Arbeit zwischen Zweck und Sinn

Menschen und Stress: Wie die Entwicklungen der Arbeitswelt die seelische Gesundheit beeinflussen. Von Hans-Bernhard Wuermeling

Gefangen in der Arbeit: Auch zu später Stunde sind die Büros noch besetzt. Foto: dpa
Gefangen in der Arbeit: Auch zu später Stunde sind die Büros noch besetzt. Foto: dpa

Viele Faktoren bedrohen unser Gesundheitswesen. Entsprechend vielfach sind die Versuche, diesen Gefahren Einhalt zu gebieten. Eine der am schwersten erkennbaren und am schwersten zu bekämpfenden Gefahren besteht in den zunehmenden Störungen der seelischen Gesundheit (mental health). Ob und wie diese mit der Entwicklung unserer Arbeitswelt zusammenhängen, und wie ihnen deswegen zu begegnen ist, hat das Wiener Institut für medizinische Anthropologie und Bioethik (IMABE) in Zusammenarbeit unter anderem mit der Österreichischen Pensionsversicherungsanstalt und der Österreichischen Ärztekammer von Experten in der letzten Woche untersuchen lassen. Zunächst ließen einige Wiener Zahlen das Ausmaß des Problems erkennen. Rudolf Müller, Chefarzt der Pensionsversicherungsanstalt, berichtete, dass sich die Zahl der Krankenhaustage wegen psychischer Erkrankungen von 1,3 Mio im Jahre 1999 auf 3,4 Mio im Jahre 2012 mehr als verdoppelt hat. Und während körperliche Erkrankungen im Durchschnitt eine Arbeitsunfähigkeit von elf Tagen verursachen, brauchen psychische Erkrankungen mehr als das Vierfache, nämlich 40 Tage. Christian Haring, Psychiater in Hall in Tirol, konnte aus Erfahrung die Lebenssituationen schildern, aus denen sich die zunehmenden psychischen Erkrankungen erklären lassen. Zwar gelte noch das Ideal der Moderne für eine klassische Familie mit der traditionellen Rollenverteilung zwischen Mann und Frau, nach der der Mann öffentlich und die Frau privat orientiert sei, die Frau ihr Ziel in der Ehe sehe, deren zentralen Stellenwert die Kinder bilden. Doch Ideal und Wirklichkeit stimmen kaum noch überein. Das Einelternhaus, die Patchwork-Familie und die eingetragene Lebensgemeinschaft, auch die Wohngemeinschaft und schließlich die Einsamkeit im Altenheim oder in einer Anstalt treten zunehmend an die Stelle der Wohn- und Lebensgemeinschaft der traditionellen Familie (der Druckfehler im Power Point „Altentenheim“ drückte unbeabsichtigt das Grauen der Menschen vor dem Abgeschobenwerden im Alter aus).

Zuhause haben früher die Menschen die Stärkung ihrer Resilienz erhalten. Das Wort ist relativ neu im Sprachgebrauch und kommt aus dem Lateinischen resilire für wieder aufspringen. 1955 wurde es von Emily Werner eingeführt, um die Fähigkeit zu bezeichnen, Krisensituationen zu bestehen oder sogar an ihnen zu wachsen. Dazu gehören Selbstverständnis, das Setzen realistischer Ziele, die Kompetenz zur Kommunikation und zur Lösung von Problemen sowie die Möglichkeit, mit starken Gefühlen umzugehen. Es ist das die Eigenschaft des Stehaufmännchens, aus jeder Stellungsveränderung in eine Ausgangs- und Ruhelage zurückzukehren. Beim Menschen wird Resilienz durch entsprechende Erziehung in Elternhaus und Schule und durch die Work-Life-Balance gefördert, also das gelingende Verhältnis von Privatem, insbesondere der Familie, zum Beruf. Wo diese Resilienz, die Widerstandskraft gegen Störungen, fehle, folgen Störungen des Befindens, deren Krankheitswert der Hamburger Psychiater Klaus Dörner problematisierte. Dazu stellte er Thesen aus einer „Historischen Anthropologie“ vor, also einer Geschichte der jeweiligen Menschen- (und Welt)Bilder, um die heutige Situation besser verstehen und ihren Herausforderungen begegnen zu können.

