BURGHARD SCHUNKERT

„Behinderte werden im Leben in Palästina kaum beachtet“

Gerade Frauen leiden darunter, sagt Burghard Schunkert von „Lifegate“ von clemens mann

Zuletzt war Israel wegen der Vorkommnisse um die sogenannte Gaza-Hilfsflotte in den Schlagzeilen. Wurde Ihre Arbeit durch die Ereignisse erschwert?

Nein. Man muss unterscheiden zwischen dem, was im Gaza-Streifen passiert und was sich im übrigen palästinensischen Autonomie-Gebiet abspielt. Es gab im Westjordanland zwar mehrere Tage Proteste. Die Lage hat sich aber wieder beruhigt. Was Israel und die palästinensischen Gebiete im Westjordanland vereint, ist die Angst, dass hier eine islamisch-radikale Regierung an die Macht kommen könnte. Deshalb sind sowohl Israelis als auch Autonomie-Regierung daran interessiert, die Situation unter Kontrolle zu halten. Ich hoffe, dass der Untersuchungsausschuss zur Klärung beiträgt. Israel ist jedenfalls sehr daran interessiert, die Angelegenheit restlos aufzuklären.

Wie geht denn eine islamisch geprägte Gesellschaft mit behinderten Menschen um?

Das ist fast vergleichbar mit anderen Ländern. Wenn ich mich bei meinen Besuchen im Sommer in Deutschland im Stadtbild umschaue, sehe ich nicht viele Rollstuhlfahrer und behinderte Menschen auf der Straße. In Europa haben wir ein vom Staat finanziertes Versorgungssystem für behinderte Menschen geschaffen: Behinderte werden abgeholt, haben ein Programm, sie erledigen einfache Arbeiten. Hier im Westjordanland fehlt diese Infrastruktur. Es gibt kaum Fördereinrichtungen. Niemand denkt, dass behinderte Menschen im normalen Leben Fuß fassen können oder etwas leisten können, was ihnen ein Einkommen sichert. Deshalb werden Behinderte kaum zu öffentlichen, aber auch zu familiären Veranstaltungen mitgenommen. Da ist noch sehr viel Pionierarbeit zu leisten. Jeder unserer jungen Leute, der hier mit einer Ausbildung aus der Einrichtung herauskommt und dann im Berufsleben Fuß fasst, ist Beispiel, dass es sehr wohl geht.

Schämen sich die Familien auch für behinderte Kinder?

Das ist in manchen Familien ganz sicher ein Punkt. Das hängt auch ein bisschen mit der Struktur der palästinensischen Gesellschaft zusammen. Wenn ein behindertes Kind oder sogar mehrere behinderte Kinder in einer Familie sind, dann hat die Familie große Angst, dass zum Beispiel die nicht behinderten Mädchen nicht geheiratet werden. In der Tat ist diese Angst nicht ganz unberechtigt. Denn die meisten Krankheiten, die hier zu Behinderungen führen, entstehen dadurch, dass immer wieder in der gleichen Großfamilie geheiratet wird. Heirat zwischen Verwandten ist hier das Übliche und das führt zu genetischen Problemen. Wir setzen Aufklärung dagegen und sprechen Mütter an, dass sie nicht ihre Töchter mit einem Cousin verheiraten; aber das ist Tradition.

Ist die Rate an Behinderungen denn höher als woanders?

Das würde ich so bejahen, wenngleich es leider keine genauen Statistiken gibt. Ich habe das Gefühl, dass man sich nicht an das Problem heranwagen will. Denn es ist ein heißes Eisen. Wie will man das außerdem organisieren? Eine Regierung kann ja schlecht sagen, heiratet nun nicht mehr eure Verwandten. Im Moment wird das Problem totgeschwiegen und ignoriert. Da kann man langfristig natürlich nichts ändern.

Welche Präventionsmaßnahmen gibt es und welche Rolle spielen Frauen dabei?

