Auch Haitis Kirche schwer getroffen

Nach Erdbeben Erzbischof von Port-au-Prince unter den Opfern – Vatikan organisiert Hilfe

Würzburg (DT/KNA) Das schreckliche Erdbeben in Haiti, bei dem mittlerweile bis zu über 50 000 Tote befürchtet werden, hat auch Opfer innerhalb der katholischen Kirche gefordert – darunter der Erzbischof der Hauptstadt Port-au-Prince, Serge Miot, der in den Trümmern zu Tode kam. Das meldete der römische Missionspressedienst Fides unter Berufung auf Vatikanbotschafter Erzbischof Bernadito Auza. Die Kathedralkirche Notre Dame, der Sitz des Erzbischofs sowie die Priesterseminare der haitianischen Hauptstadt seien völlig zerstört, sagte der Nuntius dem Pressedienst. Gemeinsam mit dem 63-jährigen Erzbischof Miot lägen auch Dutzende Priester und Theologiestudenten unter den Trümmern begraben. Laut misna wird weiter befürchtet, dass Generalvikar Charles Benoit bei dem Beben ums Leben kam. Miot wurde 1997 als Erzbischof-Koadjutor an die Spitze der Ortskirche von Port-au-Prince berufen. 2008 übernahm er die Leitung als Erzbischof. Von den rund neun Millionen Einwohnern Haitis sind nach Vatikanangaben sieben Millionen Katholiken. Unter den Opfern befindet sich auch die Präsidentin der bischöflichen Kinderpastoral Brasiliens, Zilda Arns, wie jetzt die Brasilianische Bischofskonferenz bestätigte.

Es gibt aber auch beruhigende Nachrichten. Die fränkische Ordensfrau Maria Pfadenhauer hat nach Angaben des Erzbistums Bamberg das Erdbeben in Haiti überlebt. Sie sei in einem Sanitätszelt in der Hauptstadt Port-au-Prince gesehen worden, wo sie Verletzte versorge, sagte eine Sprecherin auf Anfrage. Pfadenhauer, die seit mehr als 40 Jahren für eine Schweizer Gemeinschaft von Laienmissionaren in dem Karibikstaat als Krankenschwester und Katechistin lebt und arbeitet, galt seit der Katastrophe als vermisst. Die 68-jährige Frau aus dem oberfränkischen Landkreis Kronach war erst vor einer Woche nach einem Besuch in Franken nach Haiti zurückgekehrt. Hans Pietz, der Bürgermeister von Pfadenhauers Heimatgemeinde Friedersdorf, sagte dem Bayerischen Rundfunk, das Haus der Ordensschwestern in Port-au-Prince sei zerstört worden. Die Frauen seien in eine Bergregion gebracht worden, wo sie in einem Zelt lebten. Die Friesdorfer wollten nun Spenden für die Ordensschwestern auf Haiti sammeln, kündigte der Bürgermeister an.

Mittlerweile ist die Hilfsarbeit des Vatikans angelaufen. Der päpstliche Rat „Cor unum“ für humanitäre Dienste hat das US-amerikanische Hilfswerk „Catholic Relief Services“ mit der Koordination der kirchlichen Nothilfe in Haiti beauftragt. Mit über 300 seit längerem im Land befindlichen Mitarbeitern verfüge die bischöfliche Organisation über Erfahrung und Ressourcen für effektive Maßnahmen, hieß es in einer vatikanischen Mitteilung. Zugleich erinnerte die von Kardinal Paul Josef Cordes geleitete Vatikanbehörde an den Hilfsappell des Papstes. Benedikt XVI. hatte am Mittwoch ein unverzügliches Engagement katholischer humanitärer Hilfswerke in der Katastrophenregion zugesichert und die Gläubigen zu großzügigen Spenden aufgerufen.

Von politischer Seite aus werden die EU-Entwicklungsminister am Montag in Brüssel über die weitere Hilfe für Haiti nach dem Erdbeben beraten. EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton sagte, Ziel sei es, die weiteren Maßnahmen zu koordinieren und die vorhandenen Informationen auszutauschen. Zahlreiche EU-Staaten hätten Rettungsteams, Wasseraufbereitungsanlagen, Zelte, Feldbetten, medizinische Güter und Geld zur Verfügung gestellt. Die EU sei dabei, die Hilfen zu koordinieren. Ashton kündigte an, in der kommenden Woche mit US-Außenministerin Hillary Clinton in Washington über die Koordinierung der Hilfe zu beraten. Mit Clinton habe sie ebenso telefoniert wie mit UN-Generalsekretär Ban Ki Moon. Ashton sagte, mit Spanien und Frankreich werde derzeit beraten, wie EU-Bürger aus dem Katastrophengebiet evakuiert werden könnten. Über die Zahl von EU-Bürgern unter den Opfern wollte die EU-Außenbeauftragte keine Angaben machen. Sie bestätigte, dass derzeit noch ein EU-Vertreter in Haiti vermisst werde.