Im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts sei die bisherige einheitliche Sinnwelt des einen Hauses zerfallen. Fortan gebe es die Welt der sich industrialisierenden Arbeit einerseits und die Welt des nur noch familiären Wohnens andererseits. Dazwischen liege der Arbeitsweg. Gleichzeitig wanderte die Erziehung und Bildung weitgehend in die Schulen aus, und das familiäre und nachbarschaftliche Helfen wurde professionell. Damit verringerte sich der soziale Sinn der Familie, in der nun das Psychische nur isoliert erlebt werde. Somit entstand die Voraussetzung dafür, auch psychisch zu erkranken. Zuvor, nämlich zu Beginn des 19. Jahrhunderts, hätten sich die Gründerväter der Psychiatrie noch zur Hälfte als Philosophen und Anthropologen, und nur zur anderen Hälfte als Mediziner verstanden. Jetzt aber werde das Psychische medizinisiert und damit Gegenstand des Fortschrittsglaubens an die technische Machbarkeit einer leidensfreien Gesellschaft. Das ungeheure Fortschreiten der industriell-ökonomischen Leistungsverdichtung habe gleichzeitig das Menschengemäße überschritten. Leistungsbeeinträchtigte Individuen wurden ausgegrenzt, in „fabrikanaloge“ Anstalten abgeschoben und schließlich als lebensunwert vernichtet. Nach dem Zweiten Weltkrieg habe es Ansätze gegeben, das „philosophische Bein“ der Psychiatrie wieder stark zu machen. Exemplarisch wird dazu Victor Frankl genannt. Aber die industrielle Monokultur der Effizienz und das ökonomische Wachstum der Wirtschaft als Selbstzweck „wurde so dominant, dass für die Erklärung eines zunächst unklaren psychischen Unwohlseins der früher breite Fächer etwa politischer, sozialer, kultureller, ökonomischer oder religiöser Gründe jede Glaubwürdigkeit verlor“. Jedes noch so kleine psychische Unwohlsein erhielt die medizinische Anerkennung als „Krankheit“ – womit seine wahren Ursachen ausgeblendet werden konnten. Parallel zu dieser Entwicklung stellte Dörner eine fundamentale Veränderung der Arbeitswelt fest, Die 150-jährige Industrie-Epoche, in der Sachen bearbeitet wurden, gehe zu Ende, weil die Arbeit an Maschinen delegiert werde. Neue Arbeitsplätze entstünden fast nur noch im Bereich der Dienstleistungen, die damit die neue Epoche kennzeichnen: Arbeit mit oder für Menschen. Dörner sieht darin die Chance für die Humanisierung der Arbeitswelt. Dieser Epochen-Umbruch fordere „die uns eher noch unbekannten Gesetze und Normen dieser Dienstleistungsepoche zur erforschen und uns anzueignen“. Die altbekannten Gesetze und Normen der Industrieepoche seien auf die neue Epoche nicht übertragbar. Von einer leidensfreien Gesellschaft weiter zu träumen heiße, an alten Denkfehlern festzuhalten.

Es gehe vielmehr darum, die „Ausweitung des Krankheitsbegriffs auf immer geringere Befindlichkeitsstörungen“ zu vermeiden. Eine „Arbeitswelt ohne Effizienzsteigerung mit ihren etwaigen Verzichtleistungen“ müsse akzeptabel werden. Dann könne „das humanisierende Potenzial der neuen Dienstleistungsepoche“ genutzt werden. Das aber berge Risiken und erfordere harte Vorarbeit.

Auch der Vortrag der Philosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz schöpfte aus einer historischen Anthropologie. Vergil sprach von „labor improbus“, der unguten Arbeit, die alles besiege. Ihr Zweck sei organisierter und berechenbarer Nutzen. Sie musste in der antiken Welt von Sklaven geleistet werden, während das Freisein von Arbeit als Kennzeichen der eigentlichen Würde des Menschen galt, dem die Wirklichkeit ohne harte Mühe „gratis e con amore“ begegnete. Die durch die biblische Botschaft bewirkte kulturelle Wende führte dann nach und nach zur Abschaffung der Sklaverei und zur Aufwertung der Arbeit. Nach Thomas von Aquin galt nun sogar ein rein kontemplatives Leben als nicht mehr eigentlich menschlich, sondern übermenschlich. In der Renaissance sei der Mensch als „zweiter Gott“ verstanden worden, der durch seine Arbeit die Welt zur Voll-Endung führen sollte. Doch mit der Industrialisierung sei Arbeit nicht mehr als einzulösender Schöpfungsauftrag verstanden worden, sondern sie habe den Menschen zu einem von ihr und ihren Maschinen Besessenen verwandelt, gegenwärtig in der Form des „workaholics“.

