die sich zu einer Kooperative zusammengeschlossen haben und auf rund dreißig Hektar Zuckerrohr nach den Richtlinien für ökologischen Landbau anbauen.

Auch im afrikanischen Malawi haben sich Zuckerbauern zu einer Produzentenkooperative zusammengeschlossen. Im vergangenen Jahr konnten sie mit Hilfe des Fairen Handels ihren Rohrzucker erstmals auf den deutschen Markt liefern. Das Geschäft hat sich gelohnt. „Dank Fairtrade haben wir in unserem Dorf jetzt Wasser und Strom“, sagt Elod Kafaukoma. Sogar ein Fahrdienst in das nächste Krankenhaus konnte laut der Zuckerbäuerin eingerichtet werden.

Die Menschen hinter den Produkten deutlich zu machen – das ist ein Teil der Philosophie des Fairen Handels, der sich seit Jahren für einen gerechten Handel zwischen Nord und Süd einsetzt und so die Lebens- und Arbeitsbedingungen in Ländern der Dritten Welt verbessert. Mittlerweile haben 110 Firmen mit der unabhängigen Siegelorganisation TransFair einen Lizenzvertrag abgeschlossen und adeln ihre deutschlandweit mehr als 750 Produkte mit dem Fairtrade-Siegel.

Auch die Wikana Keks und Nahrungsmittel GmbH aus der Lutherstadt Wittenberg gehört seit kurzem dazu. „Wir bringen einen Quinoa-Doppelkeks auf den Markt, der nur aus Fairtrade-Zutaten besteht“, sagt Yvonne Böhm über das Gebäck, dessen Grundlage ein fast vergessenes Getreide aus der Inka-Zeit ist. Auf der Internationalen Süßwarenmesse (ISM) in Köln, der weltweiten Leitmesse dieser Branche, wurde dieser Tage der Bio-Keks oder etwa die neue Edelbitterschokolade der Gepa erstmals dem Fachpublikum präsentiert. Dass sich immer mehr Firmen und Händler den fair gehandelten Produkten zuwenden, kommt nicht von ungefähr. Schließlich lassen sich immer mehr Verbraucher gerade von süßen Köstlichkeiten aus fairem Handel verführen.

Laut TransFair-Geschäftsführer Dieter Overath wurde mit Fairtrade-Süßigkeiten in 2007 ein Umsatz von 24 Millionen Euro erzielt – ein sattes Plus von ungefähr zwanzig Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Der Absatz stieg um elf Prozent auf 2 000 Tonnen. So gingen etwa 800 000 Zuckerpackungen und acht Millionen Schokoladentafeln über die Ladentheke. Was den Geschäftsführer der unabhängigen Initiative, der auch zahlreiche Organisationen aus dem katholischen Bereich als Mitglied angehören, besonders freut: „Der steigende Verkauf fairer Süßwaren stärkt die Produzenten in den Ländern des Südens.“ Und weil der Faire Handel auf den kostentreibenden Zwischenhandel verzichtet, kommt das Geld direkt bei den Produzenten an.

Dabei zeichnet sich im fairen Handel, wie auch die ISM insgesamt zeigte, ein Trend ab, der zuletzt immer stärker im Kommen ist: die Nachfrage nach Bio-Produkten. Eine der Ursachen dafür waren vor allem Skandale. „Die BSE-Fälle oder auch die Gammelfleischskandale haben zu einem sensibleren Umgang der Verbraucher mit Lebensmitteln geführt“, hat Peter R. Bierhance festgestellt. Der „Fairtriebsleiter“ Handel bei der Gepa fügt hinzu: „Viele Kunden setzen auf Bio und Fair.“

Ökologische Kriterien wie umweltverträgliche Produktionsweisen im Sinn einer nachhaltigen Entwicklung gewinnen zunehmend an Bedeutung, sagt Dieter Overath und räumt ein, dass dies in den ersten Jahren des Fairen Handels nicht so war. Thomas Speck, Geschäftsführer der Gepa ergänzt dies um den „Premium-Gedanken“: „Hochwertige Produkte, die fair gehandelt werden und biologisch angebaut wurden, machen mittlerweile rund 75 Prozent des Gepa-Sortiments aus.“ Entscheidend für die Akzeptanz dieser Produkte sei deren Rückverfolgbarkeit vom Anbau bis zum Endprodukt.

Dass mit solch einem Ansatz auf dem stagnierenden Süßwarenmarkt Zusatzumsätze generiert und Wertschöpfung geschaffen werden kann, erkennen mittlerweile auch Großunternehmen. Alfred T. Ritter, Geschäftsführer des gleichnamigen Schokoladenherstellers, bringt demnächst ein vier Sorten umfassendes Bio-Sortiment in die Läden. „Ökologie hat bei uns schon eine Rolle gespielt, als es noch nicht in aller Munde war“, sagt der Unternehmer und verweist auf erneuerbare Energien, umweltfreundliche Verpackungen sowie das Unternehmensengagement für sozialverträglichen Anbau von Bio-Kakao in einem Projekt in Nicaragua. „Unsere Bio-Schokolade beweist: Ökologie kann Spaß machen“, preist Ritter seine neuen quadratischen Tafeln.

„Das ist ein erster Schritt“, sagt Bierhance etwas diplomatisch. Mit anderen Worten: Viele Markenartikler nehmen zwar gern den Bio-Trend auf, sind aber nur halbherzig dabei. „Es geht nicht um Spaß, es geht um Nachhaltigkeit“, so der Fairtriebsleiter. Konkret: Immer mehr Kleinbauerngenossenschaften sollen marktfähig werden. Dazu schließen Fairhandelsunternehmen mit solchen Kooperativen langfristige Liefervereinbarungen von drei, fünf oder auch zehn Jahren. Erst durch diese gegenseitige Berechenbarkeit entsteht eben jene viel zitierte Nachhaltigkeit. So wird jeder, der am fairen Handel beteiligt ist, fair behandelt.