Befehl zur Selbstversenkung

"Porro bibitur": Vor 100 Jahren wehrte sich die deutsche Kriegsflotte auf überraschende Weise dagegen, an die Siegermächte ausgeliefert zu werden Von Carl-Heinz Pierk

Skagerrakschlacht vor 100 Jahren
Unvergessen: Ein Ölgemälde der Skagerrakschlacht, der größten Seeschlacht des Ersten Weltkriegs, von Marinemaler Claus Bergen (1885–1964).dpa Foto: Foto:
Skagerrakschlacht vor 100 Jahren
Unvergessen: Ein Ölgemälde der Skagerrakschlacht, der größten Seeschlacht des Ersten Weltkriegs, von Marinemaler Claus B... Foto: Foto:

Paragraf 11. Bestätigen!“ – gegen 11 Uhr am 21. Juni 1919 gab Konteradmiral Ludwig von Reuter diesen Befehl an die 74 Schiffe der deutschen Hochseeflotte, die seit Ende November 1918 in dem britischen Flottenstützpunkt Scapa Flow lagen. Es war der Befehl zur Selbstversenkung. Das Deutsche Reich war im Waffenstillstandsabkommen verpflichtet worden, seine Hochseeflotte an die Siegermächte auszuliefern.

Wenige Tage später verlassen 74 deutsche Kriegsschiffe Wilhelmshaven. In einem 50 Kilometer langen Konvoi nehmen sie Kurs auf Scapa Flow, die traditionelle Heimatbasis der britischen Marine inmitten der Orkney-Inseln. Gemäß Paragraph 23 des Waffenstillstandsabkommens von Compiegne wird der Verband in dem ausgedehnten Naturhafen nördlich von Schottland interniert. Die kaiserliche Kriegsflotte, neben der Royal Navy die schlagkräftigste ihrer Zeit, ist eine Art stählerne Geisel während der Friedensverhandlungen von Versailles. Da diese Bucht gut geschützt liegt, wurde sie in der Geschichte öfter als Naturhafen benutzt. Die britische Marine richtete im Ersten Weltkrieg wie auch im Zweiten Weltkrieg hier den Hauptstützpunkt ihrer Flotte ein. In beiden Weltkriegen versuchten deutsche U-Boote, in die Bucht einzudringen.

Die Schiffe waren entwaffnet worden und nur mit Notbesatzungen besetzt. Die Aufsicht über diese 74 Schiffe wurde von alliierter Seite Admiral David Beatty übertragen. Während der Überführungsfahrt zwang er die deutschen Kommandanten, die britische Flagge über der eigenen zu setzen, ein sichtbares Zeichen der Demütigung. Die Gesamtzahl des Personals zur Sicherung und Instandhaltung der Schiffe betrug zunächst 4 500 Mann, was einem Bruchteil der Sollbesatzungen entsprach. Mitte Juni 1919 wurden die Besatzungen nochmals um rund 2 200 Mann reduziert. Alle wertvollen Ausrüstungsteile wie etwa nautische Instrumente waren vor dem Auslaufen in Deutschland entfernt worden. Den Schiffen waren weder Munition noch Waffen zugestanden worden, ferner hatten die Mannschaften sich selbst mit Verpflegung zu versorgen.

Gleich nachdem die Grand Fleet (Große Flotte) am Vormittag des 21. Juni 1919 Scapa Flow zu einem Manöver in der Nordsee verlassen hatte, erschien die Gelegenheit günstig, und von Reuter ließ um 11.00 Uhr per Flaggensignal den 74 Schiffen der in Scapa Flow ankernden Flotte den Befehl „Paragraf Elf. Bestätigen!“ übermitteln. Es war ein zuvor von den Offizieren in Anlehnung an den Paragrafen 11 des Biercomments von Studentenverbindungen („porro bibitur“!) vereinbartes Codewort, um eine Beschlagnahme der Flotte durch die Siegermächte zu verhindern. Da von Reuter nicht an eine Annahme des Friedensvertrages von Versailles glaubte, wollte er die Flotte nicht in britische Hände fallen lassen. Fürchtete der deutsche Admiral ein Wiederaufflammen des Krieges gegen die Briten? Die Vorbereitungen zur Selbstversenkung waren bereits zuvor getroffen worden, ohne dass die britischen Bewacher es bemerkt hatten. Die Seeventile der deutschen Schiffe wurden geöffnet, die Verschlüsse anschließend unbrauchbar gemacht, die Türen zwischen den wasserdichten Abteilungen geöffnet und im offenen Zustand verkeilt.