Wie aber soll die Balance von Arbeit und Muße gelingen? Dazu bietet die Philosophie die Unterscheidung von Zweck und Sinn an. Zwecke sind Ziele, die in einer zeitlichen Begrenzung, also möglichst schnell, mit rationalen Mitteln erreicht werden sollen. Sinn hat dagegen kein Ziel in der Zeit, bleibt deswegen ohne zeitliche Begrenzung ist „selbsttragend“. Eine Mozart-Musik schnell abzuspielen mit höherer Laufgeschwindigkeit, ist sinnlos. So wird ein Job ausgeübt mit dem Ziel und Zweck, das verdiente Geld für Sinn auszugeben. Ein Beruf sei dagegen selbst sinnvoll und nicht nur zweckhaft, wenn er bereits im Tun die „Freude am Tun“ gewähre, jene innere Befriedigung, die allem richtig Getanen und Gewählten innewohnt. Je mehr allerdings die Arbeit nicht mehr in der unmittelbaren Wirklichkeit geleistet wird, sondern in der von Botho Strauß sogenannten „sekundären Welt“, vorwiegend der elektronisch simulierten, desto mehr verblasst die wahre sinnlich erfassbare Welt. Und um so schwerer wird es für den Menschen, Arbeit und Muße im Gleichgewicht zu halten. Der Vergötzung der Arbeit hielt die Referentin ein Zitat von Josef Pieper entgegen: „Freiwillige, schenkende Darbietung, gerade nicht Nutzung, just das denkbar äußerste Gegenteil von Nutzung. So entsteht im Mitvollzug des Kultes, einzig von dort her, ein durch die Arbeitswelt nicht aufzuzehrender Vorrat, ein durch das sich drehende Rad des Verschleißes unberührbarer Raum nicht-rechnender Verschwendung, zweckentbundenen Überströmens, wirklichen Reichtums: der Fest-Zeitraum.“

Zwecklos, aber sinnvoll seien die Grundvollzüge des menschlichen Daseins: Geborenwerden, Lieben, Zeugen, Sterben, alles Leben, das offenbar „gratis e con amore“ als Gabe verliehen ist. Hildegard von Bingen habe im 12. Jahrhundert auf liebenswürdige Weise von einem „Netz der Freundschaft“ gesprochen, in das alle Geschöpfe eingebunden seien. Der Apfel falle eben im Herbst „gerne“ vom Baum, sodass ihn der Mensch nicht einmal pflücken müsse; „die Kräuter bieten einander den Duft ihrer Blüten dar“; die reife Ähre neige sich selbstverständlich nach unten, um geschnitten werden zu können. So ist der Mensch bei Hildegard in die Freundschaft der Dinge eingesetzt, sie sind ihm willig, nicht widerwillig dienstbar.

Der Vortrag von Joachim Burger, dem Geschäftsleiter der Human Resources von T-Mobile Austria, beschrieb schließlich, wie große Unternehmen versuchen, zur Harmonisierung von Arbeit und Muße und damit zu „mental health“ ihrer Mitarbeiter beizutragen. Die Firmen bieten sportliche, kulturelle und Bildungsprogramme und Beratung in allen Lebenslagen zur Rundum-Befriedigung an. Auch die Lösung von Sinnfragen kann zur mental health und damit zur Effizienzsteigerung des Unternehmens beitragen. Dazu wird sie mehr oder weniger offen angeboten. In der Diskussion war aber deutlich, dass eine solche „Verzweckung von Sinn“ letztlich eine Perversion ist und jener seit der Antike bekannten und umkämpften Unterscheidung von öffentlichem und politischem Raum (polis) vom häuslichen, privaten Raum (oikos) entgegensteht. Wenn der öffentliche Raum – wie im Sozialismus – den privaten verschluckt, gibt es keinen privaten, keinen der Muße gewidmeten, keinen Raum mehr, in dem Freiheit herrscht. Deswegen darf „mental health“ nicht Zwecken unterworfen werden. Am Rande der Veranstaltung zitierte ein Teilnehmer Karl Kraus: Die Stadt Wien solle für die Abwasserbeseitigung, die Müllabfuhr und den Strom sorgen. Aber: „Gemütlich bin ich selber.“