Die Hilfe aus Deutschland wird auch von katholischen Organisationen und Hilfswerken wie Caritas und Malteser International, Misereor, Adveniat, Don Bosco Mission und anderen sowie anderen Hilfsorganisationen wie beispielsweise dem Deutschen Roten Kreuz übernommen – sie können zum Teil auf Helfer zurückgreifen, die in Haiti leben, müssen aber den Großteil ihrer Teams erst in den verwüsteten Staat schicken, was wegen der zerstörten Infrastruktur nicht einfach ist.

Die Verzweiflung ist im Land zu greifen. Nicht einmal mehr Staatspräsident Rene Preval weiß, wie es weitergehen soll. Orientierungslos und sichtlich gezeichnet irrt der Mann auf dem Flughafen der Hauptstadt Port-au-Prince umher: „Ich muss mich jetzt darum kümmern, so viele Menschen wie möglich zu retten“, sagt der Politiker, dessen Präsidentenpalast bei dem verheerenden Erdbeben am Dienstag in sich zusammenbrach. Wie das gelingen soll, ist allerdings völlig unklar. Von der Idee, auf dem Flughafen Position zu beziehen, ist der grauhaarige Politiker nicht wirklich überzeugt. Auch hier sind die Schäden enorm. Preval ist in diesem Moment wahrscheinlich die einzige amtierende Staatschef der Welt ohne Büro, Verwaltung und Mitarbeiterstab. Haiti ist geradezu führungslos dem Chaos ausgeliefert. Wie hilflos die Politik in Haiti derzeit agiert, wird nur wenige Minuten später in einem Interview mit dem TV-Sender CNN deutlich: Auf die Frage des Interviewers, mit wie vielen Toten Preval denn rechne, antwortet der Präsident: Zwischen 30 000 und 50 000 – das hätte er doch gerade bei CNN gehört. Über eigene verlässliche Informationen verfügt der Präsident offenbar nicht. Zwei Tage nach der schrecklichen Naturkatastrophe wird vor allem eines klar: Die Strukturen des Staates Haiti existieren nicht mehr. Vieles erinnert an die Situation nach der Tsunami-Katastrophe vor fünf Jahren in Asien: Tag für Tag wurden die Nachrichten schlimmer, erst nach Wochen wurde das gesamte Ausmaß der Schäden deutlich.

Zurück zur katholischen Kirche in Haiti: Niemand kann bislang sagen, wie viele Menschen sie, der die Mehrheit der Menschen angehören, auf Haiti bislang wirklich verloren hat. Dabei ist sie bislang eine der wenigen funktionsfähigen Organisationen im Land. Versuche, mit den Diözesen vor Ort Kontakt aufzunehmen, scheitern, weil das Kommunikationsnetz komplett zusammengebrochen ist. Die wenigen Nachrichten, die trotzdem nach draußen dringen, sind schlecht. Fast jede internationale kirchliche Hilfsorganisation vor Ort hat Opfer zu beklagen. Auch unter den UN-Friedenstruppen, die seit Jahren auf Haiti stationiert sind, gibt es zahlreiche Opfer. Die, die mit dem Leben davongekommen sind, helfen so gut es geht: Die Kirche und ihre Hilfsdienste scheinen bis zum Eintreffen der internationalen Hilfskräfte die einzige noch halbwegs funktionierende Institution – sofern bei dem allgemein herrschenden Chaos davon überhaupt noch die Rede sein kann. Und die Zustände auf der Insel werden immer katastrophaler: Zehntausende Menschen campieren unter freiem Himmel. Sie haben alles verloren: Ihr Dach über dem Kopf, die Angehörigen, ihr gesamtes Hab und Gut. Es gibt kein Trinkwasser, keine Nahrung, keine Medikamente. Wo all diese Menschen in den nächsten Tagen schlafen sollen, ist unklar. Der Ausbruch von Seuchen ist vorprogrammiert. In den wenigen Hospitälern, die nicht eingestürzt sind, wird bis zur Erschöpfung gearbeitet. Doch das medizinische Personal kann nicht einmal ansatzweise die vielen Opfer behandeln, die vor den Toren der Krankenhäuser warten. Und in den schwer zugänglichen Gebieten in der Hügellandschaft rund um Port-au-Prince warten noch unzählige Verletzte auf Hilfe, die bislang von der Außenwelt abgeschnitten sind. Die Erkenntnis, die sich nach dem ersten Schock durchsetzt, ist schlimmer als das Erdbeben selbst: Die wirkliche Katastrophe steht Haiti erst bevor.