Arm in Berlin

Zuwanderung aus dem Osten: In der Hauptstadt wächst die Zahl der Bedürftigen. Von Josefine Janert

Roland (60) lebt seit zwölf Jahren auf der Straße. Im Sommer zieht er in wärmere Gefilde, bis nach Italien. Foto: Janert
Roland (60) lebt seit zwölf Jahren auf der Straße. Im Sommer zieht er in wärmere Gefilde, bis nach Italien. Foto: Janert

Roland hat alles, was er besitzt, in zwei Taschen gepackt. Die eine trägt er über der Schulter, die andere fährt er auf Rollen hinter sich her. Er ist 60 Jahre alt. Essensreste hängen in seinem Bart, und ein dunkler Streifen an seiner Hose zeigt, dass er kürzlich eingenässt hat. Roland lebt seit zwölf Jahren auf der Straße. Im Sommer zieht er in wärmere Gefilde, bis nach Italien. Im Winter hält er sich gern in Berlin auf. Dann kommt er ab und zu in die Suppenküche der Franziskaner im Bezirk Pankow. Oft ist er alkoholisiert, so wie heute. Was er davon hält, dass immer mehr Obdachlose aus Ost- und Südosteuropa in der Hauptstadt leben? „Solange sie die Fresse halten und machen, was gesagt wird, ist es okay“, nuschelt er mit zahnlosem Mund.

Dann zieht er eine Flasche Korn aus seiner Tasche. „Nein, nein!“, ruft Monika, eine Frau mit glattem weißen Haar, randloser Brille und weichen Gesichtszügen. „Alkohol ist hier drinnen verboten!“ Monika war früher Krankenschwester. Jetzt ist sie pensioniert und arbeitet als Ehrenamtliche in der Suppenküche mit. Sie möchte etwas Sinnvolles tun. „Außerdem kann das Rentnerleben sehr separieren“, sagt sie. In dem Jahr, in dem sie schon mit dabei ist, hat Monika gelernt, dass es nötig ist, gegenüber Männern wie Roland resolut aufzutreten.