Die Arbeit mit Frauen stellt einen Schwerpunkt unserer Arbeit dar. In der Frühförder-Arbeit von Lifegate haben wir nun seit Jahren einen wöchentlichen Mutter-Kind-Treffpunkt. Da treffen sich bei uns jeden Freitag Mütter, die behinderte Kinder haben – oft mehr als ein Kind – weil genetische Probleme wiederholt auftreten. Die Frauen tragen eine ganz schwere Last. Sie werden oft verantwortlich gemacht für die behinderten Kinder, obwohl das genetische Problem aus der Familie des Mannes kommt. In diesem Mutter-Kind-Treffpunkt haben wir einen Platz geschaffen, wo diese Mütter durchatmen können. Wir nehmen ihnen in dieser Zeit die Kinder ab, die Frauen haben gemeinsam ein Programm, das sie selber besprechen und das sie selber entscheiden. Wir bringen oft einen Input von unserer Seite aus. So informieren wir über die Krankheitsbilder, bauen praktische Spiele, die dann zuhause gespielt werden können, oder machen Ausflüge. Wir haben jetzt über 30 Mütter in den vergangenen zwei Jahren ausgebildet, wie sie ihre Kinder zuhause am besten fördern können. Diese ausgebildeten Mütter helfen heute mit, andere Frauen anzuleiten und für Lifegate zu gewinnen. Wir machen sehr gute Erfahrungen damit. Wir waren an mehreren Orten im Land und haben dort Elterninitiativen hinterlassen, die sich nun weiter um die Kinder kümmern. Bei unserem Rehaprogramm sind wir mittlerweile sehr radikal: Die Eltern in unserer Einrichtung haben ihre Aufgabe und wir haben unsere Aufgabe. Wenn die Eltern ihre Aufgaben nicht machen, dann ziehen wir uns ebenfalls zurück. Wir wissen sehr wohl, dass wir in den sechs Stunden, in denen die Kinder im Förderbereich sind, die Welt nicht umdrehen. Die Eltern müssen am Nachmittag, am Wochenende und in den Ferien ihren Beitrag leisten. Gott sei Dank machen das viele Eltern.

Sie arbeiten mit israelischen und palästinensischen Behörden zusammen. Welche Erfahrung haben Sie mit den Behörden gemacht?

Wir kriegen viele gute Worte. Aber es ist einfach kein Geld da für die Arbeit, die wir tun. Ab und an erhalten wir mal eine Unterschrift, die wir für eine Steuerbefreiung benötigen, die uns als gemeinnützige Organisation zusteht. Was viel praktischer ist und auch besser läuft ist der Kontakt, die Vernetzung zum Beispiel im Raum Bethlehem mit lokalen, aber auch ausländischen Einrichtungen. Wir haben hier ein regelrechtes Netzwerk und versuchen einander zu ergänzen oder Arbeitsbereiche nicht zu duplizieren. Was ein anderer macht, das brauchen wir nicht zu machen. Wir setzen unsere Schwerpunkte: Frühförderarbeit plus Berufsausbildung. Da sind wir bis heute die einzige Reha-Einrichtung im ganzen Westjordanland.

Gibt es einen Unterschied, wie Israelis und Palästinenser mit behinderten Menschen umgehen?

Viele unserer Kinder und jungen Menschen, die spezielle Fachärzte brauchen, werden in israelischen Krankenhäusern und Kliniken angeschaut und sehr gut behandelt. Das Menschenbild, das wir da vorfinden, entspricht stark unserem christlichen Menschenbild. Ich habe manchmal den Eindruck, dass es in der palästinensischen Gesellschaft mehr Hoffnungslosigkeit und Hilflosigkeit gibt, die Ärzte nicht handeln lässt. Es ist sicherlich nicht das Können oder fehlendes Know-how. Aber es ist mehr die Einstellung: das Kind kann sowieso nicht laufen, warum soll man jetzt groß Geld investieren, teure Untersuchungen durchführen, die Familie hat sowieso kein Geld. All diese Dinge spielen sicher eine Rolle, dass diese Versorgung noch nicht so optimal ist, wie wir uns das wünschen.

Zur Situation der Christen: Die gilt bekanntlich als schwierig. Ihre Mitarbeiter sind palästinensische Christen. Mit welchen Problemen sind sie bei der Arbeit konfrontiert?

Lifegate ist eine christliche Organisation, das heißt, dass wir hier Christen haben ganz verschiedenen spirituellen und konfessionellen Hintergrundes. Wir haben griechisch-orthodoxe Leute, römisch-katholische, evangelische und freikirchliche Mitarbeiter. Unser Anspruch ist, dass wir sagen, wir wollen als Christen ansteckend wirken, wir wollen Hoffnung vermitteln, wir wollen nicht den Kopf in den Sand stecken, und mit den Wölfen heulen, die nur immer das Schlimme beklagen, das es hier auch genügend gibt. Die Christen stehen mit dem Rücken an der Wand in dieser Gesellschaft. Es gibt zwar keine Christenverfolgung in dem Sinn, aber es gibt einfach die Tatsache, dass, wenn Christen ihre Stellung verlieren und es rückt jemand von einer anderen Religion nach, dass Christen so gut wie kaum noch eine Chance haben, das zurückzubekommen. Und es gibt auch diese Hoffnungslosigkeit, dass viele Christen für ihre Kinder hier keine Zukunft mehr sehen und versuchen, auszuwandern. Lifegate versucht den Christen den Rücken zu stärken, indem wir Arbeitsplätze für sie schaffen, damit sie hierbleiben. Und wir schauen, dass die Kinder eine gute Ausbildung bekommen. Wir unterstützen, wo wir können, aber es ist auch ein inneres Anliegen, weil wir einfach ein Stück unseres Glaubens durch unsere Arbeit hier weitergeben wollen. Konflikte mit Moslems hatten wir hier noch nicht.