Als die Briten bemerkten, was wirklich geschah, war es für ein wirkungsvolles Eingreifen zu spät. Um 12.16 Uhr versank als erstes Schiff das Großlinienschiff (Schlachtschiff) „SMS Friedrich der Große“ und als letztes die „SMS Hindenburg“ um 17.00 Uhr. Mit Ausnahme eines Linienschiffes, dreier Kleiner Kreuzer und der „SMS Nürnberg“ und elf Torpedobooten versanken alle deutschen Schiffe.

Neun deutsche Seeleute verloren ihr Leben

Die Frage des Verbleibs der Flotte nach dem Abschluss des Waffenstillstandes hatte zu den strittigen Punkten unter den Alliierten auf der Friedenskonferenz von Versailles gehört. Unstrittig jedoch ist, dass die Versenkung der Schiffe ein Bruch der Waffenstillstandsbedingungen war, die es verboten, militärische Ausrüstung zu zerstören. Von Reuter wurde daher des Vertragsbruchs beschuldigt und in Kriegsgefangenschaft genommen, während die Besatzungen als Gefangene in ein Militärlager in der Nähe der schottischen Hafenstadt Invergordon überführt wurden. Fast alle Wracks wurden in der Zwischenzeit gehoben, aber immer noch liegen sieben Schiffe am Meeresgrund. Sie dienen als beliebtes Ziel für Tauchausflüge.

In Deutschland ist die Selbstversenkung der Hochseeflotte ein von der Öffentlichkeit fast vollständig vergessenes Kapitel der Seekriegsgeschichte. Dabei war mit der bisher größten Selbstversenkung einer Kriegsflotte der Kern der Kaiserlichen Marine zerstört. Neun deutsche Seeleute verloren ihr Leben. Sie fielen entweder im Handgemenge mit britischen Marinesoldaten wie der Kommandant der „SMS Markgraf“, der auf seinem Schiff erschossen wurde, oder wurden in ihren Rettungsbooten erschossen. Es waren die letzten deutschen Kriegstoten des Ersten Weltkriegs. Ihre Ruhestätten befinden sich in einem Marinefriedhof oberhalb der kleinen Siedlung in Lyness auf der Insel Hoy. Unter den Toten war der 19-jährige Maschinisten-Anwärter Kuno E. vom kleinen Kreuzer „Frankfurt“. Er fiel nicht bei der Selbstversenkung, sondern wurde von einem britischen Matrosen am 23. Juni 1919 an Bord des Schlachtkreuzers „Resolution“ angeschossen.

Kuno E. erlag vier Tage später auf dem Lazarettschiff „Abukir“ seinen Wunden. Zwar desertierte der britische Matrose unmittelbar nach der Straftat, musste sich aber 1920 vor Gericht verantworten. Die Familie des getöteten deutschen Soldaten erhielt vom britischen Staat eine Entschädigung für den Verlust des Sohnes von 300 Pfund.

Aus militärischer Sicht erwies sich die Kaiserlich Deutsche Marine übrigens als Fehlinvestition. Großbritannien wie auch das Deutsche Reich scheuten eine direkte Konfrontation auf See, um ihre kostspieligen Hochseeschiffe nicht zu gefährden. Im November 1914 verhängten die Briten eine Seeblockade, welche die deutsche Flotte nicht durchbrechen konnte. Es gelang ihr auch nicht, den Nachschub der Briten über den Kanal zu unterbinden. Zu einem Kräftemessen zwischen der britischen und der deutschen Flotte kam es in der Seeschlacht vor dem Skagerrak. Es war die größte Seeschlacht des Ersten Weltkriegs zwischen der deutschen Hochseeflotte und der Grand Fleet der Royal Navy vom 31. Mai 1916 bis zum 1. Juni 1916 in den Gewässern vor Jütland. Die Deutschen konnten zwar fast doppelt soviel Schiffsraum versenken wie die Briten, doch an der strategischen Lage hatte sich nichts verändert. Die britische Blockade bestand weiter, nichts war gewonnen.