Roland guckt enttäuscht, lässt aber den Schnaps in die Tasche zurückgleiten. Er wartet darauf, dass endlich die Glocke läutet. Dienstags bis sonntags kündigt sie um 12.45 Uhr die Ausgabe einer warmen Mahlzeit an. Schon ab 12 Uhr bildet sich regelmäßig eine lange Schlange. Fast nur Männer, die alterslos wirken in ihrer zumeist schmutzigen Kluft. Russische und polnische Wortfetzen sind zu hören, auch andere Fremdsprachen, aber kein Arabisch. „Das liegt daran, dass wir deutsche Hausmannskost anbieten – mit Schweinefleisch“, sagt der Psychologe Bernd Backhaus, der die Suppenküche leitet. „Wir bekommen viele Spenden von Supermärkten. Denen können und wollen wir nicht sagen, dass wir Schweinefleisch nicht annehmen.“ Die Kleiderkammer der Franziskaner werde aber von vielen arabischen Flüchtlingen genutzt. Nach Schätzungen von Sozialverbänden haben rund 20 000 Menschen in Berlin keine eigene Wohnung. Bis zu 6 000 sollen auf der Straße leben. Das liegt nicht nur an den drastisch gestiegenen Mieten und dem eng gewordenen Wohnungsmarkt. Zu den Bedürftigen deutscher Herkunft stießen in den vergangenen Monaten vermehrt Wohnungslose aus Polen, dem Baltikum und Russland, wo es kaum ein soziales Netz gibt. Hinzu kommen Roma aus den Balkanländern, Flüchtlinge und Menschen, die sich illegal in Deutschland aufhalten. „Viele Berliner verstehen nicht, dass es für jemanden aus Rumänien ein gutes Leben ist, wenn er hier die Obdachlosenzeitung verkauft“, sagt Annette Schymalla. Sie ist für MOBI.Berlin tätig, eine mobile Beratungsstelle für Zugewanderte aus Südosteuropa, die zur Caritas gehört. Die zehn Mitarbeiter sprechen Bulgarisch, Rumänisch, Russisch, Türkisch und Deutsch und unterstützen Menschen etwa bei Fragen zum Aufenthaltsrecht, gesundheitlichen Problemen und auf der Suche nach Deutschkursen. Die Sozialwissenschaftlerin sagt: „In Südosteuropa leben Menschen in extremster Armut.“ Roma würden auf der untersten Stufe der Gesellschaft vegetieren und im Alltag ständig diskriminiert werden. Die Herkunftsländer würden auch keine Bestrebungen zeigen, die Auswanderung nach Deutschland zu stoppen oder gar ihre Bürger zurückzuholen. Viele Einheimische und Touristen empfinden die zugewanderten Bedürftigen als Belastung. Wer eine Sehenswürdigkeit besucht, dem kann es passieren, dass er plötzlich umringt ist von Familien, die aggressiv betteln oder sogar stehlen. Auf der Straße trifft man auf stark alkoholisierte Männer, die vor sich hin lallen. Bedürftige aus unterschiedlichen ethnischen Gruppen geraten im öffentlichen Raum miteinander in Streit: Russen mit Polen oder Balten, Deutsche mit Roma. „Solche Animositäten zwischen einzelnen Gruppen erleben wir hier auch, obwohl sich die Suppenküche im ruhigen Pankow befindet, also am Stadtrand“, sagt Bernd Backhaus. In den Hilfseinrichtungen im Stadtzentrum werden solche Konflikte seinen Beobachtungen nach noch viel heftiger ausgetragen. Im vergangenen Sommer erreichte die Aufregung einen Siedepunkt, als eine bekannte Kunsthistorikerin im Tiergarten beraubt und ermordet wurde – mutmaßlich von einem Mann aus Tschetschenien, dessen Asylantrag zuvor abgelehnt worden war. Im Tiergarten, einem riesigen Park, hausten Wohnungslose aus aller Herren Länder wochenlang in illegalen Zeltlagern. Ende Oktober ließen die Behörden die Camps räumen. Doch nach wie vor meiden viele Einheimische den Park, weil sich dort Süchtige aufhalten und junge Flüchtlinge auf den Strich gehen, wie die Berliner Medien ausführlich berichten. Annette Schymalla ist der Ansicht, dass das Räumen von Zeltlagern kaum etwas bringt: „Das ist keine Lösung des Problems, sondern eine Umverteilung.“ Die Bedürftigen würden dann an einen anderen Ort in Berlin weiterziehen. Wenn sie sich etwa vom Kältebus der Berliner Stadtmission in eine Notübernachtung bringen lassen würden, müssten sie ihre Habe auf der Straße zurücklassen, und das wollten viele nicht. Außerdem, sagt Annette Schmylla, gebe es nicht genug Notübernachtungsplätze. Diese seien auch nicht darauf ausgerichtet, dass im Unterschied zu früheren Jahren nicht nur Männer kommen, sondern vermehrt Familien mit Kindern in allen Altersgruppen, etwa aus Südosteuropa. Die Sozialwissenschaftlerin erzählt von Roma, die in Berliner Hilfseinrichtungen diskriminiert worden seien – sowohl von anderen Bedürftigen als auch von Angestellten und Ehrenamtlichen: „Dann heißt es: ,Wir nehmen keine Rumänen!‘ oder ,Wir nehmen nicht die ganze Gruppe!‘“

Das soziale Netz sollte man ausbauen

Die Lösung besteht ihrer Ansicht nach darin, das soziale Netz Berlins weiter auszubauen. In Hilfseinrichtungen nur Deutsche aufzunehmen, wie es die Essener Tafel ausprobiert hat, hält Annette Schymalla „nicht für eine modellhafte Lösung“. Gleichzeitig äußert sie ihren Ärger darüber, dass die Ehrenamtlichen der Essener Tafel als Rassisten beschimpft wurden.

„Wenn jemand seine Freizeit dafür opfert, so eine schwere Aufgabe zu übernehmen, dann verlangt das Respekt“, sagt sie. Bedürftige zu betreuen, von denen ja viele eine Suchterkrankung hätten, sei eigentlich eine Aufgabe für Fachkräfte, nicht für Ehrenamtliche. In der Suppenküche der Franziskaner in Berlin-Pankow ist Monika, die Ehrenamtliche, in ein Gespräch vertieft. Dass sie sich als ehemalige DDR-Bürgerin an ihr Schulrussisch erinnert, kommt hier jetzt zupass. Ansonsten verständigt sie sich einfach mit Händen und Füßen. Etwas später sagt sie: „Meine Hilfe besteht vor allem im Zuhören. Ratschläge wollen die meisten nicht hören. Ich bin Begleiter, nicht Veränderer.“