Aus Johannes wird Jesus

Die Hauptdarsteller der Oberammergauer Passionsspiele 2010 sind ausgewählt worden

Oberammergau (DT/KNA) Samstagmittag hielt die Oberammergauer nichts mehr daheim. Sie fanden sich mit Kindern, Hunden und Skateboards vor dem Passionsspielhaus ein. Unter die Einheimischen hatten sich manche Feriengäste und Journalisten gemischt. Sie alle wollten wissen, wer bei den berühmten Passionsspielen 2010 die Hauptrollen übernehmen wird. Die erwartungsvollen Blicke richteten sich auf zwei Tafeln und Willi Häßler. Der kam Schlag ein Uhr und griff zur weißen Kreide. Zuerst war ein „O“ zu erkennen, nach und nach dann ein „Otto“ und schließlich noch ein „Huber“. Damit war entschieden: Der Dramaturg der Passionsspiele ist auch einer der Prologsprecher. Seelenruhig machte der 78-jährige Häßler mit seiner Schönschrift weiter. 21 Hauptrollen in zweifacher Besetzung waren zu vergeben, und alle Namen wurden aufnotiert.

In geheimer Abstimmung hatte am Abend zuvor der Gemeinderat über die Liste von Spielleiter Christian Stückl abgestimmt, begleitet von einer vierstündigen Diskussion. Am Ende hatte der Regisseur seine „Wunschmannschaft“ zusammen. Natürlich werde es für manche eine Enttäuschung, für andere aber eine Überraschung geben, ließ er die Leute wissen: „Nehmt es sportlich!“ – und fügte hinzu, dass Theater immer ein Gemeinschaftswerk sei. Die Passionsspiele in Oberammergau werden alle zehn Jahre aufgeführt.

Sämtliche Augen waren nach vorne gerichtet, als es um „Jesus“ ging. „Frederik“ stand irgendwann da. Da war Kerstin Mayet klar, das konnte nur ihr 29-jähriger Sohn sein. „Ich hab‘s gewusst“, sagte sie glücklich und wurde von allen Seiten beglückwünscht, als der volle Name erschien. Bei der Passion 2000 hatte der Bub den Lieblingsjünger Johannes gespielt. „Damals habe ich ihm gesagt, dass er in zehn Jahren das richtige Alter für den Jesus haben werde.“ Die frohe Botschaft musste sie gleich noch der Oma über Handy mitteilen. Für Mayet und die weitere Jesus-Besetzung Andreas Richter (32) – „ich bin Psychologe, vielleicht hilft das was“, kam die Rolle überraschend. Noch zwei Stunden später meinte Mayet, ihm schlotterten ganz schön die Knie. Eine große Aufgabe haben die beiden jungen Männer da übertragen bekommen. „Ihr schafft das“, ist der Regisseur überzeugt. Die Maria verkörpern Ursula Burkhart (47) und Andrea Hecht (47). Wer von den jeweiligen Doppelbesetzungen der Rollen in der Premiere unter der Regie von Spielleiter Christian Stückl am 15. Mai 2010 spielen wird, entscheidet das Los.

Zum dritten Mal ist Stückl im nächsten Jahr als Spielleiter verantwortlich für die Passion in Oberammergau. Dabei macht er sich stets erneut auf die Suche, diesen Jesus zu begreifen. Ursprünglich gefiel ihm das Rebellische an dem Charakter. Heute, mit 47 Jahren, imponiert ihm die Geradlinigkeit, mit der Jesus durch sein Leben geht. Mit Dramaturg Huber und dem Münchner Pastoraltheologen Ludwig Mödl sind die drei Männer dabei, den Text zu überarbeiten. Stückl will mehr von der Bergpredigt hineinbringen und den Anfang des Spiels ändern. Ihn stört, dass Jesus als erstes mit der Peitsche auftritt, um die Händler aus dem Tempel zu vertreiben. Im November geht es mit den Proben los, am 15. Mai 2010 ist dann Premiere. Danach folgen mehr als 100 Aufführungen bis Oktober, die erstmals bis in die Nacht hinein dauern. In dieser Zeit müssen alle Laienschauspieler sehen, wie sie mit der Doppelbelastung fertig werden.

Mayet darf als Verantwortlicher für die Pressearbeit im Münchner Volkstheater und für die Passionsspiele für sich als Jesus gleich noch selber die PR mitmachen. Die Dimension der Jesus-Rolle hat einer der Väter der Darsteller gleich für sich erkannt. Scherzhaft meinte er zum Sohn: „Wenn Du jetzt Jesus bist, dann bin ich Gott.“

Vor der Bekanntgabe der Hauptdarsteller erneuerten am Samstagmorgen die Bürger von Oberammergau auch ihr Gelübde, das auf das Jahr 1633 zurückgeht. Damals versprachen die Bürger des oberbayerischen Ortes, regelmäßig das Spiel vom Leiden und Sterben Jesu aufzuführen, um die damals grassierende Pestseuche abzuwenden. Der elfjährige Christoph Stöger sprach im Passionsspielhaus die Formel. Dazu wurde – erstmals in der Geschichte der Spiele – ein ökumenischer Gottesdienst gefeiert. Der Münchner Weihbischof Franz Dietl hob hervor, alle Christen in Oberammergau stellten sich gemeinsam der Aufgabe, „sich selbst und den vielen Besuchern das Spiel vom Leben, Leiden und Sterben des Erlösers vor Augen zu stellen“. Das Bemühen um die bestmögliche, bibeltreue und zeitgerechte Darstellung bringe immer auch schmerzliche Auseinandersetzungen mit sich. Zudem rührten die Darsteller mit dem Spiel an die Ängste, Demütigungen, Verletzungen und Verstrickungen der Zuschauer. Diese würden aber mit dem Zeugnis der Auferstehung getröstet und selber im Glauben ergriffen.

Die evangelische Münchener Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler sagte, mit den Passionsspielen werde die erlösende Botschaft des Evangeliums inszeniert. Menschen seien niemals gottverlassen, auch nicht, „wenn uns unser Kreuz schier zu Boden drückt“. Gott erwarte nicht die „ewigen Strahlemänner und Powerfrauen“, seine Liebe gelte allen Menschen mit ihren Leidensgeschichten und Glücksmomenten.

Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) betonte in seinem Grußwort, die Passion sei ein herausragendes Bekenntnis zu den christlich-abendländischen Wurzeln und Sinnbild für die Kernbotschaften des christlichen Glaubens.