Mosul

Apostel der Gräber

Auf dem christlichen Friedhof von Tel Esqof, 35 Kilometer von Mosul entfernt, malt Loay Azabo die eingravierten Inschriften nach.

Apostel der Gräber
Auf dem christlichen Friedhof von Tel Esqof, 35 Kilometer von Mosul entfernt, malt Loay Azabo die eingravierten Inschriften nach.

Komm zum Friedhof, ich habe dort noch meinen Dienst zu Ende zu bringen“, hatte Loay Azabo gesagt. Als ich ankomme, kann ich ihn weder in der dort versammelten Trauergemeinde, noch sonstwo auf dem großen Areal entdecken. Meine letzte Hoffnung sind einige trauernde Frauen, die etwas abseits stehen. So frage ich nur „Loay“? Und wirklich, die Frauen strecken ihre Arme aus und deuten in Richtung Friedhofsmitte. Ich gehe weiter, suchend, zwischen den Gräbern hindurch, aber ich finde niemanden. Plötzlich werde ich beim Namen gerufen und bemerke, dass ich Loay schlicht und einfach übersehen habe. Denn Loay Azabo, der mich jetzt herbeiwinkt, war zwischen den Gräbern verborgen.

Er hat ein besonderes Verhältnis zu den Toten

Seine Augen strahlen mich an, während er auf seinen Camping-Klappstuhl, einige kleine Farbtöpfe, feine Pinsel, und seine farbverschmierten Handschuhe zeigt: „Ja, das hier ist mein Dienst, ich erneuere die Inschriften auf den Grabsteinen, die von der brennenden Sonne und dem oft staubigen Wind immer wieder ausgeblichen werden“, sagt er mit einem breiten Lächeln, dem man anmerkt, dass ihm meine Verwunderung nicht entgangen ist. „Hast Du ein wenig Zeit?“, fragt er, während er sich wieder auf seinen Campingstuhl setzt und zum Pinsel greift.

„Es ist wichtig, das Andenken an die Verstorbenen lebendig zu halten.“
Loay Azabo

Akkurat malt er die eingravierten, teils aramäischen, teils arabischen Inschriften nach. Dann wechselt er Pinsel und Farbe, denn die Kreuze auf den Grabsteinen werden rot ausgemalt. Und wieder verschwindet er zwischen den Grabsteinen, über die nur sein ergrautes Haar herausragt. Dann erzählt er mir, dass er bereits vor vielen Jahren beschlossen hat, seine freie Zeit diesem Dienst an den Verstorbenen zu widmen. „Es ist wichtig, das Andenken an die Verstorbenen lebendig zu halten“, sagt Loay Azabo, dem man anmerkt, dass er durch die unzähligen Stunden, die er dafür aufwendet, in einem ganz besonderen Verhältnis zu den Toten steht.

In den vergangenen Jahren hatte er sehr viel zu tun. Das 35 Kilometer von Mosul entfernt in der Ninive-Ebene gelegene Tel Esqof war über mehrere Jahre zur Geisterstadt geworden. Im Herbst 2014 waren alle Einwohner vor den anrückenden Kämpfern IS geflohen, von denen die Kleinstadt gut zwei Wochen lang besetzt gehalten wurde, bevor sie sich um einige Kilometer zurückzogen.

Er kämpft gegen die Sonne und den Wind

Da die Frontlinie nur rund zwei Kilometer entfernt war, konnten die Bewohner von Tel Esqof nicht zurückkehren, und mussten drei Jahre lang als Vertriebene in Lagern und der nahe gelegenen Stadt Alqosh leben.

Während dieser Zeit brannte die Sonne erbarmungslos auf die Grabsteine herab, und der Wind half ihr dabei, die Grabinschriften auszubleichen. Und niemand war da, um sie zu erneuern, denn auch Loay Azabo war vertrieben worden. Ich habe ihn nicht gefragt, ob er unter den Ersten war, die nach der Befreiung Tel Esqofs Ende 2016 in die verwüstete und ausgeplünderte Stadt zurückkehrten oder ob er erst später heimkehren konnte. Aber nach seiner Rückkehr begann er unverzüglich, seinen freiwilligen Dienst, den er sich selbst gesucht hat, und für den ihn niemand bezahlt, wieder aufzunehmen.

Auf drei bis fünf Grabsteine erneuert Loay an einem Nachmittag die Inschriften. Das erzählt er mir, während er sein Werkzeug verstaut und mich zu einem Spaziergang über den Friedhof einlädt. „Und wenn ich bald auf der einen Seite fertig sein werde, dann werden die Inschriften auf der anderen Seite bereits wieder ausgeblichen sein“, sagt er, während er mit ausgestrecktem Arm über das Gräberfeld zeigt.

Loay Azabo, der eigentlich Journalist ist, weiß, dass ihm in seinem freiwilligen Apostolat die Arbeit nicht ausgehen wird, und hofft, dass er seinen Dienst noch lange ausüben kann. Und er betet, dass sich eines Tages jemand finden wird, um diesen weiterzuführen. Denn in Tel Esqof werden die Menschen nicht aufhören, zu sterben, und die Sonne wird weiterhin den ganzen Sommer, nachdem die Ernte eingebracht ist, auf die Ninive-Ebene herabbrennen und das fruchtbare Land in eine staubige Wüste verwandeln.

